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21.11.2013

06:31 Uhr

Altbundespräsident Roman Herzog

„Die AfD sagt Dinge, die viele denken“

ExklusivAltbundespräsident Roman Herzog fordert, dass Griechenland selbst auf die Beine kommen muss. Gleichzeitig warnt er davor, die Alternative für Deutschland mit ihrer Kritik an den Krisenländern nicht ernst zu nehmen.

Altbundespräsident Roman Herzog. dpa

Altbundespräsident Roman Herzog.

BerlinAltbundespräsident Roman Herzog hat sich gegen zu weitreichende Hilfen für Athen ausgesprochen. „Länder wie Griechenland brauchen Hilfe, müssen letztendlich aber selbst auf die Beine kommen“, sagte Herzog dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe). Deutschland fordere nur vieles an Anstrengungen ein, die für andere schwierig seien. „Es war ein Fehler, dass die anderen Sparen und Haushalten oder Reformen am Arbeitsmarkt 60 Jahre unterlassen haben. Deren Fehler aber auch noch nachzumachen, nur um des lieben Friedens willen, das würde erst recht nicht passen“, sagte Herzog.

Laut dem Altbundespräsidenten war vielen in der Politik von Anfang an klar, dass Griechenland nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anderer Staaten hat. „Aber es ist wie so oft dabei: Man wusste um die wirtschaftliche Schwäche, andererseits gab es bei Themen wie Menschenrechten oder Religion keine Probleme. Die Türkei gleich nebenan ist zwar wirtschaftlich viel stärker, da passten jedoch diese Themen nicht“, sagte Herzog. Er forderte in diesem Zusammenhang dazu auf, die Argumente der Alternative für Deutschland (AfD) ernst nehmen. „Sie sagt Dinge, die viele unserer Mitbürger denken“.

So stehen die Euro-Sorgenländer da

Frankreich

Deutschlands wichtigster Handelspartner wächst nicht mehr: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Sommer überraschend um 0,1 Prozent. Die EU-Kommission traut dem Nachbarn nur einen blutleeren Aufschwung zu. 2014 soll es nur zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen, was etwa halb so viel ist wie in Deutschland. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet die Kommission, was wiederum den Konsum bremst. Obwohl das Wachstum 2015 auf 1,7 Prozent anziehen soll, dürfte die Arbeitslosenquote bis dahin auf 11,3 Prozent zulegen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion schrumpfte im Sommer nun schon das neunte Quartal in Folge und steckt damit in der längsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Während die Industrie zulegte, gingen die Geschäfte der Dienstleister und Landwirte zurück. Zwei Rezessionsjahren dürfte eine kraftlose Erholung folgen: 2014 wird ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, das sich 2015 auf 1,2 Prozent erhöhen soll. Eine steigende Exportnachfrage dürfte die Unternehmen zwar zu mehr Investitionen ermutigen, erwartet die EU-Kommission. Die Arbeitslosenquote soll aber im kommenden Jahr weiter steigen.

Spanien

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone hat sich im Sommer aus der Dauer-Rezession befreit. Anziehende Exporte und der boomende Tourismus ließen das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent wachsen. Zuvor war es neun Quartale in Folge geschrumpft. 2014 könnte die spanische Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder wachsen. Die EU-Kommission erwartet ein Plus von 0,5 Prozent, das sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen soll. "Die großen Anpassungen werden die Erholung einschränken", befürchtet die Kommission. Das reicht nicht, um die Arbeitslosigkeit kräftig zu drücken. Die Quote soll von 26,6 Prozent in diesem Jahr lediglich auf 25,3 Prozent im übernächsten Jahr fallen.

Griechenland

Im Frühjahrsquartal – neuere Daten liegen noch nicht vor – ging es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bergab. Das am schwersten von der Schuldenkrise betroffene Land wird aber für 2014 ein kleines Comeback zugetraut: Das Bruttoinlandsprodukt soll dann erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Das reicht nicht annähernd aus, um den für 2013 erwarteten Einbruch von 4,0 Prozent auszugleichen. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission, die dann mit einem Plus von 2,9 Prozent rechnet. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Sie soll von rund 27 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2015 sinken.

Irland

Von allen Krisenländern steht Irland am besten da. Bereits im Frühjahr wurde die Rezession abgeschüttelt mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2013 soll die Wirtschaft das dritte Jahr in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Das Tempo dürfte sich 2014 auf 1,7 Prozent und 2015 sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften immer besser in Schwung kommen. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent fallen, nachdem sie 2012 noch bei 14,7 Prozent lag.

Portugal

Das kleine Land ist von Juli bis September bereits das zweite Quartal in Folge gewachsen - und zwar um 0,2 Prozent. 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen: Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln soll. "Die Exporte sind der Wachstumstreiber, während die Binnennachfrage 2014 wieder anziehen wird", prophezeit die EU-Kommission. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 17,3 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen.

Zypern

Der Inselstaat steckt noch mitten im Abschwung: Im dritten Quartal 2013 brach die Wirtschaftsleistung mit 0,8 Prozent so stark ein wie in keinem anderen Euro-Land. Um 8,7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt im gesamten Jahr 2013 zurückgehen. 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die Kommission. Sowohl der Konsum als auch die Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird wieder mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen und erst 2015 wieder leicht auf 18,4 Prozent nachgeben.

Die Kritik aus den Südländern an der Deutschen Euro-Rettungspolitik hält Herzog für unbegründet. „Das nehme ich nicht ernst. Deutschland macht es in deren Augen eigentlich immer etwas falsch.“ Mache man nichts, dann heiße es, man käme der Führungspflicht nicht nach. Umgekehrt heiße es, man wolle ganz Europa beherrschen. „Sie werden sehen: Wenn die Euro-Krise vorbei ist, dann kommen unweigerlich wieder die Stimmen von denselben Kritikern, dass Deutschland führen muss“, sagte Herzog.

Für falsch hält Herzog deshalb auch die Kritik an den hohen Exportüberschüssen Deutschlands: „Wir exportieren ja nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil unsere Produkte und Angebote besser sind. Glaubt man allen Ernstes, dass die Menschen anderswo für das gleiche Geld schlechtere Dinge kaufen wollten, nur damit das Gleichgewicht im Export wieder hergestellt wird?“, sagte Herzog.

Von

sig

Kommentare (52)

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Account gelöscht!

21.11.2013, 07:37 Uhr

Mal sehen, wer von den Parteibuch-Marionetten unserer durchweg linksgrünen Bundestagsparteien sich wagt, Herrn Herzog als "populistisch", "europafeindlich" und schlußendlich als "menschenverachtend, rechtsradikal" zu titulieren! Genauso wie all die Mahner in den letzten Jahren,egal ob aus der AfD oder sonstigen gesellschaftlichen Schichten, deren Realitätssinn abgekanzel(er)t wurde.

KJes

21.11.2013, 07:46 Uhr

Volltreffer, Herr Dobovisek, absoluter Volltreffer !!!
Bis auf die beiden letzten Fragen hatte Herr Grillo KEINE schlüssigen Antworten parat.
Wenn Argumente die Welt verändern können, hat die Union jetzt ein fettes Problem. Sie kann nämlich nicht überzeugend begründen, warum sie NOCH IMMER das parlamentarische Sprachrohr der Großindustrie ist. Michael Fuchs ist - um nur eine einzige Person im BT zu nennen - der Erfüllungsgehilfe von Interessen, die die Republik schon bald ins Chaos stürzen werden. CDU/CSU vertreten die Positionen einer Minderheit des deutschen Volkes. Wirtschaft ist für die Menschen da, NICHT die Menschen für die Wirtschaft ( Franz Müntefering ).
Diese Form der Ausbeutung von Menschen - auch in D - MUSS ein Ende haben.

Rainer_J

21.11.2013, 07:49 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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