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19.05.2016

15:52 Uhr

AfD in Thüringen

Angst vor einer Moschee

Noch sind es nur Pläne. Und noch ist nicht sicher, ob in Erfurt die erste Moschee Thüringens gebaut wird. Doch es gibt schon Widerstand. An die Spitze des Protestes hat sich die AfD gesetzt.

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sieht in den Plänen für den Neubau einer Moschee in Erfurt eine Bereicherung des religiösen Lebens. Die AfD sieht das anders. dpa

Moscheebau-Pläne in Thüringen

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sieht in den Plänen für den Neubau einer Moschee in Erfurt eine Bereicherung des religiösen Lebens. Die AfD sieht das anders.

ErfurtNoch ist es eine Wiese in saftigem Grün vor den Toren Erfurts. Längst aber tobt ein Streit darüber, ob darauf eine Moschee gebaut werden darf. Es wäre der erste Neubau in Thüringen, dem Kernland der Reformation. Die AfD wittert darin „ein langfristiges Landnahmeprojekt“ und hat die Parole ausgerufen: „Nein zur Moschee“. Die bundesweit erste Landesregierung unter einem linken Ministerpräsidenten wehrt sich nun gegen die Rechtspopulisten und betont das hohe Gut der Religionsfreiheit. Viele Thüringer haben dennoch Vorbehalte, auch weil ihnen Religionen fremd sind.

Der Alternative für Deutschland scheinen die Baupläne angesichts ihres jüngst beschlossenen Anti-Islam-Kurses wie gerufen zu kommen. AfD-Landeschef Björn Höcke gibt unumwunden zu, dass seine Partei ein neues Thema gefunden habe. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, wird er nicht müde zu betonen. Der Islam habe eine Heimat, aber „diese Heimat heißt nicht Erfurt“.

Der erste Praxistest des neuen Kurses hat jedoch mit einem Dämpfer begonnen. 700 Menschen folgten am Mittwochabend Höckes Aufruf zu einer Kundgebung in der Thüringer Landeshauptstadt – weit weniger als bei AfD-Demonstrationen zuvor. Ein Thema war der geplante Moscheebau. Höcke bot sich „als Partner einer etwaigen Bürgerinitiative“ an.

Der Nazi-Jargon der AfD

Auffällige Nazi-Rhetorik bei einzelnen AfD-Politikern

Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, betont zwar, dass man nicht die gesamte (Alternative für Deutschland) AfD über einen Kamm scheren dürfe. „Doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist.“ Und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke sei ja schon „fanatisch in seiner Sprache“. Es folgen einige Beispiele.
Quelle: „Stern“, eigene Recherche.

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef

„3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (2)

„Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (3)

„Das Boot ist übervoll und wird kentern.“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (4)

In einem Vortrag stellte Höcke das Bevölkerungswachstum Afrikas in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, was weithin als biologischer Rassismus bewertet wurde. Er sprach von einem „Bevölkerungsüberschuss Afrikas“ und erklärte, der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe in Europa auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Dann schlussfolgerte er: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.“

André Poggenburg, Chef der AfD in Sachsen-Anhalt

In ihrem auf Facebook verbreiteten Weihnachtsgruß vom 24.12.2015 sprach die AfD Sachsen-Anhalt unter anderem davon, in der Weihnachzeit über die „Verantwortung für die Volksgemeinschaft und nächste Generation“ nachzudenken. Der verwendete Begriff „Volksgemeinschaft“ löste daraufhin eine Diskussion aus. Denn, so der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen bei „tagesschau.de“, der Begriff der Volksgemeinschaft sei historisch „eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt“. Der Begriff sei in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor, selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar.

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef

„Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef (2)

„Das Boot ist voll. Auch um der Flüchtlinge willen muss Deutschland jetzt die Notbremse ziehen.“

Frauke Petry, AfD-Bundesvorsitzende

„Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“

Markus Frohnmaier, Bundesvorsitzender der Jungen Alternative (JA)

„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

Es geht um die Pläne der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde. Noch befindet sich das Projekt im Stadium einer Bauvoranfrage. Damit ist nicht sicher, ob die Moschee mit Kuppel und einem elf Meter hohen Minarett in einem Gewerbegebiet an einer Bundesstraße überhaupt realisiert wird. Die Gemeinde zählt etwa 70 Mitglieder. Mit ihren Plänen geht sie transparent um und traf sogar Vertreter der AfD.

„Die Bevölkerung soll darüber abstimmen“, findet die Erfurterin Erika Barich. „Dann werden sie ihr blaues Wunder erleben.“ Die 71-Jährige lehnt nach eigenem Bekunden das Vorhaben ab, weil „uns die arabischen Länder hinausgejagt hätten, wenn wir dort eine evangelische Kirche bauen wollten“. Andere wie ein 72-jähriger Mann, der seinen Namen nicht lesen möchte, stören sich am Minarett – nach dem Motto, so lange die Moschee nicht wie eine Moschee aussieht, ist alles gut.

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