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02.01.2014

19:25 Uhr

Abbrecher

Kein Bock auf Schule!

VonJakob Struller

Nirgendwo sonst verlassen so viele Menschen die Schule ohne wenigstens einen Hauptschulabschluss wie im ländlichen Südwesten von Mecklenburg-Vorpommern. Der Grund dafür ist einfach – doch nicht leicht zu ändern.

Misserfolg Schule: In Mecklenburg-Vorpommern ist die Schulabgänger-Quote derjenigen ohne Abschluss besonders hoch.

Misserfolg Schule: In Mecklenburg-Vorpommern ist die Schulabgänger-Quote derjenigen ohne Abschluss besonders hoch.

KölnIn dem kleinen Ort Lübz in Mecklenburg-Vorpommern, südöstlich von Schwerin, gibt es eine Schule, deren Schüler nur an zwei Tagen pro Woche Unterricht haben. Die restlichen drei Tage gehen sie arbeiten: als Lackierer oder Schlosser, als Helfer in Pflegeeinrichtungen oder im Baumarkt. Nach zwei bis vier Jahren verlassen die Jugendlichen die Schule, fast alle mit einem Hauptschulabschluss in der Tasche. Dass sie den noch schaffen würden, daran hatte vorher oft schon lange niemand mehr geglaubt. Denn auf die Regionale Schule Lübz gehen Jugendliche, die als „schulabschlussgefährdet“ gelten.

Davon gibt es in Mecklenburg-Vorpommern viele. In keinem anderen Bundesland verlassen so viele Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss. Ganz besonders in den ländlichen Regionen im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns hatten zeitweise bis zu 16 Prozent der Schulabgänger keine Berufsreife, wie der Hauptschulabschluss dort heißt. Das geht aus dem Prognos Zukunftsatlas 2013 hervor. Mittlerweile hat das statistische Bundesamt neuere, anders berechnete Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass es bergauf geht. Mecklenburg-Vorpommern konnte die landesweite Quote von 14 auf zehn Prozent senken und kommt dem Bundesdurchschnitt von etwa sechs Prozent damit näher – immerhin. Dennoch: „Insgesamt ist die Quote der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss zu hoch“, sagt Mathias Brodkorb Handelsblatt Online, der Bildungsminister des Landes.

Wo die Chancen am höchsten – und am niedrigsten sind

Vorreiter Bayern

Von den 15 Regionen, denen der Prognos-Zukunftsatlas 2013 die besten Chancen einräumt, liegen allein neun in Bayern: Coburg, Landshut und Ebersberg belegen im Ranking der Regionen mit den besten Chancen die Plätze 14, 13 und 12. Auf Rang 15 schafft es der hessische Main-Taunus-Kreis. Dort nahm besonders die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu.

Gute Chancen im Süden

Auch Baden-Württemberg ist immerhin drei Mal unter den Top 15: Heidelberg (das Plus sind dort der hohe Anteil junger Erwachsener) und Stuttgart mit einem hohen Anteil Hochqualifizierter kommen auf Rang 11 und 10. Am besten aus Baden-Württemberg schneidet Böblingen auf Rang fünf ab. Dort ist die Entwicklung der Hochqualifizierten besonders gut.

Die Auto-Stadt

Auch Wolfsburg hat es in die Top 15 der Regionen mit den besten Zukunftschancen geschafft. Die VW-Stadt in Niedersachsen landet auf Rang neun. Positiv wirkte sich dort vor allem der niedrige Verschuldungsgrad aus.

Die Verfolger

Auf den Plätzen fünf bis acht landen mehrheitlich wieder bayrische Städte: Starnberg (8) zeichnet ein hoher Wohlstand und eine hohe Kaufkraft aus, Regensburg (7) eine hohe Arbeitsplatzdichte. Auf Platz sechs schafft es die hessische Stadt Darmstadt mit einer positiven Entwicklung von Hochqualifizierten. Auf Rang fünf liegt Böblingen (Baden-Württemberg).

Die Spitzengruppe

Nirgendwo sind die Chancen so gut wie in Bayern. Die ersten vier Plätze gehen an das südlichste Bundesland. Auf Rang vier liegt die Audi-Stadt Ingolstadt mit vielen Beschäftigten in deutschen Zukunftsfeldern, Erlangen mit eine hohen Anteil Hochqualifizierter ist Dritter, die Landeshauptstadt München steht auf Rang zwei. Spitzenreiter des Rankings ist der Landkreis München.

Schlechte Aussichten

Ganz unten im Ranking der Regionen liegen die Landkreise Stendal (Platz 401), Vorpommern-Rügen (Platz 400) und die Uckermark (Platz 399). Der größte Teil der Uckermark liegt im Bundesland Brandenburg, ein kleiner Teil gehört zu Mecklenburg-Vorpommern.

Extreme Risiken...

... gibt es vor allem in Prignitz. Der Landkreis in Brandenburg liegt ganz hinten im Ranking. Besonders negativ wirkt sich die niedrige Zahl von Beschäftigten mit hoher Qualifikation aus.

Deshalb haben sich Bund und Länder vor fünf Jahren vorgenommen, die Zahl der bundesweiten Schulabgänger ohne Abschluss zu halbieren: Von damals acht auf vier Prozent bis 2015. Diesem Ziel nähert sich Deutschland nur langsam, auch in Mecklenburg-Vorpommern wünscht man sich, die Quoten würden schneller schrumpfen.

Dass ausgerechnet dort so viele Schüler keinen Hauptschulabschluss haben, dafür gebe es zwei zentrale Gründe, sagt Minister Brodkorb. Zum einen seien die Kriterien für den Abschluss in jedem Land anders. „Unsere Quoten sind auch deshalb schlechter, weil es in Mecklenburg-Vorpommern im Unterschied zu anderen Ländern nicht möglich ist, mit einer Sechs auf dem Zeugnis die Berufsreife zu erwerben“, so Brodkorb. Das noch größere Problem aber sei der Förderschulsektor. Der ist in Mecklenburg-Vorpommern vergleichsweise groß. Und an den allerwenigsten Förderschulen können die Schüler die Berufsreife überhaupt ablegen. „Verschiedene Bildungsvergleiche zwischen den Ländern zeigen, dass unsere Schülerinnen und Schüler nicht leistungsschwächer sind als im Durchschnitt der Bundesrepublik“, sagt Brodkorb. „Daran kann es nicht liegen.“

Kommentare (3)

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Rob Roy

03.01.2014, 09:30 Uhr

Ein Schulabschluß wird überbewertet. Man kann ja immernoch Außenminister und Vizekanzler werden. Außerdem lehrt die allwissende Glotze, daß man auch Geld machen kann, indem man sich bei Fremdschäm-Wettbewerben prostituiert.

Und letztlich sorgt die soziale Hängematte dafür, daß Wohnung und Heizung gestellt werden und immernoch ein paar Groschen Bares zum verjubeln über bleiben. Wozu also in der Früh aufstehen und sich abrackern??? Wer richtig arbeitet, verdient eh kaum Geld. Richtig Kohle bekommen nur jene, die dir sagen, daß dort hinten Arbeit liegt....

RalphFischer

03.01.2014, 13:11 Uhr

"Der grünen Bildungspolitikerin Ulrike Berger geht das nicht weit genug. „Wir brauchen vernünftig ausgestaltete Inklusion“, sagt sie. Denn: „Gemeinsam lernen hilft allen.“ Man brauche ausreichend Personal und Sachmittel, aber dann sei die Gesamtschule das beste System. So könnte der Förderschulsektor deutlich kleiner werden. Und mit ihm auch die Quote der Schulabgänger ohne Berufsreife."

Das ist hoffentlich aus dem Zusammenhang gerissen, denn es passt ÜBERHAUPT NICHT zum Artikel.

Die reden von Schülern, die 2 Tage die Woche zur Schule gehen. Wenn man die in eine Gesamtschule "inkludieren" will, was sollen denn die anderen Schüler in den restlichen 3 Tagen machen ?

Merkur

03.01.2014, 14:23 Uhr

... eine Präsentation über die Firma zu erstellen zum Beispiel oder auszurechnen, wie viele Fließen man für einen bestimmten Raum braucht.

Es sollte sich doch hier sicherlich um "Fliesen" handeln, oder gibt es noch eine weitere Rechtschreibreform, die besagt, dass jeder so schreiben kann, wie er möchte?

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