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07.01.2016

20:39 Uhr

Angela Merkel

„Das wird Deutschland nicht hinnehmen“

Die Kanzlerin steht in der Flüchtlingskrise schwer unter Druck. Die Gewaltexzesse in Köln machen die Lage für Merkel schwieriger. Sie reagiert mit einer Botschaft an die Beunruhigten im Land – und in den eigenen Reihen.

Mit ihrem Kurs der Willkommenskultur geriet Angela Merkel in die Kritik. Nach den Vorfällen von Köln wird der Zweifel an der Kanzlerin lauter. dpa

Kanzlerin unter Druck

Mit ihrem Kurs der Willkommenskultur geriet Angela Merkel in die Kritik. Nach den Vorfällen von Köln wird der Zweifel an der Kanzlerin lauter.

Berlin/KreuthAngela Merkel neigt nicht zu Einblicken in ihr Gefühlsleben. Doch in der emotional aufgeladenen Debatte über die Geschehnisse von Köln greift die Kanzlerin zu ungewöhnlichen Worten. Wenn sich Frauen schutzlos und ausgeliefert fühlten, sei das auch für sie „persönlich unerträglich“, sagt Merkel am Donnerstag im Kanzleramt. Sie hat dort den rumänischen Ministerpräsidenten Dacian Ciolos zu Gast. Eigentlich wäre Europa das große Thema. Doch Merkel nimmt sich viel Zeit, um auf das einzugehen, was seit Tagen die Republik umtreibt. Der Druck auf sie ist groß.

In der Silvesternacht tobten enthemmte Männergruppen vor dem Kölner Hauptbahnhof. So zumindest berichten es Polizisten, Augenzeugen und Opfer. Frauen wurden sexuell belästigt, begrapscht, beschimpft, beklaut und gedemütigt. Wie viele genau, ist noch nicht klar. Nach und nach gehen weitere Anzeigen ein. Auch über die Täter weiß die Polizei noch immer nicht viel - nur dass der Großteil arabischer oder nordafrikanischer Herkunft sein soll.

Die Chronologie der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

21.00 Uhr

Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr

Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr

Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr

Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr

Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr

Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut. Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr

Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr

In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

02. Januar, 17.00 Uhr

Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.

Seit jener Nacht entlädt sich in den sozialen Netzwerken jede Menge Hass gegen Ausländer und Flüchtlinge - und auch gegen die Kanzlerin. Schließlich habe Merkel massenhaft Asylbewerber nach Deutschland eingeladen, schimpfen Menschen im Internet. Die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung und die rechtskonservative AfD sehen ohnehin ihre Zeit gekommen und werten die Vorfälle in Köln als Beleg für die nach ihrer Sicht verfehlte Asylpolitik der offenen Arme.

Anderswo auf der Welt gerät Köln ebenfalls in die Schlagzeilen. Ausländische Medien stellen die Geschehnisse dort in Verbindung mit der Asyldebatte und sehen Merkel mit ihrem Flüchtlingskurs in Bedrängnis. Aber auch in der eigenen Koalition, wo Merkel ohnehin schwer zu kämpfen hat, ihre Linie in der Asylpolitik durchzusetzen, rumort es.

Obwohl die Hintergründe der Kölner Ausschreitungen noch alles andere als geklärt sind, wagen sich Unions-Leute weit vor. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer forderte schon am Dienstag die sofortige Abschiebung von Flüchtlingen, die Frauen sexuell belästigen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der zunächst noch zu Besonnenheit aufgerufen hatte, zog einen Tag später nach und brachte ins Gespräch, die Vorgaben für die Abschiebung straffälliger Asylbewerber zu verschärfen. Inzwischen reihen sich weitere Unionisten ein. Dabei ist nicht bewiesen, ob überhaupt ein Asylbewerber unter den Tätern ist.

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