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12.03.2016

17:08 Uhr

AfD und Rechtsradikalismus

Die Strategen aus der zweiten Reihe

Die AfD hat eine Doppelspitze. Doch deren Macht ist begrenzt. Großen Einfluss bei den Rechtspopulisten besitzt Parteivize Alexander Gauland. Und der setzt in einem Feldzug gegen die CDU zur Zeit eher auf Björn Höcke.

Gauland (l.) und Höcke: das Duo infernale in der AfD. dpa

Parteistrategen

Gauland (l.) und Höcke: das Duo infernale in der AfD.

Berlin/Erfurt„Höcke, Höcke“ tönt es durch die Dunkelheit. Die Fassade der sanierten Plattenbauten wirft den Schall zurück. In der Ferne sind leise die Trillerpfeifen der Gegendemonstranten zu hören. Polizisten halten sie auf Distanz. Björn Höcke ist erkältet. Trotzdem schreitet der Thüringer Fraktionschef der Alternative für Deutschland (AfD) an der Spitze des Demonstrationszuges durch die Kälte. Vor dem Erfurter Landtag kommt die Menschenmenge zum Stehen. Die Kundgebung beginnt.

Höcke sagt: „Wir müssen unsere großartige Identität endlich wieder selbstbewusst leben.“ Jubel. Als Höcke prophezeit, auch in diesem Jahr würden aus fernen Ländern wieder „eine Million junger Männer“ nach Deutschland kommen, zischt eine ältere Frau im Anorak: „Drecksgesindel.“

Deutschland 2016. Das heißt tiefe Gräben, schrille Töne und ein Thema, das die Talkshows dominiert: Asyl und Flüchtlinge. Eine erst vor drei Jahren gegründete Partei, die AfD, setzt in dieser Debatte konsequent auf stärkere Abschottung. Damit fängt sie viele Protestwähler ein. Menschen, die nicht wollen, dass die Zuwanderung Deutschland verändert. Menschen, die nicht mit Fremden teilen wollen. Mitte März könnte die AfD in drei weitere Landtage einziehen. Im Osten hat sie besonders viel Zulauf.

Formal betrachtet ist der ehemalige Geschichtslehrer Höcke nur einer von zwei Vorsitzenden eines relativ kleinen Landesverbandes. Im Bundesvorstand der AfD haben – zumindest auf dem Papier – der Volkswirt Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg und die Chemikerin Frauke Petry aus Sachsen das Sagen. Doch fragt man Insider, wer die AfD heute besonders prägt, fallen andere Namen: Björn Höcke (43) und Alexander Gauland (75).

Die Gesichter der AfD

Alexander Gauland, Bundesvorsitzender

Gauland gilt als gewiefter Taktiker und mächtigster Mann der AfD. Als Vorsitzender der Bundestagsfraktion hält er bereits viele Fäden in der Hand. Gauland ist dem rechtsnationalen Flügel verbunden. Flügel-Gründer Höcke ist aus seiner Sicht ein „Nationalromantiker“. Für das ehemalige CDU-Mitglied Gauland ist die AfD die dritte Karriere. Als junger Politiker war er die rechte Hand des CDU-Politikers und früheren hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann. Später wurde Gauland in Potsdam Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“.

Jörg Meuthen, Co-Bundesvorsitzender

Meuthen arbeitete vor seinem Einstieg in die Politik als Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. Im Juli 2015 wurde er auf einem stürmischen Parteitag in Essen als Repräsentant des wirtschaftsliberalen Flügels zum Co-Vorsitzenden der AfD neben Frauke Petry gewählt. 2016 zog er als AfD-Spitzenkandidat in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Später näherte sich Meuthen dem rechtsnationalen Flügel um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke an. Anfang November kündigte er seinen Wechsel von Stuttgart ins Europäische Parlament an.

Georg Pazderski, Parteivize

Pazderski ist Landes- und Fraktionschef der Berliner AfD. Dem Bundesvorstand gehörte er bisher als Beisitzer an. Schrille Töne sind dem ehemaligen Oberst im Generalstab der Bundeswehr genauso ein Graus wie politische Korrektheit. In einer Rede im Berliner Abgeordnetenhaus erzählte er, wie sein polnischer Vater als Jugendlicher für die Deutschen Zwangsarbeit leisten musste. In dem Vorstoß für einen Parteiausschluss von Höcke sah er eine „große Chance für die AfD, im bürgerlichen konservativ-liberalen Lager Fuß zu fassen“.

Albrecht Glaser, Parteivize

Glaser war früher CDU-Mitglied und Stadtkämmerer in Frankfurt am Main. Der AfD-Spitze gehörte der Bundestagsabgeordnete aus Hessen schon bisher als Stellvertreter an. In der Partei ist Glaser durch seine Arbeit als Leiter der Programmkommission gut vernetzt. Die damalige Parteivorsitzende Frauke Petry schlug ihn 2016 als Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten vor. Bei der Wahl durch die Bundesversammlung erhielt der chancenlose Glaser mindestens sieben Stimmen aus anderen Parteien. Im Oktober kandidierte er für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten und fiel dreimal durch. Die anderen Parteien begründeten ihre Ablehnung mit Äußerungen Glasers zur Religionsfreiheit und zum Islam.

Kay Gottschalk, Parteivize

Gottschalk ist Mitglied im größten AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen. Der Bundestagsabgeordnete galt als Verbündeter von Frauke Petry. Nach ihrem Rückzug twitterte er: „Frauke Petry will also nicht unserer Fraktion angehören. Das ist schade!“ Mittlerweile er auf die Gauland-Linie eingeschwenkt. Beim Parteitag in Hannover wurde er vor dem Kongresszentrum von Demonstranten an der Hand verletzt. Daraufhin sprach er vor den Delegierten von „Linksfaschisten“. Deren Gesichter seien „stumpf und empathielos“, rief Gottschalk den laut klatschenden und johlenden AfDlern zu. „Die hätten auch (...) ein KZ führen können.“

Höcke ist ein stets korrekt gekleideter Rechtsaußen mit federndem Gang, bei dem sich Ehrgeiz mit nationalem Pathos paart. Viele kennen ihn als den Mann, der im ARD-Talk im Oktober die Deutschlandfahne über die Stuhllehne legte. Mit dem stellvertretenden AfD-Chef Gauland bildet der Pädagoge ein ungleiches Duo. Gauland, ein Polit-Profi, war lange in der CDU. Er zieht seine Strippen so schnell und diskret, dass seine Opfer oft erst merken, wie ihnen geschieht, wenn sie schon mit den Füßen nach oben im Netz zappeln.

Der frühere Leiter der hessischen Staatskanzlei und ehemalige Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam kann seine Gunst genauso schnell entziehen, wie er sie verschenkt. Erst Bernd Lucke, dann Petry. Der neueste Favorit heißt Björn Höcke. „Dass es zwischen den beiden einen guten Kontakt gibt, damit habe ich kein Problem“, sagt Frauke Petry. „Ich sehe das entspannt.“

Doch wer ist dieser Mittsiebziger eigentlich? Was sagen alte Weggefährten über Alexander Gauland? Konrad Adam kennt ihn schon seit über 30 Jahren. Der Publizist hat den ehemaligen CDU-Staatssekretär 2013 zur AfD gebracht. Er überzeugte ihn, mitzumachen bei dieser neuen Partei von Konservativen, die sich durch den Mitte-Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heimatlos fühlten. Adam sagt: „Wir haben uns Anfang der 80er Jahre in Frankfurt kennengelernt, und ich habe ihn immer geschätzt. Doch sein Techtelmechtel mit Höcke, das stört mich.“

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