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20.10.2015

11:40 Uhr

Analyse von Michael Wolffsohn

Warum uns Gewalt fasziniert

VonMichael Wolffsohn

Der Anschlag in Köln, die Terrormiliz IS, der Krieg in Syrien: Überall eskaliert Gewalt. Sie ist erfolgreich, weil die Gewaltanwender eine politische Strategie haben – im Gegensatz zu ihren friedlichen Gegnern.

Die islamistische Terrormiliz richtet massenhaft Menschen hin – und zieht mit ihrer Machtwillkür unzählige neue Anhänger an. dpa

Propaganda-Video des Islamischen Staat

Die islamistische Terrormiliz richtet massenhaft Menschen hin – und zieht mit ihrer Machtwillkür unzählige neue Anhänger an.

„Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“. Das war der Titel von Jan Philipp Reemtsmas Abschiedsvorlesung am Hamburger Institut für Sozialforschung („Mittelweg 36“, Heft 4/2015). Ausgerechnet er, ein physisch und seelisch gezeichnetes Opfer einer gewaltsamen Entführung, bringt die menschliche Größe und intellektuelle Kraft auf, das Phänomen Gewalt unterkühlt und sachlich zu zerlegen.

Der Historiker Michael Wolffsohn. picture-alliance

Der Historiker Michael Wolffsohn.

Seine Analyse konzentriert sich vor allem auf den innergesellschaftlichen Aspekt und die Situation derjenigen, die Gewalt anzieht. Reemtsmas Text sei wärmstens empfohlen, kurz zusammengefasst – und um den außenpolitischen Aspekt erweitert. Besonders anziehend an der innergesellschaftlichen Gewaltanwendung, so schreibt Reemtsma, sei die „Selbstermächtigung zum großen `Du darfst´“. Es ist „die Abkehr von vorher gültigen Verboten, hin zu unerhörten Lizenzen.“ Kleiner Mann, ganz groß. Nie wäre er so groß ohne Gewalt. Nie würde ihn die große Mehrheit, die viel erfolgreicher ist als er, so fürchten. Nie wäre er so mächtig; als realer Mensch und in der Vorstellung potentieller Opfer. Er hat Macht, den „Körper eines anderen zerstören zu dürfen.“

Was für eine Verführung. Das jüngste, einheimisch-deutsche Beispiel dafür ist der Messerstecher und Beinahe-Mörder der neuen Oberbürgermeisterin Kölns.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Was für eine Verführung: Terrorgruppen richten und richten hin. „Der IS bietet Mord (...), die Leute kommen aus aller Herren Länder, um mit tun oder doch wenigstens zusehen zu dürfen, wie ohne all dies ewige Bedenken geköpft, gekreuzigt, verbrannt werden darf und sogar soll. (....) Und dann verleiht diese Gemeinschaft das cäsarische Privileg, Herr über Leben und Tod zu sein.“ Diese Deckung von Mord und Tod durch das Gewaltmilieu sei der Grundwiderspruch „zur bürgerlichen Not-Tugend, der Kompromissbereitschaft“. So klar erkannt und benannt haben es wenige vor Reemtsma.

Leider wird das dunkle innergesellschaftliche Bild in der internationalen Politik nicht erhellt. Man könnte hoffen, dass auch der Islamische Staat (IS) inzwischen so weit überzogen hätte, dass - wie im Zweiten Weltkrieg - eine Zusammenarbeit der Widersacher zustande käme. Damals kämpften die westlichen Demokratien gemeinsam mit dem skrupellosen Diktator Stalin gegen den anderen Massenmörder, Hitler. Der war weltpolitisch die größere Gefahr. Nach dem Sieg über Deutschland zerfiel die Anti-Hitler-Koalition. Dem gemeinsamen Heißen Krieg folgte der gegeneinander geführte Kalte Krieg. So könnte, so müsste auch gegen den IS gehandelt werden. Einstweilen aber lohnt sich die IS-Gewalt.

Kommentare (96)

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Rainer von Horn

20.10.2015, 12:08 Uhr

Zitat:
„Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“

Also ich war ja bisher mit meinem gewaltfreien Zivilleben sehr zufrieden. Allerdings sehe ich dieses gewatfreie Zivilleben durch die derzeitige réchtswidrige Zuwanderungspolitik einer offensichtlich mit krimineller Energie arbeitenden Regierung offensiv bedroht.

Muss ich mich zum Selbstschutz nun bewaffnen?! Ein Zivilleben, bei dem der Bürger zum Selbstschutz greifen muss, weil der Staat versagt, empfinde ich persönlich nicht als attraktiv, sondern als archaisch.

Herr Jürgen Mücke

20.10.2015, 12:11 Uhr

Ich glaube hier wird mal wieder Ursache mit Wirkung verwechselt!!

Herr Jürgen Mücke

20.10.2015, 12:12 Uhr

Ich glaube nicht, dass die "friedlichen" Gegner keine politische Strategie haben...

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