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22.03.2017

15:20 Uhr

Ärzte attackieren Pharmakonzerne

Medikamente immer teurer – Industrie am Pranger

VonPeter Thelen

100 Euro Produktions-, aber 43.500 Euro Therapiekosten: Bei den Preisen neuer Medikamente geht es allein um den Profit, kritisieren Ärzte. Die Preispolitik könnte das Gesundheitssystem bald unfinanzierbar machen.

„Der gemeinsame Nenner der Pharmakonzerne ist der Profit“, meint die ärztliche Geschäftsführerin der Ärztegemeinschaft Mezis. obs

Teure Medikamente

„Der gemeinsame Nenner der Pharmakonzerne ist der Profit“, meint die ärztliche Geschäftsführerin der Ärztegemeinschaft Mezis.

Berlin„Mein Essen zahl ich selbst“. Oder abgekürzt: „Mezis“. Unter diesem Motto hat sich bereits 2006 eine Initiative von Ärzten zusammen gefunden, die nicht mehr mitmachen wollte bei der traditionellen Kooperation zwischen Ärzteschaft und der Pharmaindustrie. Die Hersteller von Medikamenten sind nämlich nicht nur oft die wichtigste Quelle für Informationen über die Wirkweise neuer und alter Medikamente und die Therapie von Krankheiten. Sie sponsern auch seit jeher große Teile der beruflichen Weiterbildung der Mediziner, die heute allerdings bereits deutlich seltener an lukrativen Orten wie Bozen oder Davos stattfindet. Ziel der Initiative Mezis ist es daher, Mediziner so weit wie möglich unabhängig von der Beeinflussung durch die Industrie zu machen.

Jetzt greift die Initiative die Pharmaindustrie sogar frontal an. Grund ist die angeblich aggressive Preispolitik mancher Konzerne bei neuen Medikamenten. Jetzt steht ein Kurzfilm von Mezis im Netz. Er lässt kein gutes Haar an der Branche.

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„Der gemeinsame Nenner der Pharmakonzerne ist der Profit. Der Preis eines Medikaments orientiert sich nicht an den Forschungskosten, schon gar nicht an den Produktionskosten, sondern allein am Marktwert“, sagt Christiane Fischer, ärztliche Geschäftsführerin von Mezis. Die Medizinerin ist auch Mitglied des Deutschen Ethikrats. Sie ist überzeugt, dass die aggressive Preispolitik der Unternehmen inzwischen auch die Finanzierbarkeit der Gesundheitssysteme in reichen Industrieländern wie Deutschland bedroht.

Die immer teurer werdenden Medikamente seien verantwortlich für eine wachsende Ineffizienz im Gesundheitswesen, so Thomas Lempert, Chefarzt der Schlosspark-Klinik in Berlin und Mitglied des Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit in der Medizin in der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Lempert wirft der Industrie eine bewusst intransparente Preispolitik vor. „Wir wissen nicht genau, wie viel die Unternehmen für Forschung und Entwicklung ausgeben. Auch der Marketinganteil in den Firmenetats ist nicht genau bekannt“, klagt er. Die Pharmaindustrie halte da „bewusst den Deckel drauf.“ Er wünscht sich, dass die Industrie das ändert. „Es ist nicht Aufgabe der Versichertengemeinschaft, Profitmargen von 20 bis 30 Prozent und ausufernde Marketingetats zu finanzieren“, so Lempert.

Auch Thomas Meyer, Facharzt für Anästhesie und Notfallmedizin und Mitarbeiter beim GKV-Spitzenverband wirft den Unternehmen vor, weit überzogene Preise zu verlangen. „Zwischen den von den Herstellern festgelegten Preisen und den Entwicklungskosten für neue Medikamente besteht keinerlei Zusammenhang“, sagt er. Dies gelte erst recht für die Produktionskosten. Als Beispiel führt er das neue Medikament gegen Hepatitis C Sofosbovir an. „Während die Jahrestherapiekosten pro Patient stolze 43.500 Euro betragen, belaufen sich bei diesem Medikament die Produktionskosten für den Patienten für ein Jahr lediglich auf 100 Euro.“

Bestätigt wird solche Kritik durch den aktuellen Arzneiverordnungsreport. Danach ist der Kostenanstieg für Medikamente im Jahr 2015 nahezu ausschließlich auf neue teure Medikamente zurückzuführen. Der Pharmakologe Ulrich Schwabe, der den Report seit 1985 zusammen mit Dieter Paffrath vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen jährlich herausgibt, kommt zum Ergebnis, dass die Preise von nur acht patentgeschützten Medikamenten den Ausgabenanstieg von 1,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Jahr 2014 erklären könnten.

Kommentare (6)

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Herr Josef Schmidt

22.03.2017, 15:58 Uhr

Wenn Porsche für einen haufen Blech einen Gewinn von durchschnittlich 17000€ pro Auto "verdient" warum soll ein Pharmaunternehmen nicht 43400€ Gewinn für ein Wässerchen bekommen. Das ist nun mal Kapitalismus. Kapital geht vor dem Menschen.

Dasselbe gilt für Apple und sonstigen Hersteller die überteuerten Schnickschnack produzieren. So lange es Idioten gibt die so was kaufen wird es immer Aktionäre geben die dankend das Geld einstecken.

Baron v. Fink

22.03.2017, 16:10 Uhr

Medikamente immer teurer – Industrie am Pranger
Typische Klassenkampf Parole, woher sollen die Dividenden kommen ?

Herr richard roehl

22.03.2017, 17:30 Uhr

Ich glaube, die Ärzte sind die Allerletzten, die Kritik an Profitorientierung anbringen können. Das merke ich als Privatpatient überdeutlich

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