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23.11.2015

16:43 Uhr

Abschied von Altkanzler Helmut Schmidt

Sarg, Sonnenblumen, kein Foto

Von Henry Kissinger über Valérie Giscard d'Estaing bis zu Mario Draghi: Prominenz aus aller Welt verabschiedete sich von einem „Giganten“. Oder wie die Kanzlerin sagte: „Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen.“

Abschied von Helmut Schmidt

Kissinger: „Eine Welt ohne ihn ist eine sehr leere“

Abschied von Helmut Schmidt: Kissinger: „Eine Welt ohne ihn ist eine sehr leere“

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HamburgKein Foto. Während bei der Trauerfeier für seine Frau Loki im Jahr 2010 ein großes Porträt am Altar der Hamburger Michaeliskirche an die 91-Jährige erinnerte, gibt es für Helmut Schmidt nichts dergleichen. Beim Staatsakt für den vor knapp zwei Wochen im Alter von 96 Jahren gestorbenen SPD-Politiker steht nur der von einer Deutschlandfahne bedeckte Sarg in der Mitte des Altarraums. Davor ein Kranz aus Sonnenblumen, links und rechts davon weiße Lilien.

Mehr ist auch nicht nötig. Denn jeder der rund 1800 Gäste kennt Helmut Schmidt, hat innerlich ein Bild vor Augen, das bei vielen ziemlich ähnlich aussehen dürfte. Zumindest alle Redner, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sind sich einig, dass Schmidt ein ganz Großer war – ein Satz, dem wohl auch die angereisten amtierenden und ehemaligen Bundespräsidenten, Merkels Kabinett und die zahlreichen Gäste aus dem Ausland zustimmen dürften.

Zitate zu Helmut Schmidts Beerdigung

Henry Kissinger (1)

„Er war eine Art Weltgewissen.“

Henry Kissinger (2)

„Zu Helmuts 90. Geburtstag sprach ich die Hoffnung aus, dass er mich überleben würde, weil eine Welt ohne ihn ein sehr, sehr leere wäre. Ich habe mich geirrt. Helmut wird bei uns bleiben. Perfektionistisch, launisch, stets auf der Suche, inspirierend, immer zuverlässig, so wird er uns für den Rest unseres Lebens begleiten.“

Angela Merkel (1)

„Helmut Schmidt war eine Instanz.“

Angela Merkel (2)

„Sein hohes Ansehen hat seinen guten Grund. Mir kommt dazu ein Wort in den Sinn: Verantwortung. Helmut Schmidt war bereit und fähig, jede Situation und jede Aufgabe, die ein Amt mit sich brachte, anzunehmen und sich ihnen zu stellen – und seien sie auch noch so schwierig.“

Angela Merkel (3)

„Wer kennt sie nicht, die vielzitierte Empfehlung Helmut Schmidts: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Er selbst hat die Aussage später wie folgt eingeordnet, ich zitiere: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.““

Angela Merkel (4)

„Die größte Bewährungsprobe für den Bundeskanzler Helmut Schmidt war der Terrorismus der sogenannten Rote Armee Fraktion. (...) Wir stehen an diesem Tag, an dem wir von Helmut Schmidt Abschied nehmen, wieder unter dem Eindruck grausamer Attentate. (...) Die Motive heute sind andere, die Umstände auch. Aber Terror bleibt Terror. (...) Was hätte Helmut Schmidt zu den Anschlägen gesagt? Diese Frage liegt nahe und doch verbietet sie sich. Wir müssen selbst die gebotene Antwort geben. Wir müssen selbst zeigen, dass wir verstanden haben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.“

Angela Merkel (5)

„Helmut Schmidts Tod ist für uns alle eine herbe Zäsur. Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesem großen Staatsmann, vor einem großen Deutschen und Europäer.“

Olaf Scholz (1)

„Wir werden die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit unserer offenen Gesellschaft gegen diese feigen Angriffe verteidigen. (...) Wir verteidigen sie, indem wir sie so leben und verkörpern, wie Helmut Schmidt es zeitlebens getan hat.“

Olaf Scholz (2)

„Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht.“

Olaf Scholz (3)

„Wir haben einen Giganten verloren.“

Olaf Scholz (4)

„Es ist noch kaum vorstellbar, dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn werden führen müssen.“

Pastor Alexander Röder

„Er ist für sie (viele Menschen) eine Autorität, ein Vorbild an Gradlinigkeit, Pflichtbewusstsein, Redlichkeit und Mut, Klugheit und Klarheit in seiner Haltung, manchmal auch Kantigkeit und zugleich Bodenständigkeit. So bleibt er in Erinnerung, auch über seinen Tod hinaus.“

Angereist waren unter anderem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing, mit dem Schmidt über Jahrzehnte hinweg eng befreundet war.

Der Tod Helmut Schmidts sei eine „herbe Zäsur“ für die Politik und die Menschen, sagte Merkel in ihrer Ansprache. Sie hätten Respekt und Zuneigung zu dem früheren Bundeskanzler empfunden, seine Urteile seien „fest“ und er selbst stets „standhaft“ gewesen, sagte die Kanzlerin. „Wenn Helmut Schmidt davon überzeugt war, das Richtige zu tun, dann tat er es.“

„Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen“, sagte Merkel am Ende ihrer Rede. Anschließend verharrte sie kurz an dem mit einer Bundesflagge bedeckten Sarg, der in der Kirche aufgebahrt war.

Kissinger über Helmut Schmidt: Staatschefs „agieren im Schatten der Vergänglichkeit“

Kissinger über Helmut Schmidt

Staatschefs „agieren im Schatten der Vergänglichkeit“

Henry Kissinger und Helmut Schmidt blieben beim hanseatischen „Sie“, sagten einander aber „die Wahrheit“: Zur Trauerfeier erweist der Ex-US-Außenminister seinem Freund die letzte Ehre. Die bewegende Rede im Wortlaut.

Bei der noch von Schmidt selbst in weiten Teilen choreographierten Feier blitzen auch heitere Momente durch, etwa wenn Kissinger darauf hinweist, dass er und der Altkanzler selbst nach 60-jähriger Freundschaft immer noch beim Sie geblieben seien.

Oder wenn von der berühmten Zigarette am unpassenden Ort die Rede ist oder Bürgermeister Scholz den Medien ironisch erklärt, dass „enlightened“ nicht „erleuchtet“, sondern „aufgeklärt“ heißt – und Schmidt deshalb ein „aufgeklärter Europäer“ sei: „Aber es ist schon bemerkenswert, dass eine Redaktion auch den „erleuchteten Europäer“ durchaus im Bereich des Möglichen gesehen hat.“

Kommentare (4)

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Herr Jürgen Bertram

23.11.2015, 17:54 Uhr

ich war noch zu jung, um diesen Kanzler "bewusst" und "politisch interessiert" zu erleben.

Trotzdem wage ich zu sagen, dass er der letzte "gute" SPD-Kanzler war.

Schröder hat die Interessen der unselbsständig arbeitenden Menschen verraten. Zugute halten kann man Ihm nur, dass er den Irak-Krieg nicht "mitgemacht" hat.

Wenn man sich hingegen das heutige SPD "Führungspersonal" ansieht, kann man nur sagen, "schlimmer geht's nimmer".
Eine "Besserung" absolut nicht absehbar.......

Die zur Feier angereisten "Eliten" der heutigen Politik aus D (Merkel) und EU (Juncker, Scholz) werden die "Größe" eines Helmut Schmidt nie erreichen, weil Sie keinen Anstand, keine Prinzipien und kein Wertegefühl haben und entsprechend "Politik" machen.

Herr C. Falk

23.11.2015, 17:55 Uhr

"Wenn Helmut Schmidt überzeugt war das Richtige zu tun,dann tat er es."

So Frau Merkel anläßlich der Beerdigung von Helmut Schmidt.

Wohl wahr. Wahr ist auchHelmut Schmidt hätte es in der Problematik der Völkerwanderung und der Frage von Grenzsicherungen niemals so weit kommen lassen, wie Frau Merkel.

Merkel hat sich in Europa fast vollständig isoliert, mit Ausnahme von Herrn Faymann, Österreich, steht kein europäischer regierungschef mehr an ihrer Seite und befürwortet uneingeschränkt ihre Politik in Sachen Einwanderung.

Helmut Schmidt hätte sich auch niemals in die Abhängigkeit von einem Politiker wie Herrn Erdogan begeben, wie es Frau Merkel als angemessen ansieht.

Frau Merkel versucht das Andenken an Helmut Schmidt für ihre Politik zu instrumentalisieren.

Ein Unding.

Account gelöscht!

23.11.2015, 18:10 Uhr

Traurig der Tot von Helmut Schmidt. Aber ist es nicht pietätlos Menschen an der Trauerfeier teilhaben zu lassen, welche Gegensätzlich zu seiner Politik stehen.

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