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11.10.2014

16:37 Uhr

25 Jahre Mauerfall

Wie ein Halbsatz in die Freiheit führte

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ – Der Rest des Satzes ging im Jubel unter. Vor 25 Jahren brachte Hans-Dietrich Genscher rund 4000 DDR-Flüchtlingen die erlösende Nachricht.

Hans-Dietrich Genscher (rechts) und der frühere Kanzleramtsminister Rudolf Seiters 2009 auf dem berühmten Balkon der Deutschen Botschaft in Prag. dpa

Hans-Dietrich Genscher (rechts) und der frühere Kanzleramtsminister Rudolf Seiters 2009 auf dem berühmten Balkon der Deutschen Botschaft in Prag.

PragSogar am Eingangstor standen schon Betten, als sich der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher einen Weg durch die Prager Botschaft bahnte. Auch im großen Treppenhaus lagen am 30. September 1989 die DDR-Flüchtlinge, jeweils zwei auf einer Stufe. Etwa 4000 von ihnen waren in die bundesdeutsche Vertretung geströmt, um einen Weg in den Westen zu finden.

Dann sprach Genscher kurz vor 19 Uhr vom Balkon die erlösenden Worte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Dass sie in der Tat möglich geworden war, ging im Jubel unter. Für Genscher, der gerade einen Herzinfarkt hinter sich hatte, war es das schönste Erlebnis seiner Amtszeit.

Anmerken ließ er sich das kaum. „Ich hatte mir vorgenommen, ganz nüchtern und schmucklos zu sprechen“, sagt der heute 87-Jährige. Er habe nicht triumphierend wirken wollen, um den Gegnern der Ausreise im SED-Regime keine Argumente zu liefern. Sogar die Kameraleute sollten draußenbleiben – kletterten dann aber doch über den Zaun oder filmten vom Dach eines Trafohäuschens.

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Dem Erfolg waren schwierige und harte Verhandlungen vorausgegangen. „Wir schicken niemanden auf die Straße, und wir bauen keine Mauern um unsere Botschaften“, sagte der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters der DDR-Führung. Der CDU-Politiker stand an jenem Abend direkt neben Genscher. Er erinnert sich an den Blick in den „nachtdunklen und verschlammten“ Garten, den Jubel, die übergroße Freude, Dankbarkeit und Erleichterung der Flüchtlinge.

DDR-Bürger hatten über die Jahre immer wieder den Weg in das Palais Lobkowicz in Prag gefunden. Doch im Spätsommer vor 25 Jahren nahm die Fluchtbewegung aus dem Osten Deutschlands dramatische Dimensionen an. Das Rote Kreuz stellte Zelte und Betten auf.

„Es gab keine freie Stelle“, sagt die damalige Rotkreuz-Einsatzleiterin Waltraud Schröder. Vom Dachboden bis zum Heizungskeller war mit Ausnahme der Wohnung von Botschafter Hermann Huber alles belegt. Kinder habe man in den Feldbetten quergelegt, um Platz zu gewinnen.

Oft fehlte es am Nötigsten. „Das Eigenartige war: an Alkohol hatten alle gedacht, nur nicht an die Babyflaschen“, erinnert sich Schröder. Nachschub musste besorgt, schreiende Kinder mussten besänftigt werden. Und das wochenlange Zusammenleben auf engstem Raum war nicht einfach.

„Aggressiv wurden natürlich häufig diejenigen, die die Geduld verloren“, sagt die heute 78-Jährige. Sie glaubten, es ginge endlich los - und wurden wieder enttäuscht.

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