Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.06.2011

09:54 Uhr

70 Jahre "Unternehmen Barbarossa"

„Verblutet in der Weite des russischen Raumes“

VonGero Brandenburg

ExklusivHitler träumte von Lebensraum im Osten. Am 22. Juni 1941 griff er die Sowjetunion an - und scheiterte an Stalin. Zwei Jahre früher hätte Hitler Erfolg gehabt, sagt der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller.

Die Schlacht um Stalingrad bringt für das deutsche Heer die erste vernichtende Niederlage. Mehr als 170.000 deutsche Soldaten der 6. Armee sterben in Kampfhandlungen, durch Hunger und Kälte. Das Bild zeigt deutsche Infanterie in Stalingrad im Herbst 1942. Quelle: picture-alliance

Die Schlacht um Stalingrad bringt für das deutsche Heer die erste vernichtende Niederlage. Mehr als 170.000 deutsche Soldaten der 6. Armee sterben in Kampfhandlungen, durch Hunger und Kälte. Das Bild zeigt deutsche Infanterie in Stalingrad im Herbst 1942.

Handelsblatt Online: Herr Professor Müller, am 22. Juni 1941 griff die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion an. Es folgte ein Krieg mit 30 Millionen Toten. Sie gehen davon aus, dass Hitler diesen Angriff bereits zwei Jahre vorher führen wollte. Wieso?

Rolf-Dieter Müller: Hitlers Zielsetzung war von Anfang an klar, sie basierte auf seiner Ideologie: Er wollte die Expansion, er wollte den Krieg im Osten, um Lebensraum für das deutsche Volk zu schaffen. Das bedeutete Krieg mit der Sowjetunion, mit dem Bolschewismus. Und Hitler wollte diesen Krieg so schnell wie möglich. Seit Mitte der 1930er Jahre gab es dafür Pläne. Dokumente der deutschen Marine aus dem Jahr 1938 etwa zeigen, wie ein militärischer Schlag gegen Kronstadt, Stützpunkt der russischen Ostseeflotte, hätte aussehen sollen. Kronstadt hätte 1939 das Pearl Harbour im Osten werden können. Dies wäre ein gewaltiger strategischer Vorteil für das Deutsche Reich gewesen.

Doch der Angriff blieb aus. Stattdessen überfiel das Deutsche Reich 1939 Polen.

Ja, dennoch sah Hitler in Polen bis zum Frühjahr 1939 noch einen potenziellen Verbündeten für den Feldzug gegen Russland. Seit 1934/35 umwarb er das antibolschewistische Militärregime in Warschau, das eine gemeinsame Grenze mit der UdSSR hatte, im Kriegsfall 1,5 Millionen Soldaten mobilisieren konnte und gewissermaßen als Juniorpartner in Hitlers Augen sehr attraktiv war. Die deutsche Führung forderte den freien Zugang nach Danzig, das damals unter Aufsicht des Völkerbundes stand, um mit diesem Stützpunkt über das Baltikum einen Krieg gegen die Sowjetunion führen zu können. Als Kompensation wurden Polen Teile der Ukraine angeboten. Doch die Regierung in Polen, die zunächst nicht abgeneigt war, lehnte ab und verließ sich auf Sicherheitsgarantien der Westmächte. Garantien ohne Wert, wie sich später zeigte. Weil Polen sich verweigerte, schwenkte Hitler um. Nun galt sein Augenmerk erst einmal den Polen.

Und dafür ging er sogar einen Pakt mit seinem Erzfeind Stalin ein?

Hitler dachte trotz aller Ideologie durchaus pragmatisch. Die Übereinkunft mit Stalin, die am 23. August 1939 im Nichtangriffspakt mündete, war Hitlers Bluff, um die Westmächte zu entmutigen. Er hoffte, dass ihm England doch noch freie Hand im Osten gewährt und wohl auch, dass Polen einlenkt. Wenn Großbritannien und Frankreich nicht reagiert hätten, hätte er im Westen den Rücken frei gehabt und sich nach der Niederwerfung der Polen weiter nach Osten wenden können. Der Vertrag mit Russland hatte für Hitler ohnehin keinen dauerhaften Wert. Doch es kam anders. Die Kriegserklärung der Westmächte hat ihn schockiert, das hatte er nicht erwartet.

Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nach der Niederlage Frankreichs posiert er im Juni 1940 mit Reichsminister Albert Speer (links) und dem Bildhauer Arno Breker vor dem Eiffelturm in Paris. Quelle: ap

Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nach der Niederlage Frankreichs posiert er im Juni 1940 mit Reichsminister Albert Speer (links) und dem Bildhauer Arno Breker vor dem Eiffelturm in Paris.

War die Auseinandersetzung mit den Westmächten nicht sowieso einkalkuliert?

Nein, Hitler war durchaus an einem Ausgleich mit England interessiert. Diese Hoffnung haben die Engländer mit ihrer Appeasement-Politik bis 1938 auch gefördert. Eine Übereinkunft mit den Briten hätte auch Frankreich zur Passivität verurteilt. Ich glaube nicht an einen festen Stufenplan, wonach Hitler eine feste Angriffsreihenfolge hatte: Erst Polen und dann Frankreich, um anschließend – mit entsprechender Machtbasis im Rücken – die Sowjetunion zu attackieren. Hitler selbst hat dies vor seinen Generälen nachträglich zwar so dargestellt, um sich als genialer Schlachtenlenker zu präsentieren. Von einer Strategie kann aber nicht die Rede sein. Tatsächlich hat Hitler improvisiert, weil erst die Polen nicht mitspielten und dann auch die Engländer nicht. Wie gesagt, er hätte gerne schon 1939 gegen die Sowjetunion losgeschlagen.

Wie wären seine Erfolgschancen gewesen?

Zu diesem Zeitpunkt sehr gut. Selbst wenn Polen neutral geblieben wäre, und (auf seinem Staatsgebiet) den Durchmarsch für die Wehrmacht freigemacht hätte, oder – noch besser – die 50 polnischen Divisionen mitmarschiert wären, wäre es wohl eine klare Angelegenheit gewesen. Stalin hatte 1938 große Teile des Offizierscorps liquidieren lassen, um seine Machtposition zu stärken. Nach diesen Säuberungen war die Rote Armee 1939 in einem desolaten Zustand. Dazu kommt, dass die Grenzen andere waren. Mit dem Nichtangriffspakt und seinem Anteil an der polnischen Beute, Gebietsgewinne in Ostpolen, verbreiterte Stalin jedoch sein strategisches Vorfeld erheblich. Ohne diesen 300 Kilometer breiten Raum hätte die Wehrmacht ihren Feldzug ja sozusagen vor den Toren von Leningrad, Minsk und Kiew begonnen. Die Eroberung dieses Gebietes kostete die Wehrmacht im Sommer 1941 mehr als 400.000 Mann und verzögerte den Vormarsch auf Moskau entscheidend.

Russland erinnert sich: Stolz auf den Sieg, aber ohne Hass

Russland erinnert sich

Stolz auf den Sieg, aber ohne Hass

Hitlers Krieg gegen die UdSSR kostete rund 27 Millionen Sowjetbürger das Leben. Auf den Sieg sind die Russen auch 70 Jahre danach stolz – doch Hass auf die Deutschen verspüren sie nicht. VON FLORIAN WILLERSHAUSEN

Im Sommer 1941 war Hitler Herr über fast ganz Europa. Nur England stand gegen ihn. Warum eröffnete er ohne Not einen neuen Kriegsschauplatz?

In Hitlers Ideologie war der so genannte Lebensraum im Osten von zentraler Bedeutung. So steht es schon in „Mein Kampf“, aber auch in der Denkschrift zum Vierjahresplan von 1936. Davon wich er nicht ab. Er wollte den Machtfaktor Russland ausschalten, um den Boden für ein zukünftiges Großdeutsches Reich zu schaffen. Dieses Imperium wäre in Hitlers Vorstellung unangreifbar und mit seinen unerschöpflichen Ressourcen immun gegen jede Blockade gewesen. Voraussetzung war der Sieg des Germanentums über die vermeintlich niedere slawische Rasse.

Und die deutsche Heeresleitung folgte ihm bedingungslos?

Pläne für den Feldzug gegen Russland lagen im Generalstab bereits vor. Der Chef des Generalstabs, Franz Halder, musste sie nur noch aus der Schublade nehmen. Bereits Ende Juli 1940 legte er Hitler entsprechende Vorschläge vor. Hitlers endgültiger Befehl zur Vorbereitung des Unternehmens Barbarossa erfolgte dann am 18. Dezember 1940.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

22.06.2011, 10:54 Uhr

Ich bin erstaunt, dass deutsche Historiker nach 70 Jahren ihre Sichtweise auf den 2. Weltkrieg noch immer nicht geändert haben. Hitler hat den Krieg nicht allein geführt und war an den Reichtümern des Ostens interessiert, sondern das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft. Auch ein weiterer wesentlicher Aspekt über den Sinn und die Motivation des Krieges wird unterschlagen, Deutschland führte einen Eroberungskrieg und die Sowjetmenschen verteidigten ihr Vaterland. Stalins Verdienst war die Einigung nach den Bürgerkriegen und die Mobilisierung aller Kräfte für die Befreiung, auch mit Hilfe der kommunistischen Ideologie. Nicht die Mähr von der Weite Rußlands und dem harten Winter entschied über die deutsche Niederlage.

hessenmob

22.06.2011, 11:45 Uhr

Na toll!

Die Intention des Interviews war wohl der Ablauf der Niederlage aus dt. Sicht der Operation Barbarossa auf zu zeigen - und nicht, wie der Menschenfreund Stalin dies verhinderte.

argelander

22.06.2011, 12:14 Uhr

Ein guter, weil sachlicher Beitrag. Allerdings fehlt bei der Betrachtung ein nicht unwichtiger Aspekt: soweit mir bekann sollte das "Unternehmen Barbarossa" bereits im Frühjahr 1941 beginnen, musste aber wegen der unerwartet langen Bindung wesentlicher Wehrmachtkontingente bei der Niederwerwerfung Serbiens auf den Sommer verschoben werden, so dass weniger Zeit für den "vorwinterlichen" Einsatz in Russland blieb. Wie Freiherr von Stein so richtig feststellte, ist Krieg nicht nur die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln (recht bekanntes Zitat), sondern nehmen Kriege zumeist auch einen anderen Verlauf als anfangs geplant, wie es sich auch in Vietnam, Irak und Afganistan gezeigt hat

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×