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27.04.2015

16:47 Uhr

AfD

AfD-Co-Chef schreibt „Nachruf“ auf Hans-Olaf Henkel

VonDietmar Neuerer

Der AfD-Co-Chef Adam weint dem zurückgetreten Parteivize Henkel keine Träne nach. Was er von dem EU-Abgeordneten hält, hat er in einem „Nachruf“ niedergeschrieben, versehen mit einer unmissverständlichen Botschaft.

Hans-Olaf Henkel und Konrad Adam (r.) sind sich seit einer Brand-Mail Henkels in herzlicher Abneigung verbunden. (Foto: dpa)

Henkel und Adam.

Hans-Olaf Henkel und Konrad Adam (r.) sind sich seit einer Brand-Mail Henkels in herzlicher Abneigung verbunden. (Foto: dpa)

BerlinDie Alternative für Deutschland (AfD) ist bekannt dafür, dass sie mit ihren eigenen Leuten nicht zimperlich umgeht.  Hans-Olaf Henkel ist auch einer, der gerne austeilt – insbesondere dann, wenn sich aus seiner Sicht Schieflagen in der Partei angedeutet haben. Dann ist Henkel in die Offensive gegangen, hat seinen Unmut über die Medien oder über seine Facebook-Seite verbreitet.

Vergangene Woche ist Henkel wegen Streits in einer Personalfrage als Bundesvize der Partei  zurückgetreten. Auch das hat er via Facebook mitgeteilt. In der Partei hat seine Entscheidung unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Die bizarrste lieferte sein einstiger Vorstandskollege, AfD-Co-Chef Konrad Adam.

Über seine eigene Facebook-Seite widmete Adam dem Kollegen Henkel, der in der Kurzform auch „HOH“ genannt wird, einen „Nachruf auf HOH“. Gleich zu Beginn wirft Adam, der aus dem chaotischen Landesverband in Hessen kommt, Henkel vor, mit seinem „großen Lärm“ der Partei jenen Schaden zugefügt zu haben, „vor dem er uns, seine Vorstandskollegen, immer wieder gewarnt hatte“. Er sei sich damit bis zum Schluss der Rolle treu geblieben, für die er im Vorstand zuständig war: „der Rolle des Fachmanns fürs Grobe“.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Wie viel Union steckt in der AfD?

Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

Was steckt noch in der AfD?

Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

Was macht die AfD attraktiv?

Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Dann erinnert Adam an eine Auseinandersetzung zwischen ihm und Henkel. „Das schönste Beweisstück dafür ist eine bekannt gewordene E-Mail, welche er um die Jahreswende an mich gerichtet hatte. In dieser attestierte er mir allerlei unerfreuliche Eigenschaften und äußerte die Hoffnung, ich würde bald von der politischen Bühne verschwinden.“ Nun sei Henkel selbst verschwunden, und damit dürfte sich, schätzt Adam, „die Aussicht auf zivile Umgangsformen deutlich verbessert haben“. Sein Bedauern über Henkels Abgang halte sich deshalb „in engen Grenzen“.

Die interne Mail, auf die Adam abzielt, war Anfang des Jahres öffentlich geworden. Darin beschimpfte Henkel Adam persönlich und forderte ihn zum Rücktritt auf. „Ich hoffe, der letzte Akt wird bald aufgeführt und Sie treten von der Bühne“, schrieb Henkel an Adam. Dieser sei von Ehrgeiz zerfressen und versuche mit „immer größerer Energie“, Parteichef Bernd Lucke ein Bein zu stellen. Doch könne Adam Lucke „nicht im Entferntesten“ das Wasser reichen. „Sie sind total von der Rolle und merken es offensichtlich nicht einmal“, schrieb Henkel weiter.

Kommentare (10)

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Herr C. Falk

27.04.2015, 17:34 Uhr

Herr Henkel ist eine etwas tragische Figur innerhalb der bundesdeutschen Politik und Parteienlandschaft. Er zählt sich ohne Zweifel zur "Elite" dieses Landes, nun hat sich aber diese Elite in ihrer grossen Mehrheit für das zweifelhafte Euroexperiment und dessen Fortführung entschieden, während Herr Henkel dessen entscheidende Schwachstellen deutlich erkannt und benanntt hat.

Die maßgebenden Teile der Elite in Politik , Wirtschaft, Gesellschaft und in der Medienlandschaft hat er trotz Anstrengungen seinerseits nicht überzeugen können.

Innerhalb der gesellschaftlichen Elite ist Herr Henkel politischer Außenseiter.

Innerhalb der AfD hat er sich durch unkluge und überzogene, persönlich werdende Kritik an Vorstandskollegen (Adam) ebenfalls in eine Position begeben, die seine Außenseiterrolle bestätigt. Obwohl ihm Herr Lucke davon abgeraten hat, vor einer nicht ganz unwichtigen Wahl in Bremen seinen Vorstandsposten aufzugeben, hat er in dieser Angelegenheit gegen den Rat von Bernd Lucke votiert.

Herr Steingart hat nicht ganz zu Unrecht angemerkt, Herr Henkel habe nunmehr versucht der AfD mit einem "Todeskuß" den Garaus zu machen.

Ob dieser "Todeskuß" tatsächlich zum Dahinscheiden der AfD führt oder eher nicht, ist allerdings bislang noch nicht ausgemacht.

Es könnte auch anders kommen und Herr Henkel hat sich innerhalb der AfD genauso selber ins Aus befördert wie Herr Piech sich bei VW ins Aus befördert hat.

Schaun wir mal.

Frau Margrit Steer

27.04.2015, 18:03 Uhr

mit seinem „großen Lärm“ der Partei jenen Schaden zugefügt zu haben, „vor dem er uns, seine Vorstandskollegen, immer wieder gewarnt hatte“.
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Stimmt genau.
Denn wer hat denn mit den ständigen Pressemeldungen begonnen? Das war ständig Henkel
Herr Henkel hat den Nachteil, dass er mein, er sei was Besseres und alle haben nach seiner Pfeife zu tanzen.
Ich wäre nicht böse, wenn er die AfD ganz verläßt.

Account gelöscht!

27.04.2015, 18:05 Uhr

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