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02.11.2014

15:14 Uhr

25 Jahre Mauerfall

Das Ende der Mauer im geteilten Dorf

Obwohl sie nur einen Steinwurf voneinander entfernt wohnten, konnten die Menschen in Zicherie und Böckwitz jahrzehntelang nicht miteinander reden. Die Wende erlebten sie als Wunder. Wie geeint ist das Doppeldorf heute?

Kurz nach dem Fall der Mauer: DDR-Autos der Typen Trabant und Wartburg stehen in Westdeutschland. dpa

Kurz nach dem Fall der Mauer: DDR-Autos der Typen Trabant und Wartburg stehen in Westdeutschland.

HannoverZicherie-Böckwitz war in der Zeit des Kalten Krieges so etwas wie Klein-Berlin. Der Todesstreifen mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen durchschnitt das Doppeldorf rund 20 Kilometer nördlich von Wolfsburg. Wo früher die unüberwindbare Betonmauer stand, sitzt Udo Gaedicke auf seinem Rasenmähertraktor und fährt über die 1990 angelegte Europawiese. Fast nichts in dieser Idylle erinnert an die ehemalige Grenze. Auf einem Schild an der Straße steht lediglich: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. November 1989 geteilt“.

Am 18. November 1989, neun Tage nach dem Mauerfall in Berlin, wurde ein Grenzübergang von Böckwitz nach Zicherie geöffnet. Dazu musste auf DDR-Seite im Grenzstreifen eine provisorische Straße gebaut werden. Gaedicke ist keiner, der viele Worte macht. „Wir lagen uns alle in den Armen, obwohl ich keinen aus Zicherie kannte“, erinnert sich der Maler an die Wiedervereinigung des knapp 500 Einwohner zählenden Doppeldorfes. Die Euphorie war groß in jenen Novembertagen. Kolonnen von Trabbis fuhren durch die niedersächsische Provinz. Menschen an den Straßen reichten Sektflaschen, Bier, Äpfel und Bananen durch die Autofenster hinein. „Wir konnten es alle nicht fassen und waren super-glücklich“, sagt Ulrike Flegel aus Zicherie, damals Anfang 20, und ihre Augen strahlen. Sie steht in der Einfahrt ihres Hauses. 1989 war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann hier gerade eingezogen, vom Fenster blickten sie auf die Grenzanlagen.

Wie es zum Mauerbau kam

21. Januar 1961

Parteichef Walter Ulbricht bespricht mit DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann eine mögliche „Sicherung der Staatsgrenze“ zur Bundesrepublik und zu West-Berlin.

10. Februar

Arbeitsgruppen von Parteifunktionären und aus dem Verkehrsministerium erörtern Möglichkeiten zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms.

16. März

Das ZK der SED macht die anhaltende Massenflucht für die schwere Wirtschaftskrise der DDR verantwortlich. Ulbricht fordert „einen entschiedenen Kampf gegen die Abwanderung aus der DDR“.

1. Mai

Ein in den Westen geflohener Abteilungsleiter des DDR-Außenministeriums berichtet über aktuelle Ost-Berliner Planungen gegen die Flüchtlingswelle. Eine diskutierte Variante sei der Bau einer Mauer entlang der Sektorengrenze rund um West-Berlin.

15. Juni

Ulbricht versucht Gerüchten zu begegnen und behauptet auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

12. August

Ulbricht gibt mit Rückendeckung aus Moskau den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze nach West-Berlin.

13. August

Bewaffnete Grenzpolizisten reißen in Berlin das Straßenpflaster auf, schieben Barrikaden zusammen und ziehen Stacheldraht. Die Grenze zu West-Berlin ist blockiert - bis 1989.

17. August

Erste Teile der Stacheldraht-Barriere werden durch eine Mauer aus Hohlblocksteinen ersetzt.

24. August

Bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer wird der erste Flüchtling erschossen.

Ulrike Flegel ist mit zwei deutschen Staaten aufgewachsen - für sie hatte die Grenze im Dorf nichts Bedrohliches. „Es war wie das Meer, dort ging es einfach nicht weiter.“ Auch Udo Gaedicke auf der Ostseite fand nichts dabei, so nahe an der Mauer zu leben. Dabei benötigten alle Verwandten einen Passierschein, um ihn in der Fünf-Kilometer-Sperrzone zu besuchen.

Friedrich Lenz dagegen hat die deutsche Teilung seinen Hof und beinahe auch das Leben gekostet. Das Grundstück des Landwirts lag zu zwei Drittel im Osten und zu einem Drittel im Westen. Der Familienvater erlitt 1952 einen Herzanfall, als die Nachricht kam, dass er von der DDR-Regierung enteignet und zwangsumgesiedelt werden sollte. Erst acht Jahre später gelang der Familie die Flucht über Berlin. 1961 baute Lenz ein kleines neues Haus im Westen, nur 200 Meter Luftlinie entfernt von seiner alten Heimat.

Sein Sohn, Friedrich-Wilhelm Lenz, erzählt die Geschichte seiner Familie sachlich, ohne Verbitterung. Er sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Zicherie, auch nur einen Steinwurf von der früheren Grenze entfernt. Die deutsche Teilung hatte ihn über Jahrzehnte von seiner Schwester getrennt. „Sie wollte statt zu fliehen bei ihrer Tante im Osten bleiben, um dort Abitur zu machen, und später nachkommen. Dann konnte sie aber erst 1986 legal ausreisen.“ Welche Erinnerungen hat er an den Mauerfall? „Das wahnsinnige Schauspiel Grenzöffnung habe ich nicht erlebt. Da war ich gerade in Barcelona“, sagt der 64-jährige frühere Volkswagen-Manager.

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