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06.03.2012

19:13 Uhr

Absagen zum Abgesang

Wulffs Ärger mit dem Zapfenstreich

Auch nach seinem Rücktritt als Bundespräsident nimmt der Zank um Christian Wulff nicht ab. Zu seinem Großen Zapfenstreich wird fast das halbe Bundeskabinett nicht erscheinen. Manche bekamen nicht mal eine Einladung.

Christian Wulff schreitet in Berlin die Ehrenformation der Bundeswehr ab (Archiv). dapd

Christian Wulff schreitet in Berlin die Ehrenformation der Bundeswehr ab (Archiv).

BerlinKleiner Großer Zapfenstreich für Christian Wulff: Drei Wochen nach seinem Rücktritt als Bundespräsident werden am Donnerstag bei der offiziellen Verabschiedung viele politische Weggefährten fehlen. Weder Wulffs Amtsvorgänger noch die Spitzen der Bundestagsfraktionen kommen ins Schloss Bellevue. Auch mindestens fünf Bundesminister bleiben nach Informationen der Nachrichtenagentur dapd aus Termingründen dem Zeremoniell fern. 

Vor diesem Hintergrund forderten nicht nur Oppositionspolitiker am Dienstag Wulff zum Verzicht auf diese Ehrung auf. Auch aus den Reihen der Koalition kam der Ruf zumindest nach einer Verschiebung des ehrenvollen Abschiedsrituals. Der Große Zapfenstreich ist das höchste Zeremoniell der Bundeswehr zu Ehren von Spitzenmilitärs und herausragenden Politikern.

Keine Einladung an Bundestagsfraktionen

Ihr Kommen haben sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch Bundestagspräsident Norbert Lammert zugesagt. Nicht erscheinen werden hingegen Spitzenvertreter der fünf Bundestagsfraktionen, da sie keine Einladung zu der Zeremonie erhalten haben. Sowohl Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) als auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gaben dies als Begründung für ihr Fernbleiben an. Linkspartei und die Grünen betonten zugleich, dass sie auch bei einer offiziellen Einladung Wulff abgesagt hätten.

Chronologie Christian Wulff

25. Oktober 2008

Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, bekommt von der Unternehmergattin Edith Geerkens einen Privatkredit über 500.000 Euro zum Kauf eines Hauses in Burgwedel bei Hannover.

18. Februar 2010

Die Grünen im niedersächsischen Landtag wollen vom damaligen Ministerpräsidenten Wulff unter anderem wissen, welche Spenden beziehungsweise Sponsoringleistungen er oder die CDU in den vergangenen zehn Jahren vom Unternehmer Egon Geerkens erhalten haben und ob es geschäftliche Beziehungen zu Geerkens gab. Wulff verneint dies.

21. März 2010

Die im Dezember 2009 aufgenommenen Gespräche mit der Stuttgarter BW-Bank führen zur Unterzeichnung eines kurzfristigen günstigen Geldmarktdarlehens, mit dem Wulff das Geerkens-Darlehen ablöst. Der Zinssatz beträgt 2,1 Prozent. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vermutet Ende 2011 einen Zusammenhang zwischen dem sehr günstigen Darlehen und dem Einsatz Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident für den Einstieg des VW-Konzerns bei Porsche.

17. August 2011

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet, dass Journalisten das Grundbuch von Wulffs Haus einsehen dürfen, wenn dies für eine journalistische Recherche erforderlich ist. Mehrere Medien recherchieren zu dem Fall.

12. Dezember 2011

Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht Medienberichten zufolge, den „Bild“-Chefredakteur Kai Dieckmann zu erreichen, um auf die anstehende Berichterstattung über seinen Privatkredit Einfluss zu nehmen. Er spricht Diekmann auf die Mailbox und droht den „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag für den Fall an, dass diese „unglaubliche“ Geschichte tatsächlich erscheine.

13. Dezember 2011

Die „Bild“-Zeitung berichtet erstmals über das Darlehen und fragt, ob Wulff das Landesparlament getäuscht habe. Sein Sprecher Olaf Glaeseker teilt mit, Wulff habe die damalige Anfrage korrekt beantwortet. Es habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens gegeben und gebe sie nicht.

22. Dezember 2011

Wulff tritt erstmals persönlich in der Affäre an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich für seinen Umgang mit den Vorwürfen. Er bekräftigt jedoch, im Amt bleiben zu wollen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt“, versichert das Staatsoberhaupt. Kurz vor seiner Erklärung im Schloss Bellevue entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker ohne Angabe von Gründen.

4. Januar 2012

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. In einem Fernseh-Interview zur besten Sendezeit beantwortet Christian Wulff Fragen zur Kredit-Affäre. Im Gespräch mit ARD und ZDF räumte Wulff ein, dass der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, der mit seinem eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar sei. Der Fehler tue ihm leid und er habe sich auch entschuldigt. Zugleich betonte Wulff, er wolle nicht Präsident in einem Land sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne. Ungeachtet des anhaltenden Drucks in der Kredit- und Medienaffäre machte der Bundespräsident in dem Interview auch klar, dass er nicht zurücktreten wolle. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte Wulff. Mit Blick auf das Darlehen der BW Bank sagte er, es handele sich um normale und übliche Konditionen. Das gesamte Risiko der Zinsentwicklung liege bei ihm, so Wulff. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

18. Januar 2012

Im Auftrag Wullfs stellt sein Anwalt nun doch Journalisten-Anfragen und Antworten auf knapp 240 Seiten online.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht keine Anhaltspunkte gegen Wulff wegen seines Hauskredites bei der BW-Bank zu ermitteln.

19. Januar 2012

Die Staatsanwaltschaft durchsucht das Haus und Büro von Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker und die Räumlichkeiten des Eventmanagers Manfred Schmidt. Ermittelt wird wegen Korruptionsverdacht. Glaeseker soll die private Lobby-Veranstaltung Nord-Süd-Dialog „gefällig gefördert“ haben.

8. Februar 2012

Die Bild-Zeitung berichtet, dass der Filmunternehmer David Groenewold für Wullf und seine spätere Frau Bettina einen Urlaub auf Sylt gebucht und bezahlt habe. Wulffs Anwalt erklärt, der damalige Ministerpräsident habe die Kosten später in bar beglichen habe. Groenewold soll vor drei Wochen das Sylter Hotel angerufen und zum Stillschweigen verpflichtet haben. Im gleichen Jahr gab das Land Niedersachsen dem Filmunternehmen eine Bürgschaftszusage.

16. Februar 2012

Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt beim Bundestag die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten. Es bestehe ein Anfangsverdacht auf Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung, so die Staatsanwaltschaft. Der Bundestag entscheidet nun, ob gegen Wulff strafrechtlich ermittelt wird.

Wulff soll als Ministerpräsident Kontakte zu dem Filmfonds-Manager David Groenewold gehabt haben. Auch gegen Groenewold wird ermittelt. Der Antrag zur Aufhebung der Immunität gegen einen Bundespräsidenten ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik.

17. Februar 2012

Wulff erklärt seinen Rücktritt, woraufhin die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen beginnt.

2. März 2012

Fünf Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts und ein Staatsanwalt durchsuchen das Wohnhaus von Wulff in Großburgwedel.

8. März 2012

Wulff wird mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Viele Prominente bleiben der Zeremonie fern.

22. Juli 2012

Neue Vorwürfe werden bekannt: Wulff soll sich als Ministerpräsident dafür eingesetzt haben, der Versicherungswirtschaft Vorteile zu verschaffen. 2008 verbrachten die Wulffs ihre Flitterwochen im Haus eines Versicherungsmanagers in Italien.

8. September 2012

Bettina Wulff geht gegen die Verbreitung von Gerüchten und Denunziationen vor. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, Wulff habe eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, alle Behauptungen über ihr angebliches Vorleben als Prostituierte oder Escort-Dame seien falsch.

10. September 2012

Das ursprünglich erst für November angekündigte Buch der früheren First Lady, „Jenseits des Protokolls“, ist bereits in vielen Buchhandlungen erhältlich. Darin setzt sie sich nun auch publizistisch gegen die Gerüchte zur Wehr.

11. September2012

In mehreren Interviews erhebt Wulff Vorwürfe auch gegen ihren Mann. Sie beklagt unter anderem, an seiner Seite habe sie eigene Bedürfnisse unterdrücken müssen. Um die ganze Situation zu verarbeiten, habe sich das Paar therapeutische Hilfe gesucht.

15. September 2012

Nach heftiger öffentlicher Kritik an ihrem Buch und ihren Interviews sagt Bettina Wulff mehrere geplante Auftritte in Fernseh-Talkshows ab. Das bestätigen die betroffenen Sender.

9. Oktober 2012

Die Flitterwochen der Wulffs im Haus eines Versicherungsmanagers rechtfertigen keine Ermittlungen wegen Vorteilsannahme, teilt die Staatsanwaltschaft Hannover mit.

14. November 2012

Die Staatsanwaltschaft kann nach eigenen Angaben noch nicht absehen, wie lange die Ermittlungen gegen Christian Wulff noch dauern werden.

7. Januar 2013

Die Wulffs haben sich „einvernehmlich räumlich“ getrennt, wie der Anwalt der Eheleute bestätigt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf „hochrangige Kreise der CDU“ über die Trennung berichtet.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier legte dem Ex-Bundespräsidenten nahe, auf seinen Großen Zapfenstreich zu verzichten. Er glaube nicht, dass die Veranstaltung noch einigermaßen würdevoll über die Bühne gehen könne, nachdem alle ehemaligen noch lebenden Bundespräsidenten ihre Teilnahme abgesagt hätten, sagte der SPD-Politiker in Berlin: „Deswegen ist Christian Wulff eigentlich zu raten, auf diesem Zapfenstreich nicht zu bestehen.“

Das Bundespräsidialamt wollte sich auf Anfrage nicht zur Gästeliste äußern. „Wir geben üblicherweise keine Auskunft zu Einladungslisten“, sagte ein Sprecher. Er betonte zugleich, dass das Präsidialamt keine hochrangigen politischen Gäste abweisen werde, die am Donnerstag zu der Zeremonie kämen.

Kommentare (18)

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Chris

06.03.2012, 19:50 Uhr

Ist er eines unserer schönsten Freimaurertafellieder würdig?

Hier mal die 8. Strophe

8. Festen Mut in schweren Leiden,
Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen -
Brüder, gält' es Gut und Blut:
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!
Schließt den heilgen Zirkel dichter!
Schwört bei diesem goldnem Wein,
|: Dem Gelübde treu zu sein,
schwört es bei dem Sternenlichtes!

Ich kann er keinen Christian Wulff entdecken oder doch? Ja, in einer Zeile ; )

blackstone13

06.03.2012, 20:16 Uhr

Maschmeyer, die Ferres und Groenewold sind aber eingeladen?
Freu mich schon auf die Bilder in der Bunten!

Account gelöscht!

06.03.2012, 20:30 Uhr

So überflüssig wie ein Kropf

Wer Wulffs beispiellose Abzocke kritisiert, kann mit großem Zuspruch rechnen. Wer seinen Verstand noch für ein wenig mehr benutzt und zur Erkenntnis kommt, daß eigentlich das Amt an sich diskutiert werden müßte, hat sofort die ganze Meute der Polit-Profis und den Vorwurf der „Neiddiskussion“ an der Backe.

Eigentlich sollte mit diesem Schlagwort niemand mehr von einer längst überfälligen Diskussion abzubringen sein. Denn es geht nicht um Neid. Es geht darum, der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Effizienz des politischen Systems wieder ein wenig aufzuhelfen. Die schamlose Selbstherrlichkeit, mit der die politische Klasse in fast allen wesentlichen politischen Fragen das Volk übergeht, ist nur das Pendant zur Dreistigkeit, mit der sie es hintergeht: in beiden Fällen nimmt sie sich etwas, das ihr nicht zusteht.

Wer gerne ein Amt verteidigen will, das in und mit unserer Demokratie in Wahrheit nichts zu tun hat, kann das gerne tun. Ich jedenfalls halte es mittlerweile für so überflüssig wie einen Kropf. An dem riesigen politischen Wasserkopf, den die Deutschen seit ihrer aufgezwungenen Einbindung in das Europa der Politiker zu bezahlen haben, ist es zwar nicht die teuerste, bestimmt aber die lächerlichste Ausstülpung.

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