Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.05.2015

05:00 Uhr

AfD-Krise

Frauke Petry rechnet mit Bernd Lucke ab

VonDietmar Neuerer

In der AfD-Krise dürfte der Juni-Parteitag zu einer entscheidenden Wegmarke werden. Parteichef Lucke stellt sich zur Wiederwahl, doch Co-Parteichefin Petry macht massiv Front gegen ihn.

Frauke Petry: „Ich wirke lieber integrativ als autokratisch. Das unterscheidet mich von Bernd Lucke.“ dpa

Bernd Lucke und Frauke Petry.

Frauke Petry: „Ich wirke lieber integrativ als autokratisch. Das unterscheidet mich von Bernd Lucke.“

BerlinDie Co-Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Frauke Petry, hat große Zweifel an der Führungsqualität von Parteichef Bernd Lucke angemeldet. „Die entscheidende Frage ist, ob in den Streitfragen ein Kompromiss möglich ist. Dazu müssen aber beide Seiten bereit sein, von ihren Positionen teilweise abzurücken. Das fällt Bernd Lucke häufig schwer“, sagte Petry dem Handelsblatt. „Für ihn bedeutet Kompromiss, wenn er seine Position durchsetzt und der andere nachgibt. Und diese Kompromisslosigkeit hat die Partei in den vergangenen Monaten nicht stärker, sondern schwächer gemacht.“

Sie verstehe auch nicht, dass Lucke die Zeit bis zum Bundesparteitag im Juni nicht für „Konsensgespräche“ nutze, die sie ihm schon mehrfach angeboten habe. „Dass er stattdessen Pressekonferenzen anberaumt, in denen es womöglich um sein persönliches Personaltableau für den neuen Bundesvorstand geht, halte ich für kontraproduktiv“, sagte Petry. „Auch, dass er mir nicht sagt, wer Generalsekretär werden soll, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ Eine Einigung noch vor dem Parteitag werde so immer schwieriger. „Ich hoffe, dass Bernd Lucke die Chance zur Einigung nicht verpasst.“

Scharfe Kritik äußerte Petry, die auch Landes- und Fraktionschefin der sächsischen AfD ist, an Luckes Alleingängen. Sie nahm dabei Bezug auf eine von Lucke Anfang der Woche versandte Email an die Parteimitglieder, in der er zur Lage der Partei Stellung nahm und erklärte, dass er einen Bruch zwischen den nationalkonservativen und bürgerlichen Kräften für unausweichlich halte. Lucke stimme solche „Rundschreiben“ grundsätzlich nicht ab, kritisierte Petry. „Das ist ein Teil des Problems. So sieht für mich gemeinsame Führungsarbeit nicht aus.“ Und sie fügte hinzu: „Ich wirke lieber integrativ als autokratisch. Das unterscheidet mich von Bernd Lucke.“

Wer hält bei der AfD die Fäden in der Hand?

Bernd Lucke

Parteigründer Bernd Lucke (52) ist der mächtigste Mann in der AfD. Mit der bisher eher basisdemokratischen Führungsstruktur tut sich das ehemalige CDU-Mitglied schwer. Gerne würde er deutschnationale Kräfte und Mitglieder, die radikale Systemkritik wollen, loswerden. Lucke ist gläubiger Christ. Mit der provinziellen Deutschtümelei einiger AfD-Mitglieder kann er nichts anfangen.

Frauke Petry

Frauke Petry (39) stand als Co-Vorsitzende im Bundesvorstand anfangs im Schatten von Lucke. Seitdem die AfD 2014 mit 9,7 Prozent in den sächsischen Landtag eingezogen ist, hat sie an Profil gewonnen. Petry ist Politikneuling. Sie setzt sich im Landtag und auch in der eigenen Partei für mehr Basisdemokratie ein. Die Chemikerin wird dem rechten Flügel zugeordnet. Im Vergleich zu den Forderungen anderer Vertreter dieses Flügels sind ihre Positionen aber eher moderat. Petry ist mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet und hat vier Kinder.

Alexander Gauland

Alexander Gauland (74) gehört dem AfD-Bundesvorstand als Stellvertreter an. Sein Landesverband hatte im vergangenen Jahr mit 12,2 Prozent das bislang beste Landtagswahl-Ergebnis für die Partei eingefahren. Gauland ist ehemaliges CDU-Mitglied. Von 1987 bis 1991 leitete er die hessische Staatskanzlei. Gaulands Schwerpunkt ist die Asylthematik. Er will die AfD zu einer Partei machen, die sich vor allem den Sorgen der „kleinen Leute“ widmet.

Konrad Adam

Konrad Adam (73) ist ein konservativer Publizist. Er arbeitete unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Welt“. Lucke schätzt Adams rhetorische Fähigkeiten, reibt sich aber häufig an seinen Positionen, vor allem beim Thema Einwanderungspolitik. Adam gehört dem rechten Flügel an. Radikale Kräfte will er in er AfD nicht haben.

Björn Höcke

Björn Höcke (43) ist Wortführer einer Gruppe von rechten AfD-Mitgliedern, die sich eine Anti-Mainstream-Politik wünschen. Der Lehrer für Sport und Geschichte ist Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Im März veröffentlichte er die „Erfurter Resolution“. Darin heißt es, viele Mitglieder wünschten sich die AfD als „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“. Nachdem Höcke vor einigen Tagen erklärt hatte, nicht alle NPD-Mitglieder seien extremistisch, forderte ihn Lucke zum Austritt aus der AfD auf.

Wenig Verständnis hat Petry dafür, dass Lucke einen Beschluss zur Amtsenthebung von Thüringens Landes- und Fraktionschef Björn Höcke wegen dessen umstrittener NPD-Äußerungen forciert hat. „Ich habe versucht, ihn davon abzubringen. So, wie ich versucht habe, ihn davon abzubringen die „Erfurter Resolution“ von Herrn Höcke mit einer Gegenresolution zu beantworten“, sagte Petry. „Solche Aktionen werten die politischen Ränder programmatisch eher auf.“ Auch einen Mitgliederentscheid loszutreten, der eine klare Abgrenzung der AfD nach rechts anstrebt, sei ein „politischer Fehler“ gewesen. Nach einem Gutachten habe sich herausstellt, dass das mit dem Parteienrecht nicht vereinbar sei. „Das heißt“, so Petry, „mit brachialer Gewalt Entscheidungen zu erzwingen, stärkt letztlich diejenigen, die sich in einer Minderheitenposition befinden.“

Kommentare (25)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ludwig Otto

15.05.2015, 07:54 Uhr

Wirklich Schade-diese Entwicklung.Psychologisch erkläre ich mir das so: Lucke ist ein wirklich kompetenter Intellektueller und Rhetoriker-aber er leidet unter dem Napoleonsyndrom-als Mann körperlich etwas zu klein,ist es ihm psychologisch nicht möglich,Kompromisse einzugehen-.Klingt einfach und banal-aber ich vermute tatsächlich,daß dies der Hintergrund ist-siehe weitere Beispiele:Lafontaine,Berlusconi,Walter Ulbricht,Gerhard Schröder-wenn diese kleinen Männer nachgeben,fühlen sie sich wie kleine Verlierer.Und das geht nicht,weil sie als Männer schon körperlich zu klein sind.

Herr Luka W

15.05.2015, 08:38 Uhr

Bernd Lucke sagt, dass es Leute in der AfD gibt, die ,,(...) neutralistisch, deutschnational, antiislamisch, zuwanderungsfeindlich, teilweise auch antikapitalistisch, antiamerikanisch oder antietatistisch" auftreten. ,,Es fallen(...) Kampfbegriffe wie Mainstream, Establishment, Systemfrage". Dass es diese Menschen in der AfD gibt, ist eine Tatsache und unleugbar. ,,Wenig Verständnis hat Petry dafür, dass Lucke einen Beschluss zur Amtsenthebung von Thüringens Landes- und Fraktionschef Björn Höcke wegen dessen NPD-Nähe forciert hat. (...) Auch einen Mitgliederentscheid loszutreten, der eine klare Abgrenzung der AfD nach rechts anstrebt, sei ein „politischer Fehler“ gewesen." Das sind mehrere Beispiele, wieso die beiden Flügel der AfD einfach nicht mehr zusammenpassen. Der eine Flügel flirtet mit Verschwörungstheoretikern und NPD-Verharmlosern. Die Abgrenzung nach Rechts scheint nicht so wichtig zu sein. Der andere Flügel möchte mit solchen Dingen aber nichts am Hut haben und setzt auf ein bürgerliches Image der AfD. Bis vor einigen Monaten habe ich daran geglaubt, dass man beide Flügel vereinen kann. Mittlerweile bin ich für eine saubere Trennung.

Herr Manfred Zimmer

15.05.2015, 09:37 Uhr

Wenn man Lucke etwas vorwerfen kann, dann ist dies, dass er die Wölfe im Schafspelz für Schafe hielt.

Die Distanzierung war und ist notwendig, kommt spät aber hoffentlich nicht zuspät.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×