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29.06.2016

15:03 Uhr

Angriff auf Atatürk-Airport

Die blutige Terrorbilanz der Türkei

Mit einem koordinierten Angriff auf den Atatürk-Airport in Istanbul hat der Terror in der Türkei ein neues Ausmaß erreicht. Die Regierung behauptet, Sicherheitslücken habe es nicht gegeben. Aber stimmt das auch?

Wieder gibt es einen Anschlag in der Türkei, wieder gibt es Tote und die Trauer ist groß. AFP; Files; Francois Guillot

Anschlag auf den Flughafen in Istanul

Wieder gibt es einen Anschlag in der Türkei, wieder gibt es Tote und die Trauer ist groß.

Istanbul/MadridDie Kampfansage ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die Türkei werde die Samthandschuhe ausziehen, kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einem Vierteljahr an - und mit der „Eisenfaust auf die Köpfe der Terroristen“ einschlagen. Doch die Terroristen schlagen zurück - mit Bomben in türkischen Metropolen, die in immer schnellerem Takt detonieren. Die Gewalt beim Nato-Partner eskaliert in einem atemberaubendem Tempo. Mit dem Angriff eines Selbstmordkommandos auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul hat der Terror in der Türkei eine neue Dimension erreicht. Mindestens 41 Opfer und drei Attentäter sterben bei dem Angriff.

Dabei gab es unmittelbar vor dem Angriff ausnahmsweise mal gute Nachrichten aus der Türkei. Nach Monaten der Krise nähern sich Ankara und Moskau wieder an. Mit Israel söhnt sich die Türkei nach jahrelanger Eiszeit aus. Doch die Gewalt holte die Türken in der Nacht zu Mittwoch unerbittlich wieder ein.

Terror in der Türkei: Hinweise auf IS verdichten sich

Terror in der Türkei

Hinweise auf IS verdichten sich

Terroristen haben einen der größten Luftverkehrsknotenpunkte der Welt angegriffen. Auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul kommen 41 Menschen ums Leben. Auch die Attentäter sterben. Unter den Opfern sind viele Ausländer.

Schon seit vergangenem Sommer weitet sich der Kurdenkonflikt im Südosten stetig zu einem neuen Bürgerkrieg aus. Für Türken und Ausländer in den Metropolen schien das weit weg, bis die Gewalt auch nach Istanbul und Ankara übergriff. Zugleich verschärfte die Türkei ihren Kurs gegenüber der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) - nachdem Erdogan lange vorgeworfen worden war, extremistische Gruppen wie den IS in Syrien mindestens durch aktives Wegschauen gefördert zu haben.

Die blutige Terrorbilanz nur aus Istanbul und Ankara seit vergangenem Herbst: Weit mehr 200 Tote, darunter auch zwölf deutsche Urlauber, die ein IS-Selbstmordattentäter im Januar in Istanbuls Altstadt mit in den Tod riss. Der Terrorangriff auf den Atatürk-Airport mit Dutzenden Opfern markiert den vierten schweren Anschlag in Istanbul seit Jahresbeginn – und den zweiten in dem für Muslime heiligen Fastenmonat Ramadan.

Erst vor drei Wochen detonierte eine Autobombe in der Altstadt, wozu sich die TAK bekannte, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Diesmal richtet sich der Verdacht auf den IS: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagt bei einem Besuch am Atatürk-Flughafen am frühen Mittwochmorgen, Hinweise deuteten darauf hin, dass die Terrormiliz für das Massaker verantwortlich sei.

Türkei: Ein Land im Visier der Attentäter

Chronik

Mindestens 36 Menschen starben am Dienstagabend bei Selbstmordanschlägen auf dem Flughafen von Istanbul. Dem Attentat in der Türkei gingen zahlreiche weitere voraus. Ein Überblick über die Anschläge der vergangenen zwölf Monate.

Quelle: afp

8. Juni 2016

Die Explosion einer Autobombe tötet sechs Menschen vor einem Polizeirevier in Midyat in der Südost-Türkei. Zu der Tat bekennt sich die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

7. Juni 2016

Durch einen Bombenanschlag sterben in der Altstadt von Istanbul mindestens elf Menschen: sieben Polizisten und vier Zivilisten.

18. Mai 2016

Eine Bombe tötet vier Soldaten im südöstlichen Kurdengebiet der Türkei. Die Armeeführung macht die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verantwortlich.

10. Mai 2016

Drei Menschen sterben, als eine Autobombe beim Vorbeifahren eines Polizeifahrzeugs in der südöstlichen Stadt Diyarbakir explodiert.

19. März 2016

Auf einer beliebten Einkaufsstraße im Zentrum von Istanbul reißt ein Selbstmordattentäter vier ausländische Touristen - drei Israelis und einen Iraner - mit in den Tod. Die Behörden vermuten Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) hinter der Tat.

13. März 2016

35 Tote bei der Explosion einer Autobombe im Zentrum von Ankara. Die dem Umfeld der PKK zugerechneten Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) bekennen sich zu dem Anschlag.

17. Februar 2016

Bei einem Anschlag mit einer Autobombe auf einen Militärkonvoi in Ankara sterben 28 Menschen. Die Freiheitsfalken bekennen sich dazu.

14. Januar 2016

Sechs Menschen sterben, als ein mit Sprengstoff präpariertes Auto vor dem Polizeikommissariat in Cina, 30 Kilometer von Diyarbakir entfernt, in die Luft fliegt. Die PKK bezichtigt sich des Attentats und erklärt ihr Bedauern über den Tod von Zivilisten.

12. Januar 2016

Bei einem Selbstmordanschlag in der Altstadt von Istanbul werden zwölf Deutsche getötet. Die Behörden schreiben das in der Nähe von Tourismusattraktionen verübte Attentat dem Islamischen Staat zu.

10. Oktober 2015

Während einer prokurdischen Friedenskundgebung vor dem Hauptbahnhof in Ankara sprengen sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Sie reißen 101 Menschen mit sich in den Tod. Der Staat macht auch dafür die IS-Dschihadisten verantwortlich.

20. Juli 2015

34 Tote gibt es bei einem gegen junge Kurden gerichteten Anschlag in Suruç an der Grenze zu Syrien. Die türkischen Behörden machen abermals den Islamischen Staat verantwortlich.

Der Flughafen ist ein symbolträchtiges Ziel und wirtschaftlich von hoher Bedeutung für die Türkei, die sowieso schon schwer unter dem Einbruch der Touristenzahlen leidet - spätestens jetzt dürfte die Saison endgültig abgeschrieben sein. Der größte Flughafen des Landes fertigt in etwa so viele Passagiere ab wie Frankfurt/Main und wächst dabei viel schneller als die deutsche Konkurrenz. Der Airport trägt den stolzen Namen des Staatsgründers und ist Sinnbild für den wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei.

Erdogan bemüht sich seit Monaten darum, den Eindruck zu vermitteln, der Anti-Terror-Kampf der Türkei sei erfolgreich, wozu das jüngste Blutbad nicht so recht passen mag. Der übliche türkische Reflex nach schweren Anschlägen greift auch dieses Mal: Eine Nachrichtensperre wird verhängt. Nach dem Terrorangriff scheint für die Regierung die Devise zu gelten, schnellstmöglich zurück zur Normalität zu kehren - und sei es erstmal nur beim Flugbetrieb.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

29.06.2016, 13:40 Uhr

Frau Annette Bollmohr

29.06.2016, 13:49 Uhr

"Die Regierung behauptet, Sicherheitslücken habe es nicht gegeben"

Die größte "Sicherheitslücke" ist die Regierung selber.

Wie jedes repressive Regime übrigens.

G. Nampf

29.06.2016, 13:50 Uhr

Wenn Erdogan

- Krieg gegen einen großen Teil der eigenen Bevoölkerung ( Kurden) führt
- den IS passiv (keine Verfolgung in der Türkei) oder aktiv (Waffenlieferungen) unterstützt

braucht er sich nicht zu wundern, wenn in der Türkei laufend Bomben explodieren.

Und wiedereimal büßen die Bürger für ihre Regierung. Mir tun die Opfer leid

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