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19.03.2016

10:07 Uhr

AfD nach dem Wahlerfolg

Die Angst-Partei

VonAnna Gauto

Mit wehenden Fahnen und einer Truppe von Politik-Anfängern stürmt die AfD in drei neue Landtage. Auch die Zahnärztin Christina Baum zieht ins Parlament in Stuttgart ein. Sie treibt vor allem ein Motiv an.

Die stellvertretende AfD-Sprecherin in Baden-Württemberg und neue Landtagsabgeordnete ist besorgt um Deutschland.

Christina Baum

Die stellvertretende AfD-Sprecherin in Baden-Württemberg und neue Landtagsabgeordnete ist besorgt um Deutschland.

StuttgartDer AfD-Geschäftsstelle Baden-Württemberg, ein Büroturm in einem Stuttgarter Gewerbegebiet, fehlt ein Parteischild. Nur ein unauffälliger Briefkasten trägt die Aufschrift „Alternative für Deutschland.“ Man habe sich die Tafeln gespart wegen der Vandalen, sagt eine junge Mitarbeiterin. Sie führt zur stellvertretenden AfD-Sprecherin in Baden-Württemberg und neuen Landtagsabgeordneten Christina Baum. Baum ist promovierte Zahnärztin und eine von drei Frauen, die für die Protestpartei ins Stuttgarter Parlament zieht. In ihrem Wahlkreis Main-Tauber, rund 40 Kilometer südlich von Würzburg, hat sie 17,2 Prozent der Stimmen geholt.

Baum sagt, sie sei von ihrem Erfolg „völlig überrascht“. Dabei kannten die Menschen in der Region die bald 60-Jährige schon vor dem Wahlkampf: Von ihren Leserbriefen in der Lokalpresse. Darin warnte sie etwa davor, angesichts der Flüchtlingsströme in eine übertriebene Willkommens-Euphorie zu verfallen.

Bundesweit verschaffte sich Baum schon im Januar 2015 Aufmerksamkeit. Auf ihrer Bewerbungsrede um den Posten der Landessprecherin sprach sie von „einem schleichenden Genozid am deutschen Volk“. Die Empörung in den Medien war groß. Das würde sie heute nicht mehr so sagen, meint Baum. Die Deutschen entschieden sich ja selbst dafür, weniger Nachwuchs zu bekommen, während kinderreiche Nationalitäten ins Land drängten.

Die Gesichter der AfD

Frauke Petry

Geboren in Dresden, promovierte Chemikerin und Unternehmerin, Bundesvorsitzende der AfD. Mutter von vier Kindern, verheiratet mit dem AfD-Landeschef von Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell. Petry gilt als pragmatisch und ehrgeizig. Auch wenn sie verbal gerne Gas gibt – inhaltlich steht Petry eher in der Mitte der Partei.

Björn Hocke und Alexander Gauland

Björn Höcke, Chef der Thüringen-AfD, und Alexander Gauland, Brandenburger AfD-Chef und Bundesparteivize, haben einst gemeinsam „Fünf Grundsätze für Deutschland“ veröffentlicht. Darin wettern sie gegen die „multikulturelle Gesellschaft“ und behaupten, „die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land“.

Jörg Meuthen

Meuthen ist geboren in Essen, promovierter Volkswirt, seit 1996 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Kehl (Baden-Württemberg), Co-Bundesvorsitzender der AfD, Fraktionschef seiner Partei im Landtagswahl von Baden-Württemberg; verheiratet, fünf Kinder. Meuthen gehört zu den wenigen prominenten Vertretern des liberalen Flügels, die nach dem Abgang von Bernd Lucke in der AfD geblieben sind.

Beatrix von Storch

Sie ist geboren in Lübeck, Jurastudium in Heidelberg und Lausanne (Schweiz), Rechtsanwältin, stellvertretende Bundesvorsitzende und AfD-Landesvorsitzende in Berlin, seit 2014 im EU-Parlament, verheiratet. Gilt als ultrakonservativ.

Marcus Pretzell

Marcus Pretzell (42) ist geboren in Rinteln (Niedersachsen), Jurastudium in Heidelberg, Rechtsanwalt und Projektentwickler, seit 2014 Vorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen, Vater von vier Kindern, verheiratet mit Frauke Petry. Der Europaabgeordnete hat die AfD als „Pegida-Partei“ bezeichnet. Parteifreunde rechnen ihn aber nicht zum rechtsnationalen Flügel.

Dass die Deutschen verschwinden könnten und mit ihnen Werte wie Ordnung, Sauberkeit und Pflichtbewusstsein, bereitet Christina Baum eine Heidenangst. Denn für sie ist Deutschland mehr als nur ein Staatsgebilde. Es bedeutet für Baum Heimat, Sicherheit und Identität. Deutschland ist der Nährboden, auf dem ihr Selbstwert wächst, ihr das wegzunehmen, indem man es verändert, lässt die Furcht wuchern. Es ist Angst, die sie und viele ihrer AfD-Mitstreiter auf Bühnen und Marktplätze treibt. Angst vor Verlust, Angst, abgehängt zu werden, Angst, nicht mehr in diese Welt zu passen, Angst vor Europa. Und: Angst steckt an. Die Sorgen der anderen spülen die Furchtsamen seit 2014 in die Länderparlamente Deutschlands.

Zentrifuge AfD: Das gefährliche Spiel mit der Wundertüte

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Nach ihren großen Wahlerfolgen strotzt die AfD vor Kraft. Nun muss sie liefern, was sie auf den Marktplätzen versprochen hat. Nur: Was genau ist das eigentlich? Szenen einer Partei im Kampf mit sich selbst.

„Wenn Menschen ihr Land nicht lieben, sollen sie gehen“, sagt Baum. Schockiert habe es sie, als Gegendemonstranten auf einer AfD-Veranstaltung „Deutschland ist scheiße, Deutschland verrecke“ skandierten. Sie sei fassungslos gewesen. „Wenn man Deutschland beschmutzt, verleugnet man sich selbst und verletzt Menschen wie mich.“ Menschen, denen das Land teuer ist und die sich sicher fühlen wollen. Seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht ist das für Baum auch vorbei. Auf einer Veranstaltung sagt sie: „Als blonde Frau traue ich mich nachts nicht mehr auf die Straße.“

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