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16.02.2011

22:28 Uhr

Afghanistan-Besuch

Dr. Guttenberg verteidigt seine Ehre am Hindukusch

Immer mehr Wissenschaftler, bei denen Guttenberg abgeschrieben haben soll, sagen: Der Verteidigungsminister wird Doktortitel und Ansehen verlieren. Der Gescholtene lässt sich derweil überraschend in Afghanistan blicken.

Guttenberg beim Afghanistan-Besuch im August 2010: Nun besucht er erneut die Bundeswehr am Hindukusch. Quelle: dapd

Guttenberg beim Afghanistan-Besuch im August 2010: Nun besucht er erneut die Bundeswehr am Hindukusch.

Köln/BerlinIn der Heimat steht der Verteidigungsminister unter Beschuss. Der Vorwurf: Er soll Passagen seiner Doktorarbeit bei anderen Autoren abgeschrieben haben. Karl-Theodor zu Guttenberg geht den Problem vorerst aus dem Weg. Er nimmt Abstand und besucht die deutschen Truppen in Afghanistan. Am Mittwochabend traf er zu einem Überraschungsbesuch in Afghanistan ein. Das erfuhr die Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Es ist seine neunte Afghanistan-Reise seit seinem Amtsantritt im Herbst 2009. Zuletzt war der CSU-Politiker Mitte Dezember innerhalb weniger Tage zuerst mit seiner Frau Stephanie und dann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Hindukusch.

Guttenberg hat sich vorgenommen, die deutschen Soldaten in Afghanistan alle zwei Monate zu besuchen. Diesmal wurde er nicht von Journalisten begleitet. Das genaue Besuchsprogramm wurde zunächst nicht bekannt gegeben. Nur wenige Stunden vor der Reise waren Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit bekannt geworden. Zwei andere Affären, die Guttenberg bereits seit Januar zu schaffen machen, betreffen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Kurz vor seinem letzten Besuch dort war ein deutscher Soldat durch einen Schuss aus der Waffe eines Kameraden getötet worden.

Ebenfalls noch nicht aufgeklärt ist die Feldpost-Affäre. Rund drei Dutzend Briefe, die aus und in die Bundeswehrlager in Afghanistan verschickt wurden, sollen geöffnet worden oder verschwunden sein. Auch dazu laufen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen. Und jetzt auch noch der Verdacht, Guttenberg habe bei seiner Doktorarbeit von Wissenschaftler abgekupfert. Der Minister muss erneut die Selbstverteidigung üben.

Als hätte er es geahnt. „Ein gewisser Absturz hätte bei mir längst kommen müssen“, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg Mitte Oktober. „Weil er bislang nicht gekommen ist, kann er stündlich kommen.“ Damals wurde der Verteidigungsminister als Kanzlerkandidat und
CSU-Chef gehandelt, als Erlöser der Union und von den Medien als Mann des Jahres und Überflieger bejubelt.

Ist das jetzt der Absturz? Die Entzauberung der Lichtgestalt, so wie sie die Opposition und neidische Parteifreunde herbeisehnen?

Der Vorwurf, bei der Doktorarbeit abgekupfert zu haben, ist für Guttenberg eine Bagatelle - für die Wissenschaft ist es ein Weltuntergang: Der bisherige Superstar der Berliner Politik kämpft inzwischen nicht mehr nur gegen den Plagiats-Vorwurf - sondern um seinen guten Ruf. „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“, erklärte der CSU-Politiker am Mittwoch. Er sei jedoch bereit zu prüfen, „ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten“.

Für die Wissenschaftler, bei denen sich zu Guttenberg offenbar bedient hat, ist die Angelegenheit nicht so einfach beendet. Eine von Ihnen ist Barbara Zehnpfennig. Zu Guttenberg hat den Anfang seiner Dissertation offenbar aus einem ihrer FAZ-Artikel von 1997 abgeschrieben. "Ich habe die Passagen gleich wiedererkannt, die Sätze stammen eindeutig von mir", entrüstet sich die Kölner Politikwissenschaftlerin im Interview mit dem Handelsblatt. "Meine erste Reaktion ist Unverständnis, wie man so dumm sein kann", sagte sie fassungslos. "Wenn man politisch ambitioniert ist, solche Schwachstellen zu liefern – das verstehe ich nicht."

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano: "Ich finde den Vorgang wissenschaftlich skandalös." Quelle: dpa

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano: "Ich finde den Vorgang wissenschaftlich skandalös."

Zehnpfennig will nicht juristisch gegen Guttenberg vorgehen: "Der Mann ist gestraft genug." Doch die Politologin ist sich sicher, wie sich der geistige Diebstahl auf Guttenbergs Karriere auswirken wird: "Es wird höchstwahrscheinlich zu Aberkennung des Titels führen auf der wissenschaftlichen Ebene. Zum anderen ist es ein solcher moralischer Fauxpas, dass es sicherlich einen Karrierestopp für ihn bedeuten wird."

Guttenberg hat laut ARD für seine Doktorarbeit auch den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages mittelbar genutzt. Der damalige einfache CSU-Abgeordnete beauftragte nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios den wissenschaftlichen Dienst für seine
Parlamentarier-Tätigkeit mit Fachfragen, wie dies viele Abgeordnete üblicherweise tun. Die Expertisen seien später teilweise aber auch in seine Dissertation eingeflossen. Die Verwendung dieser Informationen sei allerdings stets kenntlich gemacht worden.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

16.02.2011, 20:56 Uhr

Lasst diese Presseleute einfach unter sich...nach dem Motto es gibt eine Meldung, aber keiner liest sie! Bild und Handelsblatt, wo gibt es noch einen Unterschied?

Account gelöscht!

16.02.2011, 20:59 Uhr

Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin! Stell dir vor es ist Zeitung und keiner liest sie! Bild und HB, wo ist da noch Unterschied?

YAlexMathes@hotmail.com

16.02.2011, 21:51 Uhr

Wer jemals im Deutschen Bundestag gearbeitet hat, nicht etwa unbedingt als MdB sondern als wissenschaftlicher Mitarbeiter, der weiß, wie "mundgerecht und passend" die Texte beispielsweise vom wissenschaftlichen Dienst erstellt werden. Natürlich gibt es auch eine ganze Reihe professioneller Ghostwriter, die für einige zehntausend Euro ein solches Standardthema wie das des jetzigen Verteidigungsministers anonym und diskret erledigen. An Geld hat es doch in der Familie zu Guttenberg - bei allem Respekt -doch wohl eher nicht gefehlt. Wie dem auch sei, wer als Mdb täglich seinen Verpflichtungen nachkommt, der hat eigentlich keine Zeit die Arbeit zeitgleich selbst zu schreiben. Es ist aber unstrittig, dass "KT" ein brillianter Kopf ist und sich medial perfekt zu inszenieren imstande ist. Doch schon Mozart hat gesagt: Die Welt möchte betrogen sein, drum werde sie betrogen" Alles weitere erübrigt sich bei dem sogenannten Phänomen zu Guttenberg.

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