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20.01.2010

13:42 Uhr

Altersvorsorge

Abzocke oder sinnvolle Vorsorge? Der Streit um Riester

VonChristian Panster, Jörg Hackhausen

Riestern oder nicht riestern - das ist hier die Frage. Die Kritiker schimpfen über Gebührenschneiderei und gezielte Irreführung. Die Befürworter verweisen auf hohe Zulagen und die Notwendigkeit der privaten Vorsorge. Wer hat recht? Ein Verbraucherschützer, ein Branchenvertreter und ein Professor stehen Rede und Antwort.

Guter Vertrag oder über den Tisch gezogen? Wenn es um die Riester-Rente geht, sind die Ansichten geteilt. Quelle: Volkmar Schulz / Keystone Presse

Guter Vertrag oder über den Tisch gezogen? Wenn es um die Riester-Rente geht, sind die Ansichten geteilt.

Handelsblatt: Über den Sinn und Unsinn der Riester-Rente wird viel gestritten. Die Sparer sind verwirrt. Eine aktuelle Studie der Uni Bamberg hat ergeben, dass Verbraucher nur unzureichend über die Kosten der Verträge informiert werden. Warum gestalten die Anbieter ihre Verträge nicht transparenter?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Warum die Anbieter das nicht besser auf die Reihe kriegen, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, denn so kompliziert muss das ja nicht sein. Vielleicht mangelt es aber auch am Willen?

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Auf Versicherungsprodukte trifft die Kritik sicher nicht zu. Die Kunden werden vor Vertragsabschluss in einem Produktinformationsblatt über alle wesentlichen Vertragsinhalte informiert. Dazu zählen auch Angaben zu den einkalkulierten Kosten. Das ist bei Versicherungsprodukten auch gesetzlich vorgeschrieben. Und nur bei Versicherungsprodukten werden bereits die Kosten und Bedingungen der Auszahlungsphase vollständig angegeben. Das hat der Studienautor ausdrücklich hervorgehoben.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Es geht um margenträchtiges Geschäft. Intransparenz ist gewollt, um die Vergleichbarkeit zu erschweren.

Versicherungen und Fondssparpläne werden besonders gerne als Riester-Verträge vertrieben. Bei diesen Produkten sind aber auch die Provisionen am höchsten. Ein Zufall?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Nein.Verkauft wird das, was Provision bringt. Produkte, die wenig bringen, liegen auch nicht im Verkaufsregal. Für den Sparer wäre es aber optimal, so geringe Kosten wie möglich zu haben, und stattdessen eine möglichst hohe Rente. Ein Beispiel: wer als junger Anleger jährliche Kosten von zwei Prozent einspart, kann langfristig eine doppelt so hohe Altersrente erwarten. An solchen Verträgen verdienen die Anbieter aber viel weniger, deshalb werden sie nicht verkauft.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Es stimmt, dass die meisten Banken keine Riester-Banksparpläne anbieten. In Berlin zum Beispiel gibt es kein einziges Angebot. Betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar, weil bei Banksparplänen keine Kosten für die Beratung einkalkuliert sind. Die in der Altersvorsorge unverzichtbare aufwändige Ansprache der einzelnen Kunden auf ihren Vorsorgebedarf und das individuelle Angebot bedarfsgerechter Produktlösungen kann betriebswirtschaftlich ohne Vergütung der Beratung durch den Produktanbieter nicht amortisiert werden. Bei Versicherungsprodukten hingegen sind die Kosten für die Beratung der Kunden und den Vertragsabschluss bereits einkalkuliert. Bildlich gesprochen: Ein Auto fährt nicht ohne Räder, selbst wenn es dadurch leichter würde. Genauso wenig funktioniert Produktvertrieb ohne Beratungsvergütung.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Zieht man die Gebührenbelastungen für Lebensversicherungen und Investmentfonds außerhalb Riester als Maßstab heran, erkennt man Ähnlichkeiten in der Höhe der Kostenbelastung. Allerdings gibt es sowohl 'reelle' Anbieter als auch Gebührenschinder. Dies verwundert nicht, denn es bestehen zwar Pflichten zur Kosteninformation, aber keine Kostenbegrenzungen.

Kommentare (12)

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Otto Chilli

20.01.2010, 15:00 Uhr

Die Deutsche Privatvorsorge AG dankt Prof. Dr. Hermann Weinmann für seinen guten Namen.

Go, Lobby, go!

Jonas

20.01.2010, 15:21 Uhr

Neulich klang das aber noch anders, als Wissenschftler einer Uni das nachrechneten.
Demnach lohnt sich Rieser noch Rührup für praktisch niemanden ausser der bank, die im Endeffekt alle Förderung abgreift.

Daß das korrupte Schröder-Regime nur an seine Amigos dachte, ist aber wohl klar.

Nur Länder mit guten Politikern hätten
den bürgern einfach eine zusätzliche Einzahlung ins staatliche Rentensystem erlaubt, um ihre Anspruchspunkte zu erhöhen.

Aber daran hätten die Amigos ja nichts verdienen können.

AJ

20.01.2010, 16:17 Uhr

Politisch gesehen ist "Riester" die bankrotterklärung unseres umlagefinanzierten Rentensystems. Man hat erkannt, daß dieses in baldiger Zukunft nicht mehr funktionieren wird und nun "Riester + Co." als kapitalgedeckte Zumischung eingeführt. Mit den staatlichen Zuschüssen will man möglichst viele bürger sanft in diese Richtung drängen. irgendwann wird sicherlich aus der Freiwilligkeit Pflicht, wenn nicht genügend Teilnehmer vorhanden sind. Man kann auch erst in 20 bis 30 Jahren sagen, ob und wieviel Geld bei den Verträgen tatsächlich angespart und ausgezahlt wird. im ungünstigen Fall hat man eben Pech und bekommt für 1 Euro, den man im Jahr 2009 zurückgelegt hat im Jahr 2045 einen Euro zurück. Nur Pech, daß dieser dann eine Kaufkraft von 40 Cent hat! Die "Steuerersparnis" ist auch lächerlich, da man die Auszahlungen aus Riester später voll versteuern muß. Und die Zulagen holt sich das Finanzamt jedes Jahr direkt über die Einkommensteuer vom "Riester"sparer wieder. Auch dann, wenn er seinen Zulagenantrag verpennt hat. Dies tun jährlich 30% aller Riestersparer. Für die Finanzämter eine sprudelnde Geldquelle. Also alle in allem ist Riester äußerst fragwürdig. Mit einem netten Sparplan, guten Aktien + Anleihen oder anderen Anlageformen läßt sich auch prima für das Alter sparen. Dann eben ohne Förderung aber mit besserer Rendite.
Gruß AJ

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