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12.01.2010

11:02 Uhr

30 Jahre Grüne

„Wir können die SPD nicht coachen“

VonDaniel Borchardt

ExklusivDie Grünen feiern ihren 30. Geburtstag – Gründungsmitglied Fritz Kuhn über leidenschaftliche Auseinandersetzungen, Ideendiebstahl der politischen Konkurrenz und die Machtoptionen für die Zukunft.

Grünen-Gründungsmitglied Fritz Kuhn: "Die Arbeit war oftmals anstrengend." dpa

Grünen-Gründungsmitglied Fritz Kuhn: "Die Arbeit war oftmals anstrengend."

Herr Kuhn, Sie sind Gründungsmitglied der Grünen. Wie blicken Sie persönlich auf die 30-jährige Parteigeschichte zurück?

Ich freue mich sehr, dass wir das geschafft haben – wir haben uns mit dem Anspruch, neue Themen in die Politik zu bringen, durchgesetzt. Und das war nicht immer einfach.

Sie meinen sicher die zahllosen Auseinandersetzungen: Gerade die Grünen sind ja für zähes Ringen und eine ausgeprägte Streitkultur bekannt.

Ja, die Arbeit war deshalb auch oftmals anstrengend. Wir streiten sehr offen, wurden von den Diskussionen immer wieder durchgerappelt. Aber das Ziel waren immer die Inhalte. Andere Parteien verstecken diese Auseinandersetzungen, das ist in meinen Augen kontraproduktiv.

Aber tut ein wenig Harmonie nicht Not?

Wenn die Schnittmenge trotz der Dispute groß ist und im Grundsatz Einigkeit besteht, dann stellt der Streit keine Gefahr dar. Wer sich auf den Zusammenhalt aber nicht verlassen kann, der hat auch Angst vor der Auseinandersetzung.

Was eint denn die Grünen, was ist der „Markenkern“?

Im Vordergrund steht die Ökologie und die Generationengerechtigkeit. Wichtig ist auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Dazu setzen wir uns für Gewaltfreiheit ein – weshalb uns die Diskussionen um Afghanistan und Kosovo-Einsatz auch so intensiv beschäftigt haben. Und letztlich verstehen wir unsere Arbeit auch stets als Projekt gegen die Politikverdrossenheit im Land.

Die politischen Gegenspieler haben inzwischen aber viele dieser Punkte in ihr eigenes Programm übernommen – eine Gefahr für Sie?

Sicher werden manche unserer Themen nun auch von anderen Parteien ernst genommen. Doch wissen die Leute da draußen gut um den Unterschied zwischen Original und Kopie. So redet Bundeskanzlerin Merkel beispielsweise sonntags von Ökologie und setzt sich werktags für Kohle- und Atomkraftwerke ein.

Seit der Wahl ist es um die Parteiführung der Grünen ruhig geworden – nur die Fraktion tritt in der öffentlichen Wahrnehmung regelmäßig in Erscheinung. Trägt die Konstruktion der Doppelspitze womöglich daran Schuld?

Das liegt eher in der Natur der Sache, der Fraktion obliegt eben die tägliche politische Auseinandersetzung mit der Regierung. So setzten wir uns aktuell gegen den Ausverkauf der staatlichen Handlungsmöglichkeiten durch das Steuersenkungspaket ein. Die Doppelspitze wirkt auf Außenstehende zugegebenermaßen etwas kompliziert, aber auf diese Weise bringen wir ein breites Personalangebot nach vorn. Aber für Strukturdebatten ist jetzt nicht die Zeit: Der Partei geht es gut, wir müssen jetzt den Gegner stellen und selber weiter wachsen.

Die SPD leckt noch immer ihre Wunden, von Erstarken kann keine Rede sein. Mit wem wollen Sie denn in Zukunft mal auf der Regierungsbank sitzen?

Wir können die Sozialdemokraten nicht coachen, die beiden Parteien sind erstmal Konkurrenten. Ich halte von den Farbenspielen ohnehin nichts. Unser Weg ist grün – nicht rot-rot-grün oder schwarz-grün. Wir entscheiden anhand der thematischen Schnittmenge über Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Mit der Nominierung von Christine Scheel zur Mittelstandsbeauftragten bändeln Sie nun noch stärker mit der Wirtschaft an. Wird das ein Frontalangriff auf die Liberalen?

Genau da greifen wir an! Wir zeigen, wie Ökologie wirtschaftlich geht und bieten mit der Grünen Marktwirtschaft ein Konkurrenzprodukt zum Neoliberalismus der FDP – deren Konzept ist am Ende.

Wie feiern Sie persönlich denn das runde Jubiläum der Grünen?

Mit meiner Frau und einer guten Flasche Wein. Und am Sonntag war ich bereits auf der Matinee in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.

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