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28.10.2016

14:45 Uhr

Altdorf in Bayern

Bürgermeister nennt Treffen mit Muslimen „Islam-Schweinerei“

Der dritte Bürgermeister von Altdorf, Johann Pöllot, hat einen Termin mit dem Muslim-Zentralrat als „Islamschweinerei“ bezeichnet. Nun bedauert der CSU-Politiker angeblich seine Wortwahl.

Beleidigende Aussagen des dritten Bürgermeisters von Altdorf, Johann Pöllot (CSU), über eine kirchliche Veranstaltung mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland haben in der Gemeinde bei Nürnberg für Aufruhr gesorgt. dpa

Aiman Mazyek

Beleidigende Aussagen des dritten Bürgermeisters von Altdorf, Johann Pöllot (CSU), über eine kirchliche Veranstaltung mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland haben in der Gemeinde bei Nürnberg für Aufruhr gesorgt.

AltdorfBeleidigende Aussagen eines Bürgermeisters über eine kirchliche Veranstaltung mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, haben in Altdorf bei Nürnberg für großen Aufruhr gesorgt. Nach einer Einladung zu der Veranstaltung am kommenden Montag in der Laurentiuskirche rief der dritte Bürgermeister Johann Pöllot (CSU) beim evangelischen Dekan Jörg Breu an und sprach ihm auf den Anrufbeantworter, er sei entsetzt über „diese Islamschweinerei am Reformationstag“. Zudem leitete er unkommentiert eine E-Mail mit islam- und kirchenkritischem Inhalt an das Dekanat weiter.

In der ersten Aufregung sei ihm „blöderweise ein Wort entschlüpft, das ich sehr bedauere“, sagte Pöllot am Freitag und meinte damit das Wort „Islamschweinerei“. Zuvor hatten mehrere Medien darüber berichtet.

Grundsätzlich sei er dennoch gegen die Veranstaltung in diesem Rahmen, sagte der 64-Jährige: „Ich finde die Veranstaltung nicht gut am Reformationstag, nicht nach einem Festgottesdienst und nicht in der Kirche.“ Mit dieser Meinung stehe er in der Gemeinde auch nicht alleine da, sagte Pöllot, der seit 38 Jahren für die CSU im Stadtrat sitzt und seit 2014 dritter Bürgermeister ist.

Nazi, Faschist oder doch Nationalist?

Rechtspopulismus

Seit den achtziger Jahren sind Rechtspopulisten in Europa auf dem Vormarsch. Zum Spektrum gehören rechtsextreme Parteien genauso wie Gruppierungen, die mit populistischen Äußerungen auf sich aufmerksam machen wollen. Ihre politischen Ziele reichen vom Wunsch nach „Ordnung“, „Autorität“ und „Identität“ über die Agitation gegen Minderheiten wie Sinti und Roma bis hin zur Forderung, ein „weißes Europa“ ohne „jüdischen Einfluss“ zu schaffen. Paradoxerweise bauen die teilweise aggressiv nationalistischen Parteien dabei zunehmend auf eine länderübergreifende Zusammenarbeit und verstehen sich meist als „Freunde“ im Kampf gegen multikulturelle Überfremdung.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Faschismus

Ursprünglich aus sozialrevolutionären lokalen Zusammenschlüssen, den Syndikalisten, „Bewegung der Tat“, entstanden, entwickelte sich Anfang der 1920er-Jahre in Italien rasch eine Bewegung, deren Anhänger sich selbst als Faschisten bezeichneten und deren Symbol, das Rutenbündel (italienisch: fascio), die Stärke und Überlegenheit des Bundes gegenüber dem Einzelnen bedeutet. Die italienische Entwicklung diente teilweise den deutschen Nationalsozialisten als Vorbild, sodass Faschismus und Nationalsozialismus (schwarze und braune Faschisten) teilweise gleichbedeutend verwendet werden. Gemeinsam ist ihnen a) eine charismatische, autoritäre Führerfigur, b) die strikte Unterwerfung unter das Führerprinzip und c) der hierarchische Aufbau der politischen Organisation; weiterhin d) das rechtsextreme, offen rassistische und fremdenfeindliche Gedankengut und e) die (in Bezug auf andere politische Überzeugungen) negative Eigendefinition (als antidemokratisch, anti-parlamentarisch, antiliberal, anti-humanistisch etc.).

Rechtskonservativ

Rechts von christlich-konservativ Positionen kann das rechtskonservative Spektrum verortet werden. Dabei wird zwar vom Rechtsradikalismus unterschieden, allerdings ist der Übergang teilweise fließend. Rechtskonservativ ist, wer sich mit demokratischen Prinzipien und Werten nicht verbunden fühlt, Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung nicht ausdrücklich ablehnt, für eine Begrenzung von Zuwanderung ist, um eine kulturelle Überfremdung zu verhindern, gegen eine Integration Europas ist und keine Opposition im Parlament akzeptiert.

Rechtsradikal

Als radikal (von lateinisch „radi“ = Wurzel, Ursprung) werden politisch-ideologische Grundeinstellungen beziehungsweise Bestrebungen bezeichnet, die gesellschaftliche Fragen und Probleme von deren Ursprüngen bis in die letzten Details, also mit besonderer Konsequenz und einseitiger Kompromisslosigkeit, zu lösen suchen. Radikale Strömungen verstoßen nicht zwangsläufig gegen die Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Von den Behörden und der Sozialwissenschaft wird der Begriff Rechtsradikalismus in der Regel auf Personen und Organisationen gerichtet, die klar rechts der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben. Der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht Rechtsradikalismus in der Regel nicht feindlich gegenüber. Die Grenzen vom Rechtsradikalismus zum Rechtsextremismus sind dabei allerdings häufig fließend. Einer Definition des Politikwissenschaftlers Michael Minkenberg zufolge schließt der Rechtsradikalismusbegriff „auch Kräfte und Bewegungen“ ein, die „die geltende demokratische Ordnung als solche nicht in Frage stellen, jedoch durch Rückgriff auf den ultranationalistischen Mythos eine Radikalisierung nach rechts und damit eine Revision der Verfassungswirklichkeit anstreben.“

Extremismus

Der Begriff Extremismus unterliegt einer Zweideutigkeit, aus der sich eine Vielzahl an Debatten und Kontroversen ergibt. Von einigen Liberalen und Libertären wird beispielsweise argumentiert, dass extremistische Ziele und Ideen an sich „unproblematisch“ seien, solange sie friedlich und mit legalen Mitteln verfolgt würden. Die Lehre aus dem Aufstieg der Nationalsozialisten – so der österreichische Philosoph Karl Popper – sei, dass tolerante Gesellschaften die Pflicht hätten, sich gegen jegliche Art von Extremisten zu verteidigen: „Wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Hieraus leitet sich das Prinzip der „wehrhaften Demokratie“ ab. Für Wissenschaftler ergibt sich aus der Zweideutigkeit des Begriffs eine Notwendigkeit zur Abgrenzung. Viele Forscher unterscheiden deshalb zwischen „kognitiven Extremisten“ – also Menschen, deren Ziel- und Wertvorstellungen dem gesellschaftlichen Konsens drastisch widersprechen – und „gewaltbereiten Extremisten“

Nationalismus

Übersteigertes Bewusstsein vom Wert und der Bedeutung der eigenen Nation. Im Gegensatz zum Nationalbewusstsein und zum Patriotismus (Vaterlandsliebe) glorifiziert der Nationalismus die eigene Nation und setzt andere Nationen herab. Zugleich wird ein Sendungsbewusstsein entwickelt, möglichst die ganze Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen.

Nationalsozialismus

Nationalsozialismus bezeichnet eine politische Bewegung, die in Deutschland in den Krisen nach dem Ersten Weltkrieg entstand, 1933 die Weimarer Demokratie beendete und eine Diktatur (das sogenannte Dritte Reich) errichtete. Der Nationalsozialismus verfolgte extrem nationalistische, antisemitische, rassistische und imperialistische Ziele. Politisch schloss der Nationalsozialismus an die radikale Kritik und Ablehnung der demokratischen Prinzipien an und bekämpfte den Friedensvertrag von Versailles. Der Nationalsozialismus war keine geschlossene Lehre, sondern begründete eine „Weltanschauung“, in deren Mittelpunkt die Idee des „arischen Herrenvolkes“ stand, das sich aller Mittel zu bedienen hat, um sich „Lebensraum“ zu schaffen, andere (angeblich minderwertige) Völker und Nationen zu unterdrücken und die Welt vom (angeblich einzig Schuldigen, dem) Judentum zu befreien. Die Verachtung des Menschen im Nationalsozialismus fand Ausdruck in der fabrikmäßigen Tötung von Millionen wehrloser Opfer.

Die Mail habe er „nur zur Kenntnis an das Dekanat weitergegeben“. Der Verfasser kritisiert darin unter anderem Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, weil dieser die Kirche angeblich zunehmend dem Islam öffne. Er finde in dem Text „einige Dinge, die bedenkenswert sind“, sagte Pöllot. Im Detail stimme er den Aussagen jedoch nicht zu.

Dekan Breu sagte, Pöllot habe sich inzwischen bei ihm entschuldigt und er habe die Entschuldigung angenommen. Nächste Woche wollten sie eine gemeinsame Erklärung zu dem Vorfall veröffentlichen. „Ich hoffe, dass wir damit auf einen guten Weg kommen.“ Dennoch halte er eine Stellungnahme des ersten Bürgermeisters Erich Odörfer (CSU) für nötig. „Ich frage mich: Wie wollen wir hier in der Stadt in Zukunft miteinander umgehen und welche Kultur wollen wir dabei pflegen?“, sagte Breu. „Dabei habe ich nach den Vorkommnissen der letzten Tage schon noch offene Fragen.“

Für Montag sei zudem inzwischen eine Demonstration des islamfeindlichen Pegida-Bündnisses in Altdorf angekündigt worden. „Genau das wollten wir nicht“, sagte Breu. Die Veranstaltung der Kirche war auch eine Reaktion auf eine Pegida-Demo im vergangenen Jahr. Er hoffe, dass der Vortrag von Mazyek dennoch störungsfrei und friedlich verlaufe. Der Chef des Muslim-Zentralrats will nach der Abendandacht über ein „Miteinander“ statt einem „Nebeneinander“ der Religionen in Deutschland sprechen.

Von

dpa

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