Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.04.2015

12:00 Uhr

AfD-Shitstorm

Krisenpartei erntet Spott für Boykottaufruf gegen Rewe

VonDietmar Neuerer

AfD-Chef Lucke wird von Fans des 1. FC Köln angepöbelt. Daraufhin ruft ein Kreisverband der Partei zum Boykott von Rewe, dem Sponsor des Klubs, auf. Die Reaktionen sind verheerend, aber nicht für Rewe oder den Verein.

Mit ihrem Boykott-Aufruf gegen REWE hat sich die AfD keinen Gefallen getan. (Foto: Screenshot)

AfD-Boykottaufruf.

Mit ihrem Boykott-Aufruf gegen REWE hat sich die AfD keinen Gefallen getan. (Foto: Screenshot)

Berlin„Boykott bis zur Entschuldigung“ prangt auf einem Facebook-Posting des Kreisverbands der Alternative für Deutschland (AfD) in Mecklenburg-Vorpommern. Die AfD-Aktivisten empören sich in dem dann folgenden Text darüber, dass AfD-Chef Bernd Lucke auf einer Bahnfahrt zwischen Berlin und Köln von zwei Anhängern des Fußballclubs 1. FC Köln angepöbelt wurde. Und weil sie das nicht hinnehmen wollen, soll der Hauptsponsor des Vereins - Rewe - dafür bluten - es sei denn, das Unternehmen entschuldigt sich für das Verhalten der rüden Fans.

Rewe wollte den Boykottaufruf auf Anfrage des Handelsblatts nicht kommentieren.

Die FC-Fans sollen den 52-jährigen AfD-Co-Chef Lucke am vergangenen Samstag auf ihrem Rückweg vom Bundesligaspiel bei Hertha BSC gedrängt haben, aus dem ICE zu steigen. „Wir wollen keine Nazis hier!“, hätten sie zu ihm gesagt, berichtete „express.de“. Lucke, der mit seiner Frau im Bistrowagen saß, wies die Neonazivorwürfe laut AfD-Sprecher Christian Lüth zurück.

„Das ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit in Deutschland, den wir so nicht akzeptieren dürfen“, schreibt der AfD-Kreisvorsitzende Thomas de Jesus Fernandes in dem inzwischen wieder gelöschten Posting. Fernandes spricht von „absolut niederschmetternden“ Reaktionen aus anderen Parteien, des Fußballclubs und dessen Hauptsponsor Rewe.  Und dann bringt er harte Gegenmaßnahmen ins Spiel.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Wie viel Union steckt in der AfD?

Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

Was steckt noch in der AfD?

Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

Was macht die AfD attraktiv?

Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Es gebe „einen großen Hebel, um solches Verhalten als das darzustellen, was es ist: rassistisch, diskriminierend und volksverhetzend“. Wer sich hinter Lucke stellen wolle, solle sich daher an der Aktion beteiligen: „Boykottiert Rewe, bis sich der 1. FC Köln uns sein Hauptsponsor – die Rewe Group – bei dem Europaabgeordneten Bernd Lucke entschuldigt.“

Und dann macht Fernandes eine eigentümliche Rechnung auf. „Wenn 25.000 AfD-Mitglieder und deren Familien, aber auch eine Million AfD-Wähler als Konsumenten ihre Macht ausspielen, dann wird die Medienhetze nachlassen, denn die Brandstifter in den Redaktionen, die den dumpfen Mob aufhetzen, haben jetzt gesehen, wohin das Giftspritzen führt.“

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Herbert Maier

22.04.2015, 11:43 Uhr

Tja, die AfD ist anders als die etablierten Parteien und diesen auch gefährlich, deswegen werden alle kleinen und dummen Mätzchen der Partei aufgeblasen, selbst wenn es nur ein kleiner Kreisverband ist, um sie lächerlich zu machen und öffentlich zu erniedrigen. Und natürlich immer so Buh-Worte wie rechtskonservativ fallen lassen. Vergleichbaren Blödsinn wie diesen Rewe-Boykott findet man aber sicher auch bei Kreisverbänden anderer Parteien. Ich finde schade, dass die Presse auf diese politischen Diffamierungskampanjen so groß einsteigt, denn das ist doch jetzt nicht solch eine riesen Meldung wert. Und so etwas führt dann letztlich zu solch traurigen Konsequenzen wie dieses Bedrohungen und Nazi-Rufe gegen Herrn Lucke.

Herr Hans Mayer

22.04.2015, 11:51 Uhr

Ich und meine Familie werden REWE auf jeden Fall nicht mehr betreten, er liegt zwar nur 300 Meter um die Ecke, aber andere Händler nehmen unser Geld auch sehr gerne.

Herr Olli Werder

22.04.2015, 12:17 Uhr

Liebe Redakteure des Handelsblattes: Sie verkennen hier offenbar, dass Herr Lucke und seine Frau die Opfer sind! Es ist unerträglich, dass die gesamte Presse nur noch Negativmeldungen gegen die AfD veröffentlicht, anstatt hier mal klar und deutlich die Position der AfD zu Europa und vor allem zu Griechenland zu veröffentlichen! Unparteiisch, Unabhängig - diese Schriftzüge sind mittlerweile blanker Hohn!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×