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14.07.2013

09:10 Uhr

Abschied aus dem Bundestag

Und tschüss!

Der Bundestag hat seine letzte reguläre Sitzungswoche Ende Juni absolviert, Anfang September kommen die Abgeordneten noch einmal zu Sondersitzungen zusammen. Für viele prominente Parlamentarier heißt das: Koffer packen.

BerlinRita Pawelski kommen bei ihrem letzten Auftritt als Rednerin im Bundestag die Tränen. Michael Glos feiert zum Abschluss ein rauschendes Fest. Kerstin Müller plant bereits seit Wochen ihren Umzug. Und Hermann Otto Solms ist froh, dass er endlich Zeit für seine Familie hat – die Parlamentarier unterschiedlicher Fraktionen eint, dass sie dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören werden. Sie haben sich aus verschiedenen Gründen entschieden, nicht mehr zu kandidieren.

Pawelski, die Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion, sitzt seit 2002 im Bundestag. Sie hatte sich entschieden, nicht mehr anzutreten, um mehr Zeit mit ihrem Mann zu verbringen. Doch dann kam alles ein wenig anders: „Ich war besonders betrübt bei der letzten Rede, weil ich auch privat in eine sehr ungewisse Zukunft gehe. Nun kann man nicht von 150 Prozent auf Null runter schalten, das geht nicht“, erzählt sie. Ihr Mann hat sie vor kurzem verlassen, nun will sie sich als Politikberaterin selbstständig machen.

Sie sei immer mit Herzblut Politikerin gewesen, berichtet die 64-Jährige. Gab es Freundschaften in der Politik? „Ich konnte immer sehr gut mit Politikerinnen und Politikern aus anderen Fraktionen zusammenarbeiten. Dazu gehört, dass ich in der SPD Freunde habe und auch weiß, dass es in meiner eigenen Fraktion einige gibt, die sagen: 'Gott sei Dank, dass sie geht'.“

„Lovely Rita“, wie sie in ihrem Wahlkreis in Hannover heißt, hat gegen das Betreuungsgeld und für eine gesetzliche Quote für Frauen in Führungspositionen gekämpft – nicht sehr zur Freude ihrer Fraktionsführung. „Bei diesen Fragen hat es auch manchmal Rückschläge gegeben, bei denen ich mich manchmal schon gefragt habe, warum mach' ich das eigentlich?“, erzählt sie. Manches hätte sie im Rückblick anders, selbstbewusster gemacht. Das Betreuungsgeld nämlich kommt trotz der Vorbehalte der Gruppe der Frauen. Ihrer Kanzler-Duzfreundin Angela Merkel rang sie zumindest ab, dass eine feste Quote von 30 Prozent für Frauen in Aufsichtsräten ab 2020 in das CDU-Wahlprogramm kommt. Merkel prägte dennoch den schönsten Moment von Pawelskis Bundestagskarriere: „Als ich als Frau die erste Kanzlerin wählen durfte, die auch noch meiner Partei angehört.“

Einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, der FDP-Abgeordnete Solms, scheidet ebenfalls aus. Er blickt auf 33 Jahre Bundestag zurück. „Es gab begeisternde, frustrierende aber vor allem auch herausfordernde Momente.“ Jetzt freue er sich aber „auf Jahre ohne vorgegebenen Terminkalender“. Rückblickend sieht er vor allem die Zeit der deutschen Wiedervereinigung als einmalige Chance, an einem historischen Prozess nicht nur teilzuhaben, sondern ihn auch aktiv mitgestalten zu dürfen. „Persönlich war das herausfordernd, gelegentlich aber auch an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gehend.“

Was nun für Solms kommt: „Lesen, schreiben, beraten.“ Der 72-Jährige aus Hessen hatte auf eine erneute Kandidatur verzichtet, nachdem ihm ein jüngerer Parteifreund die Spitzenkandidatur streitig gemacht hatte.

Kommentare (7)

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Sapere_aude

14.07.2013, 09:43 Uhr

Besonders schade ist es um die altgedienten abgehenden FDP-Politiker, die der Partei Substanz gaben, allen voran Hermann Otto Solms. Solms gehörte zu jenen FDP-Politikern, die den Liberalen ein ruhigeres und verlässlicheres Erscheinungsbild kraft Kompetenz dahinter gaben. Das konnte man von der jungen Garde leider nicht immer sagen.
Schade auch um Klose und andere altgediente Parlamentarier.
Bemerkenswert der Verschleiss bei den Grünen - es ist nicht zu vergessen, dass, je jünger ein Parlamentarier aus dem Parlament ausscheidet, desto höher seine Versorgungsansprüche sind.

Die Schlagzeile "Und tschüss!" halte ich für unangemessen.
Respekt vor dem Parlament ist eine Tugend der Demokratie.
Kritik ja, aber nicht saloppe Würdelosigkeit.

Ich behaupte, dass einige der Abgehenden von morgens bis nachts im Dauereinsatz geschuftet haben, auch wenn das in das allgemeine, wohlfeile Bild der unfähigen Politiker nicht recht passen will. "Und tschüss!" ist das nicht der passende Ton, um ein politisches Lebenswerk zu würdigen.
Fast alle Abgehenden haben wirklich viel für unser Land geleistet, ob man ihre Ansichten und Leistungen nun befürwortet (hat) oder nicht.

Ludwig500

14.07.2013, 10:15 Uhr

"und tschüss" Ist doch noch freundlich formuliert. Nachts im Dauereinsatz schuften, ja klar, lecker Esssen gehen mit Lobbyisten, Staatsanwälten, Firmenbossen und anderen wichtigen Stützen der Gesellschaft. Da muss manchmal so viel gearbeitet werden, dass leider keine Zeit mehr bleibt, sich um 90% der Bevölkerung zu kümmern. Wenn man sooo müde ist kann man wirklich nicht mehr alles lesen, was einem so zur Abstimmung vorgelegt wird, auch wenn sich Freshfields so viel Mühe gegeben haben.

Die gesammte Bundestagsmannschaft hat, mit wenigen Ausnahmen, das Volk an eine Währungsvision verkauft. Nein, verschenkt. Das werde ich ihr nie verzeihen können.

Kapturak

14.07.2013, 12:06 Uhr

Koffer packen heißt es vor allem für viele FDP Abgeordnete. Diese Partei hat ihre Wähler maßlos enttäuscht und wird die Quittung bekommen. Diesmal wird es wohl nochmal fpr 5,14 % reichen, 2017 ist dann endgültig Schluß für diese Pfeifen.

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