Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.09.2013

16:39 Uhr

Angriffe auf Spitzen-Duo

Pädophilie-Verstrickung belastet grünen Wahlkampf

Die Union befeuert die Pädophilie-Debatte: Mit einer Rücktrittsforderung an Trittin und einem Brief an Göring-Eckhardt. Andere begrüßen den Umgang der Grünen mit der eigenen Geschichte. Und das Grünen-Duo kontert.

Pädophilie-Debatte: Trittins Fallstrick

Video: Pädophilie-Debatte: Trittins Fallstrick

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt stellt sich in der Pädophilie-Debatte hinter Jürgen Trittin. In der Antwort auf einen Brief der stellvertretenden CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär, in dem die Unionsfrau von Göring-Eckardt mehr Engagement in der parteiinternen Aufarbeitung fordert, schreibt die Grünen-Politikerin: „Als Mutter, als die Sie sich mich ansprechen, vor allem aber als Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, sage ich Ihnen, dass sich die Grünen vor mehr als 30 Jahren schrecklich verirrt haben.“ Wie „Spiegel Online“ berichtet, schreibt Göring-Eckardt weiter: „Ich sage Ihnen aber ebenso klar: Hören Sie endlich auf, mit diesem Thema Wahlkampf zu machen!“

„Die offene Aufarbeitung der grünen Geschichte liegt uns als Partei und auch mir persönlich sehr am Herzen“, schreibt die Grünen-Politikerin. „Und Jürgen Trittin selbst hat die Aufarbeitung dieser Gründungsphase der Grünen und die Beauftragung unabhängiger Wissenschaftler mit angestoßen und die Verantwortung für eigene Fehler übernommen.“

Göring-Eckardt reagierte damit auf ein Schreiben mehrerer Unionsfrauen. Darin forderte die familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dorothee Bär, mit sechs Frauen aus dem Bundesvorstand der Jungen Union Göring-Eckardt auf, sich aktiv in die Aufklärung der Verstrickungen Trittins einzuschalten. „Als Mutter zweier Söhne dürfen Sie zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht schweigen“, heißt es in dem Schreiben. Sie müsse „einen übergreifenden Konsens für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Pädophilie“ erarbeiten.

Unionsfraktionschef Volker Kauder forderte die Grünen auf, in der Partei einen Beauftragten für die Angelegenheiten von Missbrauchsopfern zu ernennen. „Die Grünen sind dabei, ihre moralischen Ansprüche, die sie jahrelang als Maßstab ihrer Politik geltend gemacht haben, zu verspielen“, sagte Kauder der „Welt“.

So schwelt die Pädophilie-Debatte bei den Grünen wenige Tage vor der Bundestagswahl weiter, an den Wahlkampfständen werden die Grünen immer wieder auf das Thema angesprochen. Wie Anfang der Woche bekannt wurde, war Trittin 1981 für ein Kommunalwahlprogramm verantwortlich, in dem Straffreiheit für gewaltfreie sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert wurde. Trittin war unter dem damaligen Programm der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) als eines von fünf Mitgliedern der Schlussredaktion aufgeführt, schrieben die Politologen Franz Walter und Stefan Klecha in einem Beitrag für die Tageszeitung „taz“. Nur hinter Trittins Namen stehe das Kürzel V.i.S.d.P. – die Abkürzung für „Verantwortlich im Sinne des Presserechts“. Trittin war damals Student und Göttinger Stadtratskandidat. Trittin räumte dies als Fehler ein. Diesen falschen Forderungen sei die AGIL nicht energisch genug entgegengetreten. „Dies ist auch meine Verantwortung. Und dies sind auch meine Fehler, die ich bedauere.“ Walter war im Mai von den Grünen mit der Aufklärung der Pädophilie-Verstrickungen in der Frühzeit der Partei beauftragt worden.

Am Dienstag äußerte sich Trittin noch einmal in Augsburg bei der Abschlusskundgebung der bayerischen Grünen zur Bundestagswahl. „Wir Grünen, mich eingeschlossen mit der Verantwortung, haben in den frühen 80er Jahren eine Position vertreten zur Pädophilie, die muss allen Missbrauchsopfern als Hohn erscheinen. Und das ist ein Fehler gewesen“, sagte Trittin. Die Grünen seien dann aber die ersten im Bundestag gewesen, die die Frage nach sexuellem Missbrauch in der Gesellschaft aufgeworfen hätten. „Und als Ausfluss dieser Debatte haben wir diese Position 1989 korrigiert“, sagte Trittin. Seitdem sei völlig klar, dass jede Form von sexuellem Umgang mit Kindern Missbrauch sei. „Wir wissen auch, dass wir dafür zu lange gebraucht haben“, räumte er ein.

Grünen-Bundeschefin Claudia Roth warf mehreren Unions-Politikern in der Pädophilie-Debatte Scheinheiligkeit vor. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt diskriminiere offen Schwule und Lesben und hetze gegen Flüchtlinge, meinte Roth. Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, habe zusammen mit Unionsfraktionschef Volker Kauder und dem heutigen CSU-Chef Horst Seehofer 1997 im Bundestag gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt. „Von all denen müssen wir Grüne uns nicht sagen lassen, was Moral ist und was verantwortungsvolles Handeln ist“, sagte Roth bei der Kundgebung in ihren Heimat-Wahlkreis.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×