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24.09.2015

06:18 Uhr

Abgasskandal

VW-Krise alarmiert Top-Ökonomen

VonDietmar Neuerer

VW-Chef Winterkorn geht, die Probleme bleiben. Die Abgas-Affäre könnte verheerende Konjunkturfolgen nach sich ziehen, warnen Ökonomen. IW-Chef Hüther spricht schon von einem Skandal mit „systemischer Krisenqualität“.

Dem VW-Konzern wird die Manipulation von Schadstoffmessungen bei Dieselfahrzeugen vorgeworfen, es drohen milliardenschwere Strafzahlungen. Die Wolfsburger haben das Fehlverhalten bereits eingeräumt und einen Verkaufsstopp für die betreffenden Modelle in den USA erlassen. dpa

Volkswagen-Werk in Wolfsburg.

Dem VW-Konzern wird die Manipulation von Schadstoffmessungen bei Dieselfahrzeugen vorgeworfen, es drohen milliardenschwere Strafzahlungen. Die Wolfsburger haben das Fehlverhalten bereits eingeräumt und einen Verkaufsstopp für die betreffenden Modelle in den USA erlassen.

BerlinDer ans Licht gekommene Diesel-Skandal um Volkswagen (VW) wegen manipulierter Abgastests hat die deutsche Wirtschaft und Ökonomen in Alarmstimmung versetzt. „Wir erleben, wie in der Finanzkrise, dass ein Vorfall systemische Krisenqualität erlangt hat: hier über die Zulieferernetzwerke, den Kollateralschaden für die ganze Branche, die Teilentwertung der Marke „Made in Germany“, den Wertverlust an der Börse“, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, dem Handelsblatt. Der Unterschied zur Finanzkrise sei nur, dass es sich um ein deutsches und nicht um ein globales Phänomen handle.

Einen Konjunkturdämpfer schließt auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, nicht aus. „Auch wenn wir nicht wissen, wie stark sich der Fall VW auf die deutsche Wirtschaft auswirken wird, so ist das Risiko durch die hohe Abhängigkeit Deutschlands von seinen Exporten hoch“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. Daher müsse es nun „dringend um Schadensbegrenzung  für VW und für deutsche Exporteure allgemein gehen“.

Um die Wogen einigermaßen zu glätten, kündigte VW-Chef Martin Winterkorn gestern Abend seinen Rückzug von der Konzernspitze an. Der 68-jährige erklärte in Wolfsburg, er übernehme die Verantwortung für die bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren und habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit ihm eine Vereinbarung zur Beendigung seiner Funktion zu treffen. „Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell“, sagte Winterkorn. Mit seinem Rücktritt mache er den Weg dafür frei. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren.“

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Mit Sorge blickt auch der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, auf mögliche Folgen der VW-Krise. „Wenn der Autoabsatz der deutschen Hersteller in den USA nachhaltigen Schaden nehmen sollte, ist das damit gesamtwirtschaftlich ein durchaus bedeutsames Risiko“, sagte Bielmeier dem Handelsblatt. „So würde ein möglicher Rückgang der deutschen Kfz-Ausfuhren in die USA als Folge des Skandals um zum Beispiel 20 Prozent die deutsche Konjunktur rechnerisch immerhin um 0,2 Prozent dämpfen.“ Außerdem bliebe ein solcher Rückgang wohl nicht ohne Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sagte Bielmeier weiter. „Der Personalaufbau der letzten Jahre dürfte sich dann kaum weiter fortsetzen.“

Immerhin, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, wertet den Skandal schon als einen Schlag ins Kontor. Nun müsse wie von VW angekündigt ganz eilig Transparenz geschaffen werden, sagte Wansleben der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, rief in „Bild“ den Autobauer auf, „jetzt schnell alles auf den Tisch“ zu legen. „Davon hängt auch ab, ob ein Kollateralschaden für das Image deutscher Produkte entsteht.“ Wansleben und Börner betonten allerdings, das Gütesiegel „Made in Germany“ hänge nicht nur von einem einzigen Unternehmen ab.

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Premium Das Ende des Größenwahns bei VW

Auf das Dieselgate folgt der Winterkorn-Rücktritt: Wie das System Volkswagen über Jahre funktionierte, welche Rolle die USA spielen und wie Deutschlands größter Autobauer sich neu erfinden muss.

VW ist jedoch nicht irgendein Unternehmen. Volkswagen mit seiner Tochter Audi sei das Aushängeschild der deutschen Automobilindustrie, sagte der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, Stefan Bratzel. Der Skandal sei daher ein deutsches Thema. „Da sind alle in der Sippenhaftung“, ist Bratzel überzeugt.

Mit 368 Milliarden Euro Umsatz und 775.000 direkt Beschäftigten ist die Autoindustrie die größte deutsche Industriebranche. Ihre Bedeutung hat in den vergangen Jahren deutlich zugenommen. Seit 1995 hat sie den Anteil an der Bruttowertschöpfung der deutschen Wirtschaft von 2,8 auf 4,0 Prozent und ihren Anteil an den Industriebeschäftigten von 10,9 auf 12,8 Prozent gesteigert. Ohne die Autoindustrie wäre die deutsche Wirtschaft seit 1995 insgesamt um zwei Prozentpunkte weniger gewachsen.

Kommentare (46)

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24.09.2015, 08:52 Uhr

Wie geht´s eigentlich meinem langjährigen Vorbild, dem Hedgefonds-Killer, Kosten-Cutter und Rendite-Pusher Dr. Wiedeking ?

Macht es so viel Spaß und vor allem erfüllt es einen richtigen Mann sich mit Spielzeugeisenbahnen zu beschäftigen und als Gastronom zu betätigen, selbst wenn man(n) auch schon über 100 Mio. € auf dem Konto hat. Und jetzt wo Intimfeind Piech nicht mehr da ist ? Soweit mir bekannt ist, hat Dr. Wiedeking auch keine junge Muse daheim die ihn ständig fordert.

Account gelöscht!

24.09.2015, 09:09 Uhr

Deutschland sieht sich einer Gemengelage von zum Teil selbstverschuldeten und zum Teil extern verursachten Problemen gegenüber, die in der Summe durchaus geeignet sein können, der Deutschland Wirtschaft erheblichen Schaden zuzufügen und sie in die Krise zu stürzen. Der mit dem VW-Abgasskandal verbundene langfristige Imageschaden für das "Made in Germany" ist wohl nur der erste Schneeball, der die Lawine ins Rollen bringen könnte.

Aufzulisten sind die folgenden Probleme:

1. Gegen jede Vernunft und gegen die Gesetze der Physik betriebene Energiewende, die Jahr für Jahr die Wirtschaft mit immer neuen Kosten belastet.

2. Selbstmörderische und nur mit Kadavergehorsam gegenüber dem Hegemon in Washington erklärbare Rußlandsanktionen, die allmählich eine immer größere toxische Breitenwirkung entfalten.

3. Überflutung des Landes mit uneingeladenden Gästen. Dies wird nicht nur zur Überlastung vieler öffentliche Kassen, sondern auch zu unkontrollierbaren sozialen Konflikten führen. Solange Frau Merkel im Amt ist, wird trotz aller gegenteiligen verbalen Beteuerungen auf Gipfelpalavern in Brüssel allein von dieser Tatsache weltweit die Botschaft ausgehen, daß Deutschland am Ende jeden einlassen wird.

4. Normalisierung des Wachstumstempos in China

5. Allgemeine Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Dynamik

Für die Punkte 1-3 trägt Frau Merkel persönlich die Hauptverantwortung. Der Schaden, den sie der deutschen Wirtschaft zufügt, geht schon jetzt in Milliarden. Die Billionengrenze dürfte bald überschritten werden.

Herr Giannis Peissinger

24.09.2015, 09:10 Uhr

Sehr vieles laeuft momentan sehr schlecht fuer Deutschland.
Indikativ und nicht limitativ ein paar Beispiele:
Eurokrise, Berliner Flughafen, Elbphilharmonie, Fluechtlingschaos, nun VW und vieles mehr, was noch im Dunklen schlummert.
Die Reputation des Landes siecht dahin.
Die Geschichte wird eines Tages zeigen, inwiefern alles purer Zufall war oder aber miteinander zusammenhaengt oder gar inorchestriert war.

Fuerchte, wir haben des Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.
Kann es nicht begruenden, ist nur ein Bauchgefuhl. . .

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