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30.06.2015

10:40 Uhr

Alkoholmissbrauch

Experten fordern höhere Steuern

Knapp zehn Liter reinen Alkohol trinken die Deutschen im Schnitt – weit mehr als der weltweite Durchschnitt. Auch Jugendliche trinken regelmäßig, Experten fordern daher schärfere Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch.

Jugendliche in Deutschland trinken nach einer aktuellen Studie zwar besonnener, Entwarnung geben Experten trotzdem nicht. dpa

Alkoholkonsum

Jugendliche in Deutschland trinken nach einer aktuellen Studie zwar besonnener, Entwarnung geben Experten trotzdem nicht.

BerlinVor der Vorstellung neuer Zahlen zum Alkoholkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen mehr Anstrengungen gegen Alkoholmissbrauch gefordert. „Der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol ist stabil auf hohem Niveau“, sagte Geschäftsführer Raphael Gaßmann der Deutschen Presse-Agentur.

Bei Jugendlichen habe es zwar zuletzt einen Rückgang etwa von Klinikeinweisungen wegen übermäßigen Trinkens gegeben. So wurden 2013 rund 23.200 junge Menschen zwischen 10 und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht, im Jahr zuvor waren es noch 26.700. Doch Gaßmann sagte: „Die Jugendlichen trinken etwas besonnener, das ist noch kein Erfolg.“

Insgesamt liegt der Pro-Kopf-Konsum laut der Hauptstelle seit 2007 unverändert nur knapp unter zehn Liter reinem Alkohol. Der weltweite Durchschnitt liegt laut Weltgesundheitsorganisation bei 6,2 Liter.

Gaßmann sagte: „Je nach Schätzung gibt es zwischen 80.000 und 120.000 Alkoholtote pro Jahr in Deutschland.“ Leberzirrhose und Bauchspeicheldrüsenkrebs zählten zu den Hauptfolgen übermäßigen Trinkens.

Das kostet uns der Alkoholmissbrauch

Schäden in Milliardenhöhe

In Deutschland verursachen alkoholbezogene Krankheiten volkswirtschaftliche Kosten von jährlich 26,7 Milliarden Euro, in der gesamten EU sind es sogar 270 Milliarden Euro. Darin enthalten sind unmittelbare Behandlungskosten der alkoholbedingten Erkrankungen und die wirtschaftlichen Verluste durch Fehlzeiten am Arbeitsplatz, Frühberentung und Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit. Dem stehen Einnahmen des Staates aus alkoholbezogenen Steuern von rund 3,3 Milliarden Euro (Stand 2012) gegenüber. Einzelnen Unternehmen können Mehrkosten im zweistelligen Millionenbereich entstehen.

Fehlzeiten

Mitarbeiter mit einem Alkoholproblem fehlen 16 Mal häufiger als der Rest der Belegschaft. Über einen Zeitraum von drei Jahren fehlten Abhängige durchschnittlich an 189 Tagen. Ein Anstieg des Pro-Kopf-Konsums in der Bevölkerung um einen Liter Reinalkohol ist mit einem Anstieg von 13 Prozent krankheitsbedingter Fehlzeiten verbunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine schwedische Studie.

Konsum auf hohem Niveau

In Deutschland trinken etwa zehn Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise. Knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig, 1,6 Millionen trinken in missbräuchlicher Weise. Im Jahr 2012 wurde mit 9,5 Liter reinem Alkohol fast ebenso viel getrunken wie im Jahr zuvor. Seit 2007 liegt der Pro-Kopf-Konsum knapp unter zehn Liter reinem Alkohol.

Gesundheitsrisiko

Als riskant gilt der Alkoholkonsum bei Frauen ab 14 Alkohol-Einheiten pro Woche, bei Männern ab 21 Alkohol-Einheiten pro Woche. Eine Einheit entspricht entweder einem kleinen Bier oder einem Glas Wein, 1,5 Einheiten entsprechen einem Schnaps oder anderen harten Getränken.

Behandlung im Krankenhaus

Die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ ist die dritthäufigste in der Krankenhausstatistik, bei Männern sogar die häufigste Diagnose der vollstationär behandelten Patienten.

Todesfälle

Aktuelle Analysen zu alkoholbezogenen Gesundheitsstörungen und Todesfällen gehen jährlich von etwa 74.000 Todesfällen durch Alkoholkonsum allein (26 Prozent) oder durch den Konsum von Tabak und Alkohol bedingt (74 Prozent) aus.

Quelle

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)

Gaßmann forderte die Politik auf, Werbebeschränkungen, Einschränkungen beim Alkoholverkauf und höhere Steuern für Alkohol anzupacken. „Auf Branntwein wird dieselbe Steuer erhoben wie vor 25 Jahren, doch die Einkommen sind seither deutlich gestiegen.“ Folglich schreckten die Kosten immer weniger ab – auch für Jugendliche sei Alkohol „taschengeldfreundlich“.

An diesem Dienstag stellen die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Ergebnisse einer Befragung unter 12- bis 25-Jährigen aus dem vergangenen Jahr vor.

Die Befragung davor stammte aus dem Jahr 2012. Demnach betranken sich damals rund 17 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und 44,1 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 bis 25 Jahren mindestens einmal in den 30 Tagen vor der Befragung. Der Anteil der 12- bis 17-Jährigen, die regelmäßig zur Flasche griffen, lag bei rund 14 Prozent.

Bei jungen Erwachsenen waren es 38,4 Prozent. Insgesamt gelten etwa 1,77 Millionen Erwachsene als alkoholabhängig.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Herr Uwe Baden

30.06.2015, 11:50 Uhr

Ein schönes Beispiel, dass die staatliche Bevormundung und Oberlehrergehabe nicht bzw. nur schlecht funktioniert.

Weder Alkohol noch Tabaksteuer hält die Leute vom Trinken / Rauchen ab. Genausowenig wie die immer mal wieder ins Spiel gebrachte Zucker oder Fettsteuern die Leute von Süssigkeiten oder Fasffood abhält. Selbst Illegalität hilft nicht gegen Koks, Hasch und co
.
Da hilft (begrenzt) Aufklärung und ggf. Unterstützung/Betreuung der Ausstiegswilligen.

Herr Hans Mayer

30.06.2015, 11:57 Uhr

Am Wochenende gab es allein in BW 12 Tote im Strassenverkehr, da gibt's noch nicht mal ein überall ein Tempolimit. Waren sicherlich Grün/innen oder Gutmenschenfreunde welche sowas wie Steuererhöhungen vorgeschlagen haben.

Herr Fred Schmitz

30.06.2015, 12:29 Uhr

Gegen mehr Aufklärung und gezielte Werbebschränkungen ist nichts einzuwenden. Dass aber selbst exorbitant hohe Alkoholsteuern oder gar ein völliges Verbot wirkungslos bleiben, ja oft das Gegenteil bewirken, zeigen doch Beispiele aus der Historie (USA) und Gegenwart (Skandinavien). Kaum irgendwo sonst gibt es so viele Trinker bei gleichzeitig hohen Selbstmordraten wie dort. Es ist ein wenig wie mit den Tempolimits auf Autobahnen. Überall dort, wo es sie gibt, liegt die Zahl der Verkehrstoten auf Fernstraßen (teilweise weit) höher als hierzulande, z. B. in Frankreich. Darüber verlieren die "zuständigen Ideologen" aber am liebsten kein Wort.

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