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10.11.2015

16:31 Uhr

Altersarmut

Immer mehr Ältere geraten in Schuldenfalle

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform sieht einen erschreckenden Anstieg der Überschuldung bei Senioren, immer mehr geraten in eine Schuldenfalle. Die Möglichkeiten, ihre Lage zu verbessern, sind vergleichsweise gering.

Insgesamt sind nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform inzwischen über 600.000 Senioren überschuldet. dpa

Eine ältere Frau öffnet ihr Portemonnaie

Insgesamt sind nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform inzwischen über 600.000 Senioren überschuldet.

DüsseldorfAlt und überschuldet: Dieses Schicksal droht immer mehr Senioren in Deutschland. Nach dem am Dienstag von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform veröffentlichten „Schuldneratlas 2015“ stieg die Zahl der über 60-Jährigen mit Schulden, die sie nicht mehr vollständig bedienen können, in den vergangenen zwei Jahren drastisch an. Bei den 60 bis 69-Jährigen um 12,4 Prozent, bei den Senioren ab 70 sogar um 35,4 Prozent.

„Immer mehr ältere Menschen geraten in eine Schuldenfalle“, warnt Creditreform-Aufsichtsrat Helmut Rödl. Dabei sehen die Zahlen zur Finanzsituation der älteren Generation auf den ersten Blick eher undramatisch aus. Während von den 18 bis 59-Jährigen laut Creditreform 13,3 Prozent ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können, sind es bei der Generation 60plus „nur“ 2,7 Prozent.

Doch die Zuwachsraten bei den Älteren seien „erschreckend“, betont Creditreform. Insgesamt sind nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei inzwischen über 600.000 Senioren überschuldet – mit gravierenden Folgen. „Altersarmut ist eine besonders schwerwiegende Form der Armut“, betont Rudolf Martens vom Paritätischen Gesamtverband in Berlin.

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Arbeitsministerin Nahles und Finanzminister Schäuble wollen die betriebliche Altersversorgung wieder attraktiver machen. Eine Entscheidung zur Reform soll spätestens im Frühjahr 2016 fallen.

Während Armut für jüngere Menschen häufig eine vorübergehende Lebensphase sei, und sie über eine Perspektive verfügten, sich aus den Problemen herauszuarbeiten, sei das bei älteren Menschen in der Regel nicht mehr der Fall. Denn mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern.

Martens befürchtet, dass das Phänomen der Altersüberschuldung in den nächsten Jahren im Gleichklang mit der Altersarmut weiter zunehmen wird. Hierzu trage auch die Ausweitung von Niedriglöhnen auf dem Arbeitsmarkt bei. Viele Versicherte, die in den nächsten Jahren ins Rentenalter kommen, könnten nur geringe Rentenanwartschaften vorweisen.

Auch die Bertelsmann-Stiftung hatte erst vor wenigen Wochen vor einem Anstieg der Altersarmut gewarnt. „Während 2006 jeder zehnte Ältere von Altersarmut bedroht war, galt das 2013 schon für jeden siebten“, berichtete die Stiftung. Besonders stark gefährdet seien Frauen, Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund.

Das Rentenpaket der Großen Koalition

Mütterrente

Etwa 9,5 Millionen Frauen, deren Kinder vor 1992 zur Welt kamen, bekommen Kindererziehungszeiten in der Rente künftig besser honoriert. Pro Kind sind das ab 1. Juli brutto knapp 28 Euro monatlich mehr im Westen und gut 26 Euro mehr im Osten. Dies ist eine Verdoppelung des bisher bezahlten Zuschlags. Frauen mit jüngeren Kindern sind bei der Mütterrente aber immer noch bessergestellt.

Abschlagsfreie Rente ab 63

Wer mindestens 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll schon ab 63 Jahren ohne Abschlag in Rente gehen können. Begünstigt sind die Geburtsjahrgänge zwischen 1952 und 1963. Phasen kurzer Arbeitslosigkeit sollen mit angerechnet werden, aber nicht in den letzten zwei Jahre vor Beginn der Frührente. Das soll eine Welle von Frühverrentungen verhindern. Selbständige, die in ihrem Berufsleben mindestens 18 Jahre lang Pflichtbeiträge in die Rentenkasse entrichtet haben und danach freiwillig weiterversichert blieben, sollen ebenfalls ab 63 eine abschlagfreie Frührente beziehen können. Das kommt vor allem Handwerkern zugute.

Erwerbsminderungsrente

Wer aus gesundheitlichen Gründen vermindert oder gar nicht mehr arbeiten kann, soll brutto bis zu 40 Euro mehr Rente bekommen. Die Betroffenen werden so gestellt, als ob sie mit ihrem früheren durchschnittlichen Einkommen bis 62 – und damit zwei Jahre länger als bisher – in die Rentenkasse eingezahlt hätten.

Reha-Leistungen

Um Frühverrentungen aus gesundheitlichen Gründen zu verhindern, sollen die bislang gedeckelten Mittel für Rehabilitationsleistungen dynamisiert – also schrittweise erhöht – werden.

Ganz entscheidend für das Armutsrisiko sei, dass infolge der Rentenreformen seit 2001 das Leistungsniveau der gesetzlichen Rentenversicherung gesunken sei und weiter sinken werde, heißt es im Papier der Stiftung. Der Grundgedanke der Riester-Reform, das sinkende Versorgungsniveau durch den Ausbau der betrieblichen und privaten Altersvorsorge auszugleichen, habe sich nicht als tragfähig erwiesen. Dies gelte gerade bei Versicherten mit niedrigen Rentenanwartschaften.

Nach einer aktuellen Studie des Statistischen Bundesamtes waren 2014 insgesamt 17,9 Prozent der Menschen im Altern von 60 Jahren und mehr von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Bei der Gesamtbevölkerung lag der Anteil mit 20,6 Prozent allerdings noch höher.

Von

dpa

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