Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.12.2012

15:40 Uhr

Analyse

Steuergelder für Stuttgart21 möglich

Auch wenn der Bund kein Projektpartner für den Tiefbahnhof Stuttgart21 ist, könnte die Deutsche Bahn Geld aus den steuerfinanzierten Töchtern für die Mehrkosten des Baus verwenden. Die Geldströme bleiben intransparent.

Wer kommt für die Mehrkosten des milliardenschweren Bahnprojekts Stuttgart 21 auf? dpa

Wer kommt für die Mehrkosten des milliardenschweren Bahnprojekts Stuttgart 21 auf?

BerlinVerkehrsminister Peter Ramsauer gibt sich unbeteiligt: Schon die Frage nach den Milliarden-Mehrkosten für den Tiefbahnhof Stuttgart21 könne sich gar nicht an den Bund richten. Schließlich sei der kein Projektpartner. Gefragt seien Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart und vor allem die Deutsche Bahn als privatwirtschaftlich organisierter Bauherr, betont der CSU-Politiker. Zwar wollen Land und Kommune auch nicht zahlen, aber da das Staatsunternehmen die nächsten 1,1 Milliarden Euro selbst tragen will, klang die Sache klar. Bahn-Chefplaner Volker Kefer sagte, die Milliarden-Schulden des Konzerns würden so zwar langsamer schrumpfen, die Steuerzahler aber könnten sich verschont glauben. Doch genau die werden am Ende wohl doch für Planungsfehler und Pfusch am Bau geradestehen müssen.

Bahn-Vorstand ausgebremst: Stuttgart 21 wird mindestens eine Milliarde Euro teurer

Bahn-Vorstand ausgebremst

Stuttgart 21-Kosten steigen immens

Wer für die Mehrkosten aufkommen soll, steht nicht fest.

Konzern will Milliarden mehr an Steuergeld vom Bund
Formal ist der unterirdische Bahnhof in erster Linie ein Projekt von DB Netz und DB Station und Service, den Infrastrukturtöchtern der Bahn. Sie unterscheiden sich von anderen Töchtern vor allem dadurch, dass sie jedes Jahr von den Steuerzahlern 2,5 Milliarden Euro bekommen. Damit sollen Ersatzinvestitionen in Schienen und Bahnhöfe bezahlt werden. Was im Einzelnen mit dem Geld passiert, muss die Bahn seit einigen Jahren nicht mehr nachweisen. Im Gegenzug muss sie dafür sorgen, dass Schienen und Bahnhöfe in Schuss sind und keine Verspätungen produzieren.
Doch die 2,5 Milliarden reichen dem Unternehmen nicht mehr: Preissteigerungen, höhere Personalkosten und marode Brücken bringt die Bahn als Argument, damit der Bund die Summen deutlich aufstockt. Hinter den Kulissen läuft daher ein Ringen, das die Mehrkosten für Stuttgart21, die sich über mindestens zehn Jahre verteilen, weit in den Schatten stellt. Jedes Jahr will die Bahn nun 1,5 Milliarden Euro mehr aus dem Bundeshaushalt. Zudem will sie Steuergeld für den Strecken-Neubau in die Netztochter umleiten. Das Verkehrsministerium hat bereits grundsätzlich Zustimmung signalisiert.

Stuttgart 21: Bahn will Mehrkosten selbst tragen

Stuttgart 21

Bahn will Mehrkosten selbst tragen

Obwohl sie es laut Vertrag nicht müsste, will die Bahn die Mehrkosten übernehmen.

Dabei macht das Schienennetz seit einigen Jahren Gewinne, die zudem stark steigen. Schließlich zahlen alle Bahn-Konkurrenten für die Nutzung von Gleisen und Bahnhöfen. 2014 soll das Netz laut interner Planung, die Reuters vorliegt, der wichtigste Gewinnlieferant des Konzerns sein. Der Bund gibt sozusagen oben Geld in die Sparten, die unten einiges wieder auswerfen.

Steuergeld schiebt Gewinn an - Geldströme intransparent

Theoretisch könnte der Bund als Eigentümer dafür sorgen, dass aus diesen mit Steuergeld finanzierten Gewinnen nichts für Stuttgart21 verwendet wird. Dies würde aber voraussetzen, dass die Geldströme im Unternehmen klar getrennt werden, die Mittel des Netzes auch für das Netz wiederverwendet werden. Tatsächlich ist es so, dass die Gewinne des Netzes in den allgemeinen Konzerntopf abfließen. Und aus dem sollen letztlich auch die Mehrkosten für Stuttgart21 bezahlt werden. Was davon aus den steuerfinanzierten Töchtern kommt, bleibt nebulös. Klar ist nur, der Anteil wird weiter steigen.

Problem bei Großprojekt: Mängel an Brandschutz von „Stuttgart 21“

Problem bei Großprojekt

Mängel an Brandschutz von „Stuttgart 21“

Ein Gutachten attestiert den Planern derzeit kein funktionsfähiges Brandschutzkonzept.

Auch um diesen Nebel zu lichten, verlangt die EU-Kommission seit Jahren eine stärkere Trennung der Infrastruktur-Töchter vom Konzern. Die FDP wollte in dieser Wahlperiode zumindest erreichen, dass der Geldstrom zwischen Netz und Konzern gekappt wird, der Gewinn also beim Netz bleibt und so transparenter wird, wo die Steuergelder eingesetzt werde. Das scheiterte jedoch an Verkehrsminister Ramsauer, der in diesem Streit Bahnchef Rüdiger Grube stets Rückendeckung gab. In den nächsten Wochen will die EU-Kommission einen neuen Vorstoß starten, um die Abtrennung der Netze von den staatlichen europäischen Bahn-Unternehmen voranzutreiben. Der Widerstand von Bahn und Ramsauer gilt als genau so sicher wie das Ausmaß der Steuerzahler-Hilfe für die Kostenexplosion von Stuttgart21 unklar bleibt.

Von

rtr

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Thomas-Melber-Stuttgart

27.12.2012, 16:30 Uhr

Genau so wie z.B. die Messe Stuttgart den Filderbahnhof mitfinanziert und somit an die Stadt Stuttgart keine Dividende ausgeschüttet hat. Das ist zwar keine direkte Finanzierung durch die Stadt Stuttgart, eine indirekte dagegen schon! Und nicht zu vergessen weitere begleitende Bauleistungen.

MTC

27.12.2012, 19:31 Uhr

So oder so bezahlt der Steuerzahler das milliardenfache drauf für das Projekt Stuttgart 21. Die Frage ist wie weit der Konzernvorstand und die politischen Projektpartner für den Betrug haftbar gemacht werden. Das Problem von Grube und Co. ist, dass das geplante Projekt keine infrastrukturelle Verbesserung sondern Verschlechterung bringt, abgesehen davon, dass es baulich bisher nicht machbar ist. Das heisst auch mit Milliarden von Mehrkosten würde "Stuttgart 21" niemals gebaut werden können, auch in 50 Jahren und mit 100 Milliarden nicht.

C.Wolter

27.12.2012, 20:16 Uhr

Die Investmentbanker, Politiker in deren treuen Diensten und der in Stuttgart besonders gut verankerte Konzern aus Süditalien ahnen, dass Stuttgart 21 ihre erste grosse Niederlagen nach Jahrzehnten fast ungebremster Entfaltung werden wird, sie haben die nötige Planungstiefe unterschätzt. Deswegen reagieren sie wie Feldherren im Rückzug nach der verlorenen Schlacht mit verbrannter Erde. Abreissen und Abholzen was nur geht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×