Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.04.2012

10:21 Uhr

30 Jahre nach dem Krieg

Argentinien stellt sich die Falkland-Frage

Bis heute lernen Schulkinder in Argentinien, dass die Falklandinseln zu ihrem Land gehören. Und das selbst 30 Jahre nach dem Krieg um die „Malvinas“. Erst heute stellen einige den Anspruch auf die Inseln infrage.

Die Stadt Darwin auf den Falkland Inseln. Auch dreißig Jahren nach dem Krieg trauern die Argentinier um ihr „verlorenes Schwesterchen“. AFP

Die Stadt Darwin auf den Falkland Inseln. Auch dreißig Jahren nach dem Krieg trauern die Argentinier um ihr „verlorenes Schwesterchen“.

Buenos AiresJedes Schulkind in Argentinien lernt es von klein auf: „Las Malvinas son argentinas“, die Falkland-Inseln sind argentinisch. Auf der Landkarte ist der Archipel im Atlantik vielen geläufiger als die gegenüberliegende Provinz Santa Cruz auf dem Festland. Da gewesen sind jedoch nur die wenigsten - ausgenommen die Soldaten, die 1982 gegen Großbritannien in den Krieg geschickt wurden.
Die erste Militärregierung 1930 fing damit an, den Argentiniern den Hoheitsanspruch auf die knapp 12 000 Quadratkilometer große Inselgruppe einzupauken. Die waren ein Jahrhundert zuvor von den Briten eingenommen worden. Seitdem wurde dieser Anspruch von den Regierenden nicht mehr infrage gestellt - egal ob Militär- oder Zivilregierung.
Als „La hermanita perdida“, das verlorene Schwesterchen, werden die Inseln in einem Lied der renommierten Künstler Atahualpa Yupanqui und Ariel Ramírez besungen. Die Strophen sind auf der Website des argentinischen Erziehungsministeriums zu finden - neben anderen Liedern und Gedichten zum 30. Jahrestag der Invasion, die zum Krieg mit Großbritannien führte.
Damals, am 2. April 1982, konnte sich die Militärdiktatur unter General Leopoldo Galtieri einer breiten Unterstützung, egal welcher politischen Couleur, sicher sein - bis hin zu der linksperonistischen Guerilla der Montoneros und den Trotzkisten. In der Bevölkerung, so ergaben Meinungsumfragen, lag die Zustimmung zum Krieg bei 90 Prozent.

Chronologie des Falkland-Kriegs

2. April 1982

Rund 5000 argentinische Soldaten landen auf den Falklands und besetzen die Hauptstadt Port Stanley. Nach kurzem Kampf kapituliert die kleine britische Streitmacht von nur etwa 80 Mann.

3. April 1982

Der UN-Sicherheitsrat fordert den sofortigen Abzug Argentiniens.

5. April 1982

Premierministerin Margaret Thatcher setzt eine Flotte von zunächst 36 Kriegsschiffen mit 5000 Mann in Marsch.

8. April 1982

Die USA versuchen bis Ende April politisch zu vermitteln, scheitern aber, wie auch die Vereinten Nationen.

25. April 1982

Die ebenfalls von Argentinien besetzte Inselgruppe Süd-Georgien wird zurückerobert.

1. Mai 1982

Der erste militärische Schlag gegen die Besatzungstruppen auf den Falklands ist ein Bombenangriff auf den Flughafen von Port Stanley. Kleine Spezialeinheiten landen an mehreren Orten.

2. Mai 1982

Der argentinische Kreuzer „General Belgrano“ wird außerhalb einer von London festgesetzten 200-Meilen-Zone versenkt, 323 Besatzungsmitglieder sterben.

4. Mai 1982

Der britische Zerstörer „HMS Sheffield“ wird von einer Exocet-Rakete getroffen, 20 Seeleute kommen ums Leben. Das ausgebrannte Schiff sinkt am 10. Mai.

28. Mai 1982

Britische Fallschirmjäger erobern die Siedlung Goose Green sowie Port Darwin und zwei weitere Ortschaften.

8. Juni 1982

Britische Landungsschiffe werden bombardiert - 51 Tote.

11. Juni 1982

Die Kämpfe um Port Stanley beginnen.

14. Juni 1982

Der argentinische General Mario Menendez unterzeichnet 74 Tage nach der Invasion die Kapitulationsurkunde um 21 Uhr Ortszeit.

Die Kriegsführung mutete zum Teil abenteuerlich an. So wurden etwa zwei Dutzend Zivilpiloten einberufen, die in beschlagnahmten Privatflugzeugen die Küstenüberwachung des argentinischen Festlands zu übernehmen hatten. Sobald sie ein Schiff sahen, mussten sie nah heranfliegen, Aufzeichnungen machen und die Skizze nach Rückkehr den Offizieren der Luftwaffe übergeben. Diese primitive Aufklärungsarbeit hatte ihre Tücken.

So wurde ein Angriff auf ein eigenes U-Boot erst in letzter Minute abgebrochen, ebenso der Angriff auf einen Alleinsegler, der - hoch erschrocken - eine deutsche Fahne schwenkte, wie einer der „Aufklärer“, heute Flugkapitän einer größeren Fluggesellschaft, der Nachrichtenagentur dpa erzählte. Obwohl eigentlich keine Militärs, waren fast alle Teilnehmer dieses Geschwaders bereit, ihr Leben in dem patriotischen Vorhaben zu opfern.
Der Krieg ist lange vorbei. Doch die Einsicht wächst nur langsam.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Torsten_Steinberg

01.04.2012, 11:54 Uhr

Zur Zeit des Falkland-Krieges war Argentinien eine Militärdiktatur und die Menschenrechte wurden in den Dreck getreten - richtig! Beantwortet das aber die Frage, warum England einen stärker begründeten Anspruch auf die Falkland-Inseln glaubt erheben zu können als Argentinien?

Es ist natürlich zu begrüßen, wenn Kreise in Argentinien darum bemüht sind, die Diskussion zu entkrampfen, indem der Wert von Menschenrechten für die Entwicklung einer Nation ausdrücklich betont und territorialen Besitzansprüchen und der Verfügbarkeit von Ressourcen gleichberechtigt an die Seite gestellt wird. So weit, wie das Handelsblatt hier impliziert, geht die Selbstverleugnung aber nicht, dass die Unterzeichner der Deklaration ausdrücken wollten, dass es noch heute zuerst darauf ankäme, den Menschenrechten in Argentinien Geltung zu verschaffen, bevor an die Kalkland-Inseln gedacht werden darf. Ersteres ist nämlich schon seit langem geschehen und entsprechend ist besagter Satz, anders als in der Übersetzung, nicht im Präsens sondern in der Vergangenheitsform formuliert.

Davon abgesehen stünde es auch den Engländern nicht schlecht zu Gesicht, nach 30 Jahren einmal wieder über die Falkland-Inseln nachzudenken und zu überprüfen, mit welchem Recht auf dieses Archipel kolonialähnliche Besitzansprüche geltend gemacht werden. Doch angesichts vermuteter Erdölvorkommen und der Interessen, die englische Firmen in diesen Gewässern verfolgen, braucht man eine intellektuelle Auseinandersetzung in England, die argentinisches Niveau erreicht, überhaupt eine Auseinandersetzung angesichts dieses Jubiläums, die über ein feierliches Abspielen des "Rule Britannia, Britannia rule the Waves" hinausreicht, wohl besser nicht erwarten -oder etwa doch?

Xyler

01.04.2012, 14:02 Uhr

Tja, dass müssten sich dann einige Länder fragen, wie zB
Spanien (Kanarischen Inseln) und Frankreich
Karibik
Guadeloupe
Martinique
Saint-Barthélemy
Saint-Martin
Atlantik (Westküste)
Französisch-Guayana
Saint-Pierre und Miquelon
Sicher gibt es soch weiter Länder mit entfernten Inseln ...

Ab wann ist ein Besitzanspruch "gerechtfertigt". Historisch, weil es für mehr als 100 Jahren in Besitz genommen wurde? Oder nur durch Entfernung? Warum hat dann zB Italien auf Südtirol mehr Besitzanspruch als Österreich? Da gäbe es viele Beispiele, wo man ohne Ergebnis diskutieren könnte.

Torsten_Steinberg

01.04.2012, 16:26 Uhr

Nicht eine einzige der angeführten Inseln ist, im Gegensatz zu den Falkland-Inseln, ein Beispiel dafür, dass die Bevölkerung fast ausschließlich aus Besatzungssoldaten besteht. Der Zugehörigkeitsstatus der genannten Inseln zur EU bzw. zu den genannten EU-Staaten mag in der heutigen postkolonialen Ära skurill erscheinen, führt aber nicht zu einem derart unnatürlichen Status zwanghafter Abschottung zum natürlichen, geographischen Umfeld, wie das bei den Falkland-Inseln leider gegeben ist.

Ungeachtet dessen sollte meines Erachtens den französischen Überseedepartements durchaus freigestellt sein, über ihre staatliche Zukunft selbst zu entscheiden. Allerdings ist mir nicht bekannt, dass derartige Bestrebungen irgendwo nennenswert bestehen und ein Ausmaß annehmen würden, wie es beispielsweise auf Korsika der Fall wäre.

Ihr Beispiel Südtirol fällt dagegen in die ganz andere Kategorie ewig umstrittener Grenzgebiet benachbarter Staaten, wie Elsaß-Lothringen, Schleswig, Preußen, Slavonien, Kosovo, Mazedonien, Nordirland etc. Die Problematik dieser Gebiete ist bzw. wird hoffentlich noch im Rahmen einer fortschreitenden Europäisierung überwunden. Für die Auflösung der unnatürlichen Verhältnisse um die Falkland-Inseln, sind allerdings Bemühungen anderer Art von Nöten. Auf jeden Fall sehe ich keinerlei Grundlage für einen Vergleich mit Martinique oder Südtirol.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×