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18.02.2016

14:02 Uhr

AfD in Thüringen

Rechtsextremismus-Forscher sehen Höcke auf NPD-Kurs

VonDietmar Neuerer

Was ist dran an dem Vorwurf, die AfD stünde der NPD nahe? Antworten liefern Wissenschaftler der Uni Jena. In einer Studie haben sie den Thüringer Landeschef Höcke in den Blick genommen. Die Ergebnisse sind brisant.

Wortführer des rechten AfD-Flügels: Thüringens Landeschef Björn Höcke. ap

Björn Höcke.

Wortführer des rechten AfD-Flügels: Thüringens Landeschef Björn Höcke.

BerlinDer Chef der Thüringer Alternative für Deutschland (AfD), Björn Höcke, steht der Ideologie der rechtsextremen NPD offenbar näher bis bisher bekannt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des „Kompetenzzentrums Rechtsextremismus“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Höcke reagierte mit scharfer Kritik auf die Analyse, die Teil einer größer angelegten Untersuchung zu rechtsextremen Strukturen in der Gesellschaft ist. „Es werden haltlose Behauptungen aufgestellt und daraus noch haltlosere Schlussfolgerungen gezogen“, sagte Höcke dem Handelsblatt.

Die Forscher begründen ihre Einschätzung zu Höcke insbesondere mit einem Auftritt des AfD-Politikers bei dem neurechten „Institut für Staatspolitik“ im November 2015. Höcke vertrat dort in einer in einem Video festgehaltenen Rede biologistische Rassetheorien. Bei der Veranstaltung in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) warnte Höcke vor einer Flüchtlingswelle aus Afrika. Dabei stellte er einen Zusammenhang her zwischen den unterschiedlichen „Reproduktionsstrategien“ Europas und Afrikas.

„In Afrika“, erklärte Höcke, „herrscht nämlich die sogenannte r-Strategie vor, die auf eine möglichst hohe Wachstumsrate abzielt. Dort dominiert der sogenannte Ausbreitungstyp. Und in Europa verfolgt man überwiegend die K-Strategie, die die Kapazität des Lebensraums optimal ausnutzen möchte. Hier lebt der Platzhaltertyp.“ Und weiter: „Das Auseinanderfallen der afrikanischen und der europäischen Geburtenrate wird gegenwärtig natürlich noch durch den dekadenten Zeitgeist verstärkt, der Europa fest im Griff hat. Kurz: Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“

Der Nazi-Jargon der AfD

Auffällige Nazi-Rhetorik bei einzelnen AfD-Politikern

Der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, betont zwar, dass man nicht die gesamte (Alternative für Deutschland) AfD über einen Kamm scheren dürfe. „Doch einzelne Mitglieder pflegen eine auffällige Nazi-Rhetorik. Der Rhythmus, das sprachliche Diktum, die Emotionalisierung - es gibt einiges, was stark an die NSDAP-Sprache angelehnt ist.“ Und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke sei ja schon „fanatisch in seiner Sprache“. Es folgen einige Beispiele.
Quelle: „Stern“, eigene Recherche.

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef

„3000 Jahre Europa! 1000 Jahre Deutschland!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (2)

„Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (3)

„Das Boot ist übervoll und wird kentern.“

Björn Höcke, Thüringen-AfD-Chef (4)

In einem Vortrag stellte Höcke das Bevölkerungswachstum Afrikas in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, was weithin als biologischer Rassismus bewertet wurde. Er sprach von einem „Bevölkerungsüberschuss Afrikas“ und erklärte, der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ treffe in Europa auf den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“. Dann schlussfolgerte er: „Solange wir bereit sind, diesen Bevölkerungsüberschuss aufzunehmen, wird sich am Reproduktionsverhalten der Afrikaner nichts ändern.“

André Poggenburg, Chef der AfD in Sachsen-Anhalt

In ihrem auf Facebook verbreiteten Weihnachtsgruß vom 24.12.2015 sprach die AfD Sachsen-Anhalt unter anderem davon, in der Weihnachzeit über die „Verantwortung für die Volksgemeinschaft und nächste Generation“ nachzudenken. Der verwendete Begriff „Volksgemeinschaft“ löste daraufhin eine Diskussion aus. Denn, so der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen bei „tagesschau.de“, der Begriff der Volksgemeinschaft sei historisch „eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt“. Der Begriff sei in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor, selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar.

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef

„Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“

Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef (2)

„Das Boot ist voll. Auch um der Flüchtlinge willen muss Deutschland jetzt die Notbremse ziehen.“

Frauke Petry, AfD-Bundesvorsitzende

„Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“

Markus Frohnmaier, Bundesvorsitzender der Jungen Alternative (JA)

„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht - denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

Die Jenaer Wissenschaftler Matthias Quent, Franziska Schmidtke und Axel Salheiser erklären hierzu in ihrer Studie: „Diese völkisch-rassistische Diskriminierung aufgrund der Abstammung ist identisch zur allenfalls verbal radikaleren Programmatik der NPD, die bei Menschen aus Migrationsfamilien, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, von „Passdeutschen“ beziehungsweise „Papierdeutschen“ spricht, während der völkischen Weltanschauung zufolge ausschließlich Abstammungsdeutsche zur „Volksgemeinschaft“ zählen.“

Pikant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis der Forscher, dass im Antrag des Bundesrates zum Verbot der NPD eben dieses Verständnis eines „ethnischen Volksbegriff“ einen wesentlichen Stellenwert einnehme, um den verfassungsfeindlichen Charakter der NPD zu beschreiben und die Nähe der NPD zur NSDAP zu beweisen, die ebenfalls auf die Abstammung als Kriterium der Staatsangehörigkeit Bezug genommen habe.

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