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08.11.2014

02:06 Uhr

25 Jahre Mauerfall

Deutschland feiert Zukunft

In Deutschland gehen die Festlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls weiter. Und auch das Ausland nimmt an den Gedenktagen teil. Gorbatschow kommt zu Besuch. Obama wird die Bilder von vor 25 Jahren „nie vergessen“.

Ballonstelen stehen entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer im Mauerpark in Berlin. dpa

Ballonstelen stehen entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer im Mauerpark in Berlin.

BerlinIn Berlin gehen an diesem Samstag die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls weiter. Entlang der 15 Kilometer langen Lichtgrenze mit knapp 7000 leuchtenden Ballonen werden Berliner und Touristen aus aller Welt erwartet.

Führungen und Gespräche mit Zeitzeugen sind geplant. Die Installation, die den Verlauf eines Teils der einstigen innerstädtischen Sperranlagen nachzeichnet, wurde am Freitagabend eröffnet.

Zu einem Symposium über den Kalten Krieg wird auch der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow erwartet. Mitte der 1980er Jahre hatte der Chef der Führungsmacht des Ostblocks mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) den historischen Wandel eingeleitet.

So verschieden sind Ost und West

Wirtschaft

„Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch. (Quelle: dpa)

Verdienst

Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose

Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent.

Rente

Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro.

Vermögen

Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94 000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41 000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151 000, im Osten bei 88 000 Euro.

Kinderwunsch

In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent.

Kinderbetreuung

In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote

Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik

Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe

Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent.

Studenten

Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche

Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent.

Stimmung

Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Samstagabend gleich zwei Auftritte. Zunächst eröffnet sie die Falling Walls Conference - eine Wissenschaftstagung zu bahnbrechenden Entwicklungen in Forschung und Gesellschaft. Später spricht sie ein Grußwort zu einem Konzert des einst von der DDR ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann. Er hatte mit Attacken auf die Linkspartei bei einem Auftritt am Freitag im Bundestag für Aufsehen gesorgt.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte bei der Eröffnung der symbolischen Lichtgrenze in der Nähe des Reichstags am Abend zusammen mit früheren DDR-Bürgerrechtlern an die Jüngeren appelliert, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Berlin werde auch die Opfer von Mauer und Stacheldraht nicht vergessen, sagte Wowereit.

Das Spielbrett: Beide Staaten müssen Fabriken, Infrastruktur und Lebensstandard aufbauen.

Das Spielbrett: Beide Staaten müssen Fabriken, Infrastruktur und Lebensstandard aufbauen.

Die DDR-Sperranlagen um den Westteil Berlins herum waren einst mehr als 155 Kilometer lang. Die Lichtgrenze, die von der Bornholmer Straße bis zur Oberbaumbrücke reicht, soll am Sonntag, dem Jahrestag des Mauerfalls, nach 19 Uhr wieder aufgelöst werden - etwa zu der Zeit, als vor 25 Jahren die berühmte Pressekonferenz des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski lief.

Dazu ist ein großes Bürgerfest am Brandenburger Tor geplant. Gäste wie Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus und Lech Walesa sowie NASA-Astronaut Ron Garan werden dabei sein. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werden erwartet.

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Viele Produkte und Ost-Marken sind nach dem Mauerfall verschwunden. Andere haben überlebt: Die Simson Schwalbe, Knusperflocken und auch Cabinet-Zigaretten gibt es noch. An diese DDR-Vermächtnisse denken wir gerne zurück.

Gorbatschow hatte am Freitagabend bereits am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie eine Ausstellung zum Kalten Krieg besucht. Er sei stolz, dazu beigetragen zu haben, „dass wir heute so leben wie wir leben“, sagte der 83-Jährige.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, kritisierte die Rede des Linksfraktionschefs Gregor Gysi bei der Gedenkstunde des Bundestags zum Mauerfall. „Gregor Gysi hat kein Wort über die Verantwortung für die Mauer gesprochen und auch nicht über den Schießbefehl, der auf Grundlage der Machterhaltung der SED angeordnet worden ist“, sagte Jahn dem Radiosender NDR-Info. Das zeige, dass die Linke noch viel aufzuarbeiten habe.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) rief angesichts des Jubiläums zu einer Zukunftsdebatte auf. „Wir sollten im Gedenkjahr darüber nachdenken: Welches Volk sind wir eigentlich und welches Volk wollen wir in 25 Jahren sein? Wollen wir dann immer noch über Ost und West diskutieren?“, sagte de Maizière in einem Doppelinterview mit der „Rheinischen Post“ (Samstag), das er gemeinsam mit seinem Cousin, dem früheren DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, gab.

Dieser sah auch heute noch viele Unterschiede zwischen Ost und West. Über sich selbst sagte der heute 74-Jährige Ex-Ministerpräsident der DDR: „Ich kriege die DDR nicht mehr aus dem Anzug geschüttelt, und das will ich auch nicht.“

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