Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.08.2015

09:02 Uhr

Analyse zur Griechenland-Krise

Altkanzler Schmidt fragt den Super-Praktikanten aus

Als Altkanzler Helmut Schmidt von jenem Praktikanten erfuhr, der 1983 mit seherischem Blick die kommenden Probleme Griechenlands beschrieb, wollte er diesen Mann kennenlernen. Nun kam es zu einer denkwürdigen Begegnung.

Damals Praktikant im Landwirtschaftsministerium, heute beim Zeit-Verlag: Bernd Loppow. Meedia.de

Bernd Loppow

Damals Praktikant im Landwirtschaftsministerium, heute beim Zeit-Verlag: Bernd Loppow.

Altkanzler Helmut Schmidt interessiert sich trotz seiner 96 Jahre weiterhin für das Weltgeschehen, im Großen wie im Kleinen. Als er via Morning Briefing von jenem Super-Praktikanten erfuhr, der als 24-Jähriger im Jahre 1983 im griechischen Landwirtschaftsministerium aushalf und mit seherischem Blick die kommenden Probleme des Landes beschrieb, wollte er diesen Mann unbedingt kennen lernen.

Bernd Loppow hieß der Mann, der vor 32 Jahren ein Praktikum im griechischen Landwirtschaftsministerium absolvierte. Für die „Zeit“ schrieb er im Anschluss eine Problem-Analyse. Drei Jahrzehnte später ist diese wieder hochaktuell. Gerade erst stimmte der Bundestag für ein drittes Rettungsprogramm – und ermöglichte Griechenland ein 86-Milliarden-Hilfspaket

So sieht das dritte Hilfspaket für Griechenland aus

Wieviel Geld bekommt Griechenland und was muss Athen leisten?

Insgesamt hat das Rettungspaket für Griechenland ein Volumen von 86 Milliarden Euro. Eine erste Auszahlung soll 26 Milliarden Euro schwer sein. Die Zeit drängt, schon am Donnerstag muss Athen fällige Schulden in Milliardenhöhe an die Europäische Zentralbank (EZB) zurückzahlen. Aus eigenen Mitteln wäre dies für Griechenland kaum zu stemmen. Im Gegenzug zu der Finanzspritze verpflichtet sich das Land zu weitreichenden Reform- und Sparmaßnahmen. Unter anderem muss die Regierung den Staatshaushalt sanieren, das Finanzsystem von faulen Krediten bereinigen, Staatseigentum privatisieren, das Renteneintrittsalter erhöhen, die Verwaltung modernisieren und Steuerhinterziehung stärker bekämpfen.

Droht der „Grexit“ immer noch?

Die Gefahr scheint vorerst gebannt. Für EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker ist aufgrund des dritten Hilfspakets klar: „Griechenland wird unabänderlich Mitglied der Eurozone bleiben.“ Sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schlägt inzwischen gemäßigtere Töne an. Schäuble hatte sich im vergangenen Jahr (2015) für einen vorübergehenden „Grexit“ ausgesprochen. Dafür hatte der Finanzminister viel Kritik geerntet. Auf die Frage, ob ein „Grexit“ durch das neue Hilfspaket vom Tisch sei, sagte er nun: „Griechenland muss die Wahl treffen.“ Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat den Austritt seines Landes aus dem Euro als finanziellen „Selbstmord“ bezeichnet. Insofern lassen sich Schäubles Worte als Warnung an Athen verstehen, die zugesagten Reformen auch wirklich umzusetzen.

Was kommt auf den deutschen Steuerzahler zu?

Das dritte Hilfsprogramm wird aus dem Rettungsschirm ESM finanziert. Der Finanzierungsanteil Deutschlands am ESM beträgt knapp 27 Prozent. Deutschland haftet demnach für das neue Hilfspaket mit rund 23,2 Milliarden Euro. Das bedeutet aber nicht, dass der deutsche Steuerzahler diese Summe tatsächlich zahlen muss. Dies würde nur für den Fall gelten, dass alle Gläubiger irgendwann auf sämtliche Forderungen aus dem ESM verzichten müssen. Bisher haftet Deutschland für Risiken aus den ersten beiden Griechenland-Paketen sowie für Forderungen aus dem europäischen Zentralbankensystem und aus Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem Volumen von schätzungsweise 85 Milliarden Euro. Zusammen mit dem dritten Hilfspaket ergeben sich also gut 108 Milliarden Euro.

Kann Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen?

Die griechische Staatsverschuldung liegt derzeit bei gut 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und es könnte noch schlimmer kommen: Der IWF erwartet, dass sich der Schuldenberg innerhalb der nächsten zwei Jahre der 200-Prozent-Marke annähern wird. Dabei geht er davon aus, dass bereits bei einer Staatsverschuldung von 110 Prozent der Wirtschaftsleistung fraglich ist, ob Griechenland auf Dauer zahlungsfähig bleiben kann. Der IWF hat daher einen Schuldenschnitt für das Land gefordert. Die Bundesregierung hält davon aber nichts. Die Debatte um einen Schuldenschnitt sei inzwischen beendet, hieß es am Montag aus Berlin. Bei Schuldenerleichterungen gebe es allerdings Spielraum.

Schuldenschnitt oder Schuldenerleichterung?

Ein Schuldenschnitt bedeutet den vollständigen Erlass zumindest eines Teils der bestehenden Schulden. Diese werden dann von den Gläubigern komplett abgeschrieben und vom Schuldner nicht mehr zurückgezahlt. Nach den europäischen Verträgen ist ein solcher Schuldenschnitt aufgrund einer sogenannten „No-Bailout“-Klausel eigentlich ausgeschlossen. Im Unterschied zum Schuldenschnitt geht es bei Schuldenerleichterungen, wie sie die Bundesregierung in Erwägung zieht, um Verlängerungen der Rückzahlungsfristen und um Verringerungen der Zinsen. Niedrigere Zinsen wirken ähnlich wie ein Schuldenschnitt, weil sie die Forderungen der Gläubiger über die Zeit tatsächlich verringern. Verlängerungen der Kreditlaufzeiten dagegen verringern den Schuldenberg nicht, verschieben aber den Zahltag weiter nach hinten.

„Die Griechen haben seit dem EG-Beitritt 1981 von Milliardentransfers aus Brüssel und von internationalen Geldern profitiert“, sagt Loppow heute. Es gab kaum Strukturen, die das Land hätten wettbewerbsfähig machen können. „Bereits damals schrieb ich, wie selbst typisch-griechische Produkte wie Ziegenkäse importiert wurden. Innovationen und Investitionen wurden vernachlässigt, die Gelder flossen in den Konsum und teure Importprodukte. Die Integration in die Europäische Gemeinschaft kam zu früh. Das Land war darauf nicht vorbereitet.“

Griechenland im Jahr 1986: Nachhilfe vom Praktikanten

Griechenland im Jahr 1986

Nachhilfe vom Praktikanten

Griechenland ist Europas größter Problemfall. Als Praktikant im Landwirtschaftsministerium erkannte der Hamburger Bernd Loppow bereits in den 1980er-Jahren die gravierenden Probleme. Hier lesen Sie seine Erkenntnisse.

Loppows Geschichte interessierte den Altkanzler. So sehr, dass er um einen Termin bat. Ob denn Bernd Loppow, so der Name des Ex-Praktikanten, eine halbe Stunde Zeit für Herrn Schmidt habe, ließ dessen Büro höflich anfragen. Hatte er! So kam es denn zur denkwürdigen Begegnung zwischen Super-Praktikant und Weltökonom.

Schmidt feuerte eine Frage nach der anderen ab: Wie es zu dem Praktikum gekommen sei, welche Zukunftsprognose der Ex-Praktikant den Griechen gebe, was der griechische Premier seiner Meinung nach nun tun müsste. So wurde im Qualm der Reyno-Zigaretten aus der halben eine ganze Stunde. Erst dann war die Neugier des Altkanzlers befriedigt.

Von

HB

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Manfred Zimmer

24.08.2015, 09:59 Uhr

Was ist los?

Der Euro schießt nach oben und Gold bleibt stehen?
Ist Griechenland schon aus dem Euro?

Weshalb lesen wir nichts in den Medien?

Hat Schmidt auch nachgesetzt und die Frage aufgeworfen, weshalb der Bundestag einem Hilfspaket über gigantische 86 Mrd. € zustimmt und der griechische Bürger sieht keinen Cent davon? Hatte er dazu keine Frage? Kennt er die Antwort?

Herr Thomas Ebert

24.08.2015, 10:17 Uhr

Ok. Und wo sind jetzt die Inhalte der Meldung.
Die Vorgeschichte ist doch bekannt!
Was fragte Schmidt konkret?
Was wurde geantwortet?
Was kann die heutige Politik davon lernen?

Herr Renatus Isenberg

24.08.2015, 11:04 Uhr

Offenbar erübrigt sich die Antwort. Nach den Beobachtungen des Praktikanten war GR nicht in der Lage die Anforderungen eines modernen Industriestaates zu erfüllen. Das ist ja auch nicht so wichtig, solange GR einer Reihe von amerikanischen und anderen Investoren lediglich dazu diente, mit Hilfe der GR Kredite eine hohe Rendite von 6% und mehr für die Investoren dank der nordeuropäischen Steuerzahler einzufahren.
Dieser Vorgang scheint der einzige Sinn gewesen zu sein, warum Goldman Sachs GR als "beitrittsfähig zum Euro" bezeichnet hat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×