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27.11.2012

08:03 Uhr

Altersvorsorge

Deutsche meiden Betriebs- und Riester-Rente

ExklusivDer Alterssicherungsbericht der Bundesregierung bestätigt: Jeder zweite Kleinverdiener sorgt nicht vor. Auch die Betriebsrente stagniert. Die zweite Säule der Alterssicherung ist in Gefahr.

Viele Deutsche sorgen nicht für das Alter vor. dpa

Viele Deutsche sorgen nicht für das Alter vor.

BerlinTrotz massiver staatlicher Förderung ist die Betriebsrente weit davon entfernt die ihr zugedachte Rolle als zweite Säule der deutschen Alterssicherung zu spielen. zu spielen: So verfügten Ende 2011 maximal 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten über eine Anwartschaft auf eine Betriebsrente. Dies ergibt sich aus dem aktuellen Alterssicherungsbericht der Bundesregierung, der dem Handelsblatt vorliegt.

Möglichkeiten bei der Altersvorsorge

Betriebliche Altersvorsorge (1)

Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung – 2011 sind das 2640 Euro - steuer- und sozialabgabenfrei in die betriebliche Altersvorsorge einzuzahlen.

Betriebliche Altersvorsorge (2)

Zusätzlich können weitere 1800 Euro lohnsteuerfrei investiert werden. Insgesamt können 4440 Euro in eine Direktversicherung oder eine Pensionskasse fließen. Der Verbreitungsgrad der Betriebsrenten ist in Deutschland noch immer gering. Vor allem bei kleineren und mittleren Unternehmen führt die Betriebsrente noch immer ein Schattendasein.

Riester-Rente (1)

Der Staat bezuschusst die private Altersvorsorge mit Zulagen und Steuervorteilen. Riester-Sparer erhalten derzeit 154 Euro Grundzulage pro Person und 185 Euro für jedes Kind. Für Nachwuchs, der nach 2008 geboren ist, gibt es sogar 300 Euro.

Riester-Rente (2)

Voraussetzung für die volle Förderung ist, dass der Sparer vier Prozent seines jährlichen Bruttolohns einzahlt, wobei bis zu 2100 Euro gefördert werden. Außerdem können Beiträge bis zu dieser Höhe steuerlich geltend gemacht werden. Förderberechtigt sind grundsätzlich Angestellte sowie Beamte und deren Ehepartner.

Rürup-Rente (1)

Die Rürup-Rente richtet sich in erster Linie an Selbstständige. Sparer können einen wachsenden Teil der Einzahlungen von der Steuer absetzen.

Rürup-Rente (2)

Aktuell sind es 72 Prozent, bis 2025 soll der Anteil auf 100 Prozent ansteigen. Pro Jahr sind steuerbegünstigte Einzahlungen von bis zu 20.000 Euro (40.000 Euro für Verheiratete) möglich.

Eine sichere Altersversorgung haben danach vor allem die  Angestellten im öffentlichen Dienst, die automatisch zusatzversichert sind, und die Mitarbeiter bei Banken und Versicherungen. Hier sind 84 Prozent Mitglied in einem der traditionellen Versorgungswerke.

Auch die Industrie zieht mit Quoten von 63 und 61 Prozent den Durchschnitt noch etwas nach oben. Besonders düster sieht es im Gastgewerbe aus, wo nur jeder Vierte einen Betriebsrentenanspruch hat.

Weit problematischer ist: Trotz massiver staatliche Förderung stagniert die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung nahezu. Seit 2005 stieg die Zahl der Anwartschaften nur noch um sieben Prozent auf 19,58 Millionen, nachdem sie in den vier Jahren davor noch um ein Viertel gewachsen war. Damit hat der 2001 durch die Einführung der steuer- und sozialabgabenfreiem Gehaltsumwandlung ausgelöste Boom nicht lange gehalten.

Auch bei den 2002 eingeführten Riester-Verträgen ist die Bilanz nicht gerade rosig. Bei einer eigens durchgeführten Befragung des Statistischen Bundesamts gaben nur 35,2 Prozent an, sie zahlten in einen Riester-Vertrag ein.

Fallstricke bei der Altersvorsorge

Inflation einkalkulieren (1)

Bei einer langfristigen Finanzplanung ist die Inflation ein wesentlicher Faktor. „100 Euro sind in 20 Jahren bei einer angenommenen jährlichen Inflationsrate von zwei Prozent nur noch 67 Euro wert“, rechnet Finanzexperte Siebold vor.

Inflation einkalkulieren (2)

„Steigt die Inflationsrate auf drei Prozent, sind es nur noch rund 55 Euro.“ Nach 30 Jahren seien 100 Euro bei zwei Prozent Teuerung nur 55 Euro und bei drei Prozent nur rund 41 Euro wert, so der Experte. Einen Inflationsschutz bieten nach Expertenansicht Sachwerte wie Aktien oder Immobilien.

Zu niedrige Verzinsung (1)

Die Deutschen scheuen das Risiko, doch das kann bei der Altersvorsorge unangenehme Folgen haben. „Viele Deutsche fühlen sich mit Bar- und Festgeld sowie mit sicheren Rentenpapieren wohl“, sagt Finanzplaner Christian Siebold.

Zu niedrige Verzinsung (2)

„Aber wirklich riskant ist es, langfristig nicht auch chancenorientierte Investments beizumischen, damit die Rendite stimmt“, meint der Fachmann. Experten empfehlen Aktien, Anleihen und Fonds als chancenorientierte Anlagen. Auch alternative Investments wie Private Equity (außerbörsliche Beteiligungen), Rohstoffe oder Hedge-Fonds können ein Baustein des langfristig orientierten Altersvorsorgeportfolios sein.

Auf die Details achten (1)

Wer sich für ein Produkt entscheidet, sollte sich die Details genau anschauen. Private Rentenversicherungen bieten Flexibilität, die Einzahlungen lassen sich anpassen.

Auf die Details achten (2)

Wird aber beispielsweise die Riester-Rente nicht hoch genug bespart, zahlt der Staat auch nicht die volle Förderung. Grundsätzlich sollten Verbraucher unabhängigen Rat einholen und dafür auch Geld investieren.

Außerdem weist der Bericht darauf hin, dass von 15,5 Millionen von der Versicherungsbranche gemeldete Riester-Verträge 18,5 Prozent nach  amtlichen Daten der Finanzaufsicht rund 18,5 Prozent der Verträge gar nicht mehr bedient werden. Außerdem bricht das Neugeschäft ein: Nur 200.000 neue Verträge wurden im ersten Halbjahr abgeschlossen - zum Vergleich: in den Vorjahren gab es jährlich rund eine Million Neuabschlüsse.

Je höher das Einkommen, desto größer die Bereitschaft zusätzlich vorzusorgen - auch diese These bestätigt der neue Alterssicherungsbericht. Die traurige Kehrseite: Rund 42 Prozent der Geringverdiener mit einem Bruttoeinkommen von weniger als 1500 Euro, haben weder Betriebsrente noch Riester-Vertrag. Das sind 4,2 Millionen Arbeitnehmer, gut zwei Drittel davon Frauen.

 

Von

pt

Kommentare (22)

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manaslu

27.11.2012, 08:15 Uhr

"Die Deutschen" scheinen sich grundlegend zu ändern, von der Pathologisierung ewiger Sicherungsverwahrung in einer Lebensversicherung hin zu spontaner, bewusster Lebensintensität. Bravo! Nirgendwo in der Welt wird so viel über Altersvorsorge debattiert wie hier; Thailänder lachen nicht einmal mehr darüber. Wie soll man denn von diesen Instrumenten auch profitieren, wenn heute und gestern alles just auf den Olymp zur milliardenschweren Vermögensvernichtung abgeführt wurde und in Zukunft die Kredite von Kindern getilgt werden müssen: da bleibt nichts für eine AUSREICHENDE Altersvorsorge für aktuell noch 82 Mio. Bürger.

Account gelöscht!

27.11.2012, 08:26 Uhr

Gebranntes Kind scheut Feuer. "Die Deutschen" sind wohl schon zu oft abgezockt worden, unter fleißiger Beihilfe durch die Politik.

Realwirtschaft_staerken

27.11.2012, 08:31 Uhr

Gut so da das Geld ansonsten nutzlos für die Volkswirtschaft in Proviosionen landet. Da wäre es selbst im EEG besser angelegt.

Wer sagt uns zudem dass man sich von einem privaten Rentenversicherungsanspruch über 1000 Euro in 20 Jahren überhaupt noch die monatliche Miete leisten kann. Versicherungen ohne Inflationsausgleich werden zunehmend wertlos.
Selbst die gesetzliche RV wäre wesentlich mehr Wert wenn auch Beamate und Selbstständige einzahlen würden.
Also diese RV aufstocken und ansonsten in sich selber investieren. Ein kleiner Internetshop, das Miethaus, etwas Gold, die Familie ...

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