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24.10.2011

11:49 Uhr

Altkanzler Helmut Schmidt

„Moral lässt sich den Banken nicht verordnen“

VonGabor Steingart

ExklusivHelmut Schmidt erwartet noch viele unerfreuliche Überraschungen in der Krise. Im Interview spricht der Altkanzler über die Ethik der Banken, das Überparteiliche an Peer Steinbrück und das Chaos in Griechenland.

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. dapd

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Handelsblatt: Herr Schmidt, haben Sie eine Präferenz, womit wir unser Gespräch beginnen sollten?

Helmut Schmidt: Ich habe eine negative Präferenz. Ich möchte nicht schon wieder über Griechenland reden.

Vielleicht später?

Vielleicht gar nicht.

Sie haben zur Verabschiedung von Jean-Claude Trichet auch seinen Nachfolger Draghi getroffen.

Ja.

Und?

Nix und. Der wird seine Sache ordentlich machen.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Der richtige Mann für die Spitze der Europäischen Zentralbank?

Ja.

Es gibt in Deutschland eine doppelte Befürchtung. Die einen sagen, der Draghi war, bevor er Notenbankgouverneur wurde, bei der Investmentbank Goldman Sachs. Die anderen sagen schlicht: Draghi ist Italiener.

Das ist nicht so schlimm. Schlimmer ist eigentlich der Umstand, dass die Italiener keinen allseits anerkannten Regierungschef haben. Das hat aber mit Herrn Draghi nichts zu tun.

Zumindest die Nationalbank in Italien gilt als seriös.

Die Banca d’Italia ist – soweit ich sie beurteilen kann, das heißt seit den 1970er-Jahren – fachlich, sachlich, Sie haben gesagt seriös. Das ist der richtige Ausdruck. Sie hat eine Reihe erstklassiger Leute hervorgebracht.

Sie haben den scheidenden EZB-Präsidenten Trichet bei seiner Verabschiedung über alle Maßen gelobt. Muss man das bei einem solchen Anlass tun, wenn man der Laudator ist?

Ich musste gar nicht. Sondern das war meine Meinung.

Welchen Banken Italien Geld schuldet

Commerzbank

11,7 Milliarden Euro

Die Summe wie auch die folgenden sind Bruttoforderungen gegenüber der öffentlichen Hand. Die Daten stammen aus dem Stresstest des Europäischen Banken-Vereinigung (EBA). Stand: 31. Dezember 2010.

Deutsche Bank

7,7 Milliarden Euro (mit Postbank, keine Aufgliederung)

HRE-Konzern

7,1 Milliarden Euro

DZ Bank

2,7 Milliarden Euro

NordLB

1,9 Milliarden Euro

LBBW

1,4 Milliarden Euro

WGZ Bank

1,4 Milliarden Euro

West LB

1,1 Milliarden Euro

HSH Nordbank

700 Millionen Euro

BayernLB

485 Millionen Euro

LBB

300 Millionen Euro

Dekabank

300 Millionen Euro

Intesa Sanpaolo

Ungleich größer ist das Engagement bei den italienischen Banken. Intesa Sanpoalo hält gegenüber der öffentlichen Hand Brottuforderungen über 60 Milliarden Euro.

Unicredit

49,1 Milliarden Euro

Banca Monte del Paschi di Siera

32,5 Milliarden Euro

BNP Paribas

Viertgrößter Gläubiger ist eine französische Bank: Die BNP Paribas ist mit 28 Milliarden Euro in Italien engagiert.

Dexia

Die sich in Auflösung befindende Bank Dexia hält 15,8 Milliarden Euro.

Banco Populare

11,8 Milliarden Euro

Crédit Agricole

10,8 Milliarden Euro

Ubi Banca

10,5 Milliarden Euro

HSBC

9,9 Milliarden Euro

Barclays

9,4 Milliarden Euro

Societe Generale

8,8 Milliarden Euro

ING Bank

7,7 Milliarden Euro

Royal Bank of Scotland

7,0 Milliarden Euro

Die Deutschen im Publikum – ich denke dabei an die Herren Axel Weber und Jürgen Stark – waren sicherlich anderer Meinung.

Mit Sicherheit waren sie anderer Meinung. Das steht ihnen auch zu. Aber das muss mich ja nicht stören.

Verstehen Sie deren andere Meinung?

Ich verstehe sie und halte sie nicht für zutreffend.

Kommentare (25)

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Account gelöscht!

24.10.2011, 12:18 Uhr

Aber, aber, es kann doch nicht sein, daß der Vorsitzende der Sozialistischen Internationale für das Chaos in GR verantwortlich ist. Ist Schmidt noch Mitglied der SPD?

Übrigens: das Subsidiaritätsprinzip hat bauliche Voraussetzungen:

http://www.bps-niedenstein.de/content/view/166/2/

Account gelöscht!

24.10.2011, 12:25 Uhr

Schmidt demontiert sich selbst. Und das ist gut so!

Regulator

24.10.2011, 12:47 Uhr

Jetzt versucht Schmidt offenbar die griechische Misere der kurzlebigen Militärdiktatur, die schon vor 40 Jahren ihr verdientes Ende gefunden hatte, in die Schuhe zu schieben. Ein mehr als dreistes Unterfangen. Richtig ist, dass die griechische Art und Weise zu wirtschaften viel älter ist und einen Bestandteil der griechischen Kultur ausmacht, so das Klientelwesen, das geraden auch die griechischen Sozialisten perfektioniert haben, Hand in Hand mit den Konservativen.Diese Tatsache läßt Herr Schmidt nach seiner alten Tour elegant unter den Tisch fallen.

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