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09.07.2015

16:14 Uhr

Agrarminister

Kükenschreddern soll bis 2017 aufhören

Um männliche Küken vor dem Schredder zu bewahren, lässt Landwirtschaftsminister Christian Schmidt eine neue Methode entwickeln: Noch im Ei soll das Geschlecht bestimmt werden – damit männliche gar nicht erst schlüpfen.

Künftig sollen männliche Küken bereits getötet werden, bevor sie schlüpfen. Derzeit werden jährlich rund 45 Millionen männliche Küken geschreddert, weil sie keiner Eier produzieren. dpa

Kükenschreddern

Künftig sollen männliche Küken bereits getötet werden, bevor sie schlüpfen. Derzeit werden jährlich rund 45 Millionen männliche Küken geschreddert, weil sie keiner Eier produzieren.

BerlinDas von Tierschützern scharf verurteilte Töten von Millionen männlichen Küken soll mit einer frühzeitigen Geschlechtsbestimmung im Hühnerei beendet werden. „Mein Ziel ist, dass das Kükenschreddern 2017 aufhört“, sagte Agrarminister Christian Schmidt (CSU) am Donnerstag in Berlin. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 45 Millionen männliche Küken nach dem Ausbrüten getötet, weil sie für die Eierproduktion nicht benötigt werden. Die Opposition hält Schmidts Plan für unzureichend und fordert verbindliche statt freiwillige Regeln für die Branche.

In Zukunft soll das Geschlecht bereits nach drei Tagen im Ei bestimmt werden. Dann könnten statt lebender Küken befruchtete Eier aussortiert werden. Für die Weiterentwicklung der entsprechenden Methode sicherte Schmidt der Universität Leipzig und ihren Partnern noch einmal 1,17 Millionen Euro Fördergelder zu. Bisher wurden bereits etwa 2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Die Leiterin des Projekts in Leipzig, Maria Krautwald-Junghans, ist zuversichtlich, dass das Gerät rechtzeitig entwickelt werden kann. Dabei soll mit Lasertechnologie ein kleines Loch in das drei Tage bebrütete Ei gefräst werden und dann mit einer „Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie“ das Geschlecht des Embryos bestimmt werden. Danach muss das Ei wieder verklebt werden.

Fragen und Antworten zum Kükenschreddern

Wie funktioniert die Kükenauswahl bisher?

Im Moment werden die Küken in den Brütereien nach dem Schlüpfen von Hand sortiert. Qualifizierte Mitarbeiter können die Geschlechter anhand von Farbe, Federn und Kloaken unterscheiden und sortieren die männlichen Tiere aus, wie der Zentralverband Deutsche Geflügelwirtschaft erklärt. Die Minihennen werden aufgezogen. Die männlichen Tiere werden laut Verband fast ausschließlich mit Kohlendioxid vergast. Zudem sei das Zerkleinern im Häcksler erlaubt.

Wie funktioniert das neue Verfahren?

Statt nach dem Schlüpfen nach 21 Tagen können die Forscher der Universität Leipzig schon nach drei Tagen das Geschlecht im Ei bestimmen. Dazu fräst ein Laser ein Loch von etwa einem Zentimeter Durchmesser in die Kalkhülle. Für die spektroskopische Analyse müsse keine Probe entnommen werden, erklärt die Teamleiterin Prof. Maria Krautwald-Junghanns. Stattdessen werde die molekulare Struktur im Blut sichtbar gemacht, das bei Vögeln DNA-Informationen enthält. Binnen Sekunden wirft die Technik einen Kurvenverlauf aus, der das Geschlecht verrät. Nur die Eier mit weiblichen Küken werden mit Pflastern versehen und ausgebrütet.

Was ist der größte Unterschied?

Der Deutsche Tierschutzbund stellt fest, dass Hühner-Embryos nach heutiger Kenntnis erst ab dem zehnten Bruttag Schmerzen empfinden, also die drei Tage alten Embryos bei der Spektroskopie nichts spüren. Beim Schreddern oder Vergasen haben die Küken dagegen 21 Tage Bebrütung hinter sich und sind voll schmerzempfindlich. Die aussortierten, nur kurz bebrüteten Eier können zudem als Proteinlieferanten eingesetzt werden, etwa als Fischfutter.

Wie praxistauglich ist das Verfahren?

Die Geflügelwirtschaft begrüßt prinzipiell die Methode der Geschlechterbestimmung im Ei. Eine Herausforderung sei die große Öffnung in den Eiern, durch die im Brutprozess mehr Keime in das Ei gelangen könnten. Die Forscher wollen das Verfahren weiter verfeinern, sagte Wissenschaftler Gerald Steiner.

Werden die Eier teurer?

Seriöse Abschätzungen zu den Kosten der Geschlechterbestimmung im Ei gibt es laut Branchenverband noch nicht, da die Automatisierung noch in der Entwicklung ist. Rudolf Preisinger, Geschäftsführer eines führenden deutschen Geflügelzüchters, der mit den Forschern zusammenarbeitet, rechnet mit einem geringen Mehrpreis für die Eier. Er schätzt, dass auf jede Brüterei etwa Mehrkosten von einer halben Million Euro zukommen.

Was ist mit der ausländischen Konkurrenz?

Geflügelzüchter fordern ebenso wie der Agrarminister europaweite Lösungen. Ein nationaler Alleingang könnte zur Verlagerung der Produktion ins Ausland führen. Die niedersächsische Geflügelwirtschaft fordert laut einem Bericht der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ für den Ausstieg aus der Kükentötung Finanzhilfen von Bund und Ländern. Sonst könnten vor allem kleine Brütereien die Anschaffung nicht finanzieren.

Was sagen die Tierschützer?

Die akzeptieren die neue Technik bestenfalls als Zwischenlösung. Langfristig müsse das Zweinutzungshuhn gefördert werden, also der Einsatz von Hühnern als Eierproduzenten und Fleischlieferanten. Diese Hühner sind robuster und gesünder, legen aber weniger Eier und wiegen weniger als Hochleistungstiere. Die Verbraucher müssten also bereit sein, den Preis für eine tierschutzfreundliche Lösung zu zahlen.

Tierschützern gehen die Pläne nicht weit genug. Der Deutsche Tierschutzbund betonte am Donnerstag, langfristig sei eine Abkehr vom bisherigen System notwendig, etwa durch die Zucht von „Zweinutzungshühnern“, die als Eier- und Fleischproduzenten eingesetzt werden können. „Ein Bundesminister, der selbst sagt, dass das Kükentöten gegen den Grundsatz des Tierschutzgesetzes verstößt, kann eigentlich nur ein Verbot aussprechen.“

Die Grünen-Bundestagabgeordnete Bärbel Höhn sagte: „So, wie Minister Schmidt es angeht, wird das sinnlose Kükentöten 2017 nicht aufhören. Die Bundesregierung muss jetzt dieses Ausstiegsdatum im Tierschutzgesetz festschreiben. Sonst wird die Wirtschaft die Umsetzung auf unbestimmte Zeit verschleppen.“ Auch die Linke forderte ein verbindliches Ausstiegsszenario. „Freiwillige Vereinbarungen mit der Geflügelindustrie und Forschungsprojekte reichen nicht aus“, betonte die Abgeordnete Birgit Menz.

Ebenfalls am Donnerstag unterzeichneten Schmidt und die Geflügelwirtschaft eine Vereinbarung, die das umstrittene Schnabelkürzen bei Legehennen und Mastputen bis August 2016 beenden soll. Ausnahmen sollen nach Angaben der Produzenten jedoch möglich bleiben, etwa bei Federpickerei und Kannibalismus unter den Hühnern. Ebenso wie bei der Beendigung des Kükenschredderns müssten europaweite Regeln greifen, damit die deutsche Geflügelwirtschaft konkurrenzfähig bleibe.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Frau Margrit Steer

09.07.2015, 17:33 Uhr

Was für eine Heuchelei. Also noch mehr als 2 Jahre dürfen Tiere getötet, geschreddert werden.
Warum wird so etwas nicht sofort verboten?
Wir sind völlig aus dem Ruder gelaufen

Herr Manfred Zimmer

09.07.2015, 17:46 Uhr

"Kükenschreddern soll bis 2017 aufhören"

2017?

Herr Manfred Zimmer

09.07.2015, 17:47 Uhr

"Du sollst nicht töten!" Es sei denn, der will den Euro nicht hergeben.

Ist das etwa so gemeint?

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