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11.05.2017

20:55 Uhr

Alterssicherung

Der Fluch des langen Lebens

VonPeter Thelen

Da Menschen immer älter werden, sollen sie länger arbeiten und so die Rentenkassen im Lot halten. Laut einer Studie würde diese Idee aber eine „Polarisierung im Alter“ verschärfen. Alt ist eben nicht gleich alt.

Die Lebenserwartung steigt. Das wird zum Problem für die Rentenversicherung. dpa

Seniorinnen auf Parkbank

Die Lebenserwartung steigt. Das wird zum Problem für die Rentenversicherung.

BerlinDas Glück des langen Lebens ist ein Problem für die Rentenkasse. Allein in den vergangenen 25 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung für Neugeborene in Deutschland um etwa fünf auf knapp über 80 Jahre gestiegen. Wer länger lebt, erhält auch länger Rentenzahlungen. Das belastet das Sozialsystem.

Das Problem könnte eine neue „Wunderformel“ lösen, wie sie von der Europäischen Kommission und auch der Organisation wichtiger Industriestaaten (OECD) favorisiert wird. Demnach soll künftig das gesetzliche Rentenalter in dem Maße erhöht werden, in dem die Lebenserwartung steigt. Eine Erhöhung auf 67 Jahre ist für das Renteneintrittsalter in Deutschland bereits beschlossen; ein Eintritt ab 63 Jahren ist im Gegenzug für Abschläge bei der Rente möglich. Würde sich die Lebenserwartung in den kommenden 25 Jahren um weitere fünf Jahre erhöhen, würde eine solche Wunderformel vereinfacht gesagt ein reguläres Renteneintrittsalter von 72 Jahren vorsehen.

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Willkommener Nebeneffekt einer solchen Verknüpfung des Rentenalters mit der Entwicklung der Lebenserwartung wäre, dass mit jedem Jahr, dass die Versicherten länger im Job bleiben und Sozialabgaben zahlen, auch ihre Rentenansprüche steigen würden. Das könnte, so Axel Börsch-Supan, Direktor des Münchner Instituts für die Ökonomie des Alters, ein Ausgleich dafür sein, dass das Rentenniveau auch in Zukunft sinken soll. Im Idealfall würde eine klassische Win-win-Situation für alle Beteiligten erreicht, so Bösch-Supan. Die Rentenversicherung würde finanziell entlastet – und mit ihr die Beitragszahler. Diese würden im Rentenalter über höhere Renten profitieren.

Eine Studie der Universität Duisburg zeigt jedoch, dass die erhofften Effekte zum Teil gar nicht eintreten. Denn die Untersuchung, die dem Handelsblatt vorliegt, belegt, dass die meisten Menschen schon das Rentenalter 65 nicht als Erwerbstätige und schon gar nicht im angestammten gut bezahlten Vollzeitjob erreichen. Damit komme es zwar zu den erwarteten Spareffekten für die Rentenversicherung. Ihr aber stünden negative Effekte für Arbeitnehmer und Rentner gegenüber, die generell sozialpolitisch nicht vertretbar seien. „Erschwerend kommt hinzu“, so Gerhard Bäcker von der Uni Duisburg, „dass vor allem gut qualifizierte Beschäftigte mit guten Einkommen Chancen haben, bis zum Schluss im Job zu bleiben.“ Sie würden mit einer höheren Rente belohnt. „Beschäftigte im unteren Qualifikationsbereich seien dagegen wegen ihres „Gesundheitszustandes und belastenden Arbeitsbedingungen“ dazu häufig nicht in der Lage. „Im Ergebnis kann es zu einer weiteren sozialen Polarisierung des Alters kommen.“ Heute schon bei der Altersversorgung benachteiligte Personengruppen würden im Alter zusätzlich abgehängt.

Aktuelle Positionen zur Rentenreform

Doppelte Haltelinie

Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) will eine Mindestgrenze beim Rentenniveau für 2045 - aber ohne Explosion der Beiträge. Wie Nahles hat auch CSU-Chef Horst Seehofer von einer „doppelten Haltelinie“ gesprochen. Ohne Reformen dürfte das Verhältnis der Rente zum Durchschnittslohn laut Regierung bis 2045 von heute 47,8 auf 41,6 Prozent fallen, die Beiträge von 18,7 auf 23,4 Prozent steigen. Für ein stabileres Niveau als derzeit prognostiziert sind auch CDU-Rentenexperten, Seehofer und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Der CDU-Wirtschaftsflügel warnt vor den Kosten. Ohne Einigung bliebe die Koalition hinter den selbst geweckten Erwartungen zurück.

Quelle: dpa

Ost-West-Angleichung

Nahles will die Ostrenten bis 2020 vollständig auf Westniveau anheben. Das soll aber nicht aus der Rentenkasse finanziert werden. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wehrt sich gegen eine Steuerfinanzierung. Die Aufwertung der im Schnitt geringeren Ostlöhne bei der Rente soll bis 2020 im Gegenzug wegfallen - künftige Ostrentner bekommen dann weniger. Ostdeutsche Unionspolitiker wehren sich dagegen, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Renteneinheit versprochen. Ein Kompromiss ist wahrscheinlich.

Betriebsrente

Per Gesetz soll die betriebliche Altersvorsorge neuen Schub bekommen: Für Unternehmen soll sie durch den Wegfall von Rentengarantien erleichtert werden, dazu sind neue Zuschüsse und eine höhere Steuerförderung geplant. Ein Entwurf ist fertig und soll bald ins Gesetzgebungsverfahren kommen.

Lebensleistungsrente

Von dem Vorhaben, kleine Renten aufzuwerten und so Geringverdiener vor Altersarmut zu schützen, will sich die Koalition wohl verabschieden. Denn viele Kleinrentner sind wegen anderer Einkünfte oder Einkünften des Ehepartners gar nicht arm. Nahles will eine Alternative vorschlagen. Im Gespräch sind in der Koalition Zuschläge aus Steuermitteln und Freibeträge. Auch Erwerbsgeminderte sollen bessergestellt werden. 

Mütterrente

Die CSU fordert eine Ausweitung - Mütter, die vor 1992 Kinder zur Welt gebracht haben, sollen denen mit jüngeren Kindern gleichgestellt werden und drei Jahre Kindererziehungszeiten bei der Rente angerechnet bekommen. CDU und vor allem SPD sind wegen der hohen Kosten dagegen.

Selbstständige

Nahles will die Absicherung der Selbstständigen im Alter stärken. Doch während die SPD eine Pflicht zur gesetzlichen Rentenversicherung favorisiert, will die Union die Betroffenen nicht gleich dort hineinzwingen.

Rentenalter

Schäuble ist für einen weiteren Anstieg des Rentenalters - durch eine Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung. Gesetzeslage ist ein Anstieg bis 2029 auf 67 Jahre. Die SPD will keinesfalls mehr - die Einigungschancen sind gering.

Dabei bestreiten die Autoren der Studie nicht, dass es in den vergangenen Jahren Fortschritte bei der Erwerbsbeteiligung Älterer gegeben hat: Die sogenannte Erwerbstätigenquote von Männern zwischen 60 und 64 Jahren liegt der Untersuchung zufolge nach einem deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahren bei 60 Prozent, bei Frauen immerhin bei 48 Prozent. Doch fällt auf, dass mit 63 Jahren nur noch 44 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen erwerbstätig sind. Bei den 64-Jährigen sind es sogar nur noch 36 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen. Der Grund dürfte sei, dass viele trotz der hohen Frührentenabschläge immer noch den frühestmöglichen Rentenbeginn mit 63 nutzten. Viele sind auch dann schon nicht mehr im alten Vollzeitjob und zahlen gar keine  Beiträge mehr in die Rentenversicherung ein oder deutlich kleinere Sozialversicherungspflichtig beschäftigt  sind nämlich im Alter 64 nur noch weit unter 20 Prozent. Von diesen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben in den Altersgruppen 63 bis über 65 immer mehr nur einen Minijob: Die Quote steigt von einem Drittel bei den 63-Jährigen auf über 60 Prozent in der Generation 65 Plus. Oft geht es dabei nur um einen Zusatzverdienst zur zum frühestmöglichen Zeitpunkt bezogenen gesetzlichen Rente.

Kommentare (18)

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Herr Peter Spiegel

12.05.2017, 08:12 Uhr

Bei all den Rentenartikel wird immer die Produktivität vergessen, woran liegt das ?
Kann das Absicht sein um die Beitragszahler zu täuschen ?
https://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4t

Herr Holger Narrog

12.05.2017, 08:28 Uhr

Die Polarisierung im Alter ist Realität und wird sich ausweiten.

Beispiel Maurer: Spätestens mit 50 Jahren ist der Rücken kaputt und der Mann nicht mehr in der Lage als Maurer zu arbeiten.

Beispiel Physiker Reaktorsicherheit und nuklearer Katastrophenschutz: Hat bis 73 Jahre gearbeitet, zuletzt in China.

Sinnvoll wäre es die Beiträge zur Altersversorgung zu spreitzen, so dass ein Maurer höhere Beiträge leistet und dadurch früher in den Ruhestand treten kann. Ideal wäre hierzu ein Pensionskassensystem analog der Schweiz.

Sinnvoll wäre auch eine 2. Ausbildungsphase für Mitmenschen mit körperlich fordernden Berufen ab Alter 50 anzudenken.

Erfrischend ist die Frühverrentung mit 63. Dadurch ist die Erwerbstätigkeit der Älteren Mitmenschen zurückgegangen.

Für all diejenigen die von sozialistischen Wunderwerken träumen....Durch die Geistesblitze der Politik, Umvolkung, Alimentation südeuropäischer Staaten, "Energiewende", wurden/werden der Gesellschaft enorme Lasten aufgebürdet. Die Geldschöpfung der EZB kann zu einem Währungskollaps, oder einer anderen Reduktion der Geldvermögen der Bevölkerung führen. Insgesamt wird die Gesellschaft nicht darum herumkommen dass ältere Mitmenschen länger arbeiten als bisher.

Herr Peter Spiegel

12.05.2017, 08:47 Uhr

Insgesamt wird die Gesellschaft nicht darum herumkommen dass ältere Mitmenschen länger arbeiten als bisher. @Herr Holger Narrog, richtig wenn es keine Maschinen und die damit einhergehende erhöhte Poduktivität gäbe und
solche Artikel zu Wissensbereicherung.

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