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26.05.2015

15:33 Uhr

Angst vor dem Impfen

Tödlicher Aberglaube

Eine Masern-Epidemie in Berlin hat aufgeschreckt: Zu viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr impfen. Die Krankenkasse AOK will jetzt mit Fakten gegen den Aberglauben kämpfen – und damit auch ihre Kosten senken.

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Sich nicht impfen zu lassen ist asozial!

Handelsblatt in 99 Sekunden: Sich nicht impfen zu lassen ist asozial!

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Berlin18.000 bis 20.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an der Virusgrippe, längst überwunden geglaubte Infektionskrankheiten wie Masern und Röteln kehren zurück. Im Frühjahr gab es allein in Berlin Tausende Masern-Erkrankte.

Ein Grund: Mehr Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen, aus Angst vor angeblichen Nebenwirkungen. Jetzt will die Krankenkasse AOK gegensteuern: In sogenannten Faktenboxen im Internet stellt sie nachprüfbare Fakten gegen den angeblichen Aberglauben. Zur Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Masern und  Grippeimpfung, aber auch warum die jährliche Ultraschalluntersuchung auf Eierstockkrebs nicht nur rausgeschmissenes Geld ist, sondern auch oft falschen Alarm auslöst.

Kann man trotz Impfung erkranken?

Kein ausnahmsloser Schutz

Keine einzige Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen ebenso wie kein Medikament bei sämtlichen Patienten wirkt. Allerdings können Impfungen die Erkrankungswahrscheinlichkeit deutlich senken.

Quelle: Robert-Koch-Institut

Ein Szenario

Man stelle sich folgendes Szenario vor: In einer Grundschule träte eine Masernepidemie auf. Die eine Hälfte der Schüler wäre geimpft, die andere nicht. Statistisch gesehen würden etwa 97 bis 98 Prozent der nicht geimpften Schüler erkranken, wohingegen unter den Geimpften nur zwei bis drei Prozent erkrankten.

Grippeimpfung weniger wirksam

Bei der Grippeimpfung dagegen ist die Wirkung weniger gut. Je nach Alter und Gesundheitszustand schützt sie etwa 40 bis 75% Prozent der Geimpften vor Grippe, wobei die Impfung bei alten Menschen in der Regel am schlechtesten anschlägt.

Auffrischungen

Des Weiteren kann eine nicht rechtzeitig durchgeführte Auffrischimpfung oder ein noch unvollständig aufgebauter Immunschutz die Impfung weniger effektiv werden lassen. So müssen die klassischen Kinder-Schutzimpfungen zunächst mehrfach nach einem zeitlich geregelten Schema wiederholt werden, bevor man mit einer zuverlässigen und dauerhaften Schutzwirkung rechnen kann.

Verhindern von schwereren Erkrankungen

Darüber hinaus gibt es Impfungen, die lediglich besonders schwere Erkrankungsverläufe verhindern. Dies ist bei der sogenannten BCG-Impfung gegen Tuberkulose der Fall, die man hierzulande bis Ende der neunziger Jahre standardmäßig bei Säuglingen durchführte, inzwischen aber vor allem wegen der vergleichsweise geringen Erkrankungswahrscheinlichkeit als Regelimpfung aufgegeben hat. Die Impfung schützte die Kinder zwar nicht vor einer Tuberkuloseinfektion an sich – aber vor ihren schlimmsten Komplikationen mit Befall des ganzen Körpers und Gehirns.

„Wer heute nach Gesundheitsinformationen sucht, landet unweigerlich in einem Dschungel von unsortierten und wenig verlässlichen Wissen“ sagte Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK Bundesverbands, bei der Vorstellung des Projekts an diesem Dienstag. „Unsere Faktenboxen könnten hier eine echte Kompassfunktion übernehmen.“ Reine Nächstenliebe ist es freilich nicht, die die AOK zu ihrer Aktion veranlasst. Ziel der Kasse ist es auch, überflüssige Diagnostik und vermeidbare Folgekosten zu vermeiden, also am Ende auch Beitragsgelder zu sparen.

Schützen Impfungen überhaupt langfrsitig?

Von Impfstoff zu Impfstoff unterschiedlich

Ob eine Impfung wiederholt werden muss oder nicht, ist von Impfstoff zu Impfstoff unterschiedlich. Wenn beispielsweise ein Kind im Rahmen der sogenannten Grundimmunisierung zweimalig eine Kombinationsspritze gegen Masern, Mumps und Röteln erhält, kann man davon ausgehen, dass der Immunschutz gegen Masern und Röteln tatsächlich ein Leben lang währt.

Quelle: Robert-Koch-Institut

Kürzerer Schutz

Anders verhält es sich bei Tetanus, Diphtherie, Polio oder Keuchhusten. Die Impfung gegen diese Krankheiten bietet fünf bis zehn Jahre Schutz – danach sollte sie wiederholt werden. Einen weitaus kürzeren Schutz bietet eine Grippeimpfung: Da sich der Grippeerreger enorm schnell verändert, müssen gefährdete Personen den Immunschutz jedes Jahr mit einem neu zusammengesetzten Impfstoff auffrischen lassen.

Keine geringere Effektivität

Aufgrund der zeitlich begrenzten Wirkung eines Impfstoffes ist jedoch nicht von einer geringen Effektivität auszugehen. So kann eine jährliche Grippeschutzimpfung bei chronisch Kranken oder alten Menschen das Risiko für lebensbedrohliche Erkrankungsverläufe verringern. Auch eine Immunisierung gegen Tetanus im 10-Jahres-Turnus erscheint angesichts der mitunter tödlichen Infektion als ein geringer Aufwand.

Nicht dauerhaft immun

Des Weiteren sollte bedacht werden, dass auch Personen, die einmal eine Infektionskrankheit überstanden haben, nicht dauerhaft gegen diese Krankheit immun sind. Sowohl an Tetanus als auch an Diphtherie oder Keuchhusten kann man mehrfach im Leben erkranken. Es sind sogar einige Fälle bekannt, in denen Menschen zweimal an Masern erkrankten.

Auch Ärzte loben die Initiative. „Ärzte stehen heute mehr denn je unter starkem Zeitdruck. Im Alltag benötigen sie schnell verfügbares, evidenzbasiertes Wissen, dem sie vertrauen können“, meint Ludwig, im Hauptjob Chefarzt an der Krebsklinik des Helios Klinikums in Berlin-Buch. Was sie stattdessen bekommen? Sie würden massenhaft mit „ausgefeilten Desinformationsstrategien konfrontiert, die in erster Linie kommerzielle Interessen verfolgen.“ Für den Arzt sei es nicht immer leicht, das auf die Schnelle zu erkennen.

Kommentare (2)

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Herr Alfred W. Bayer

26.05.2015, 20:20 Uhr

Es gibt inzwischen für praktisch alles zu viele Vollpfosten, die sich für kompetent halten, nachdem sie daheim vor dem Bildschirm die Google-Universität absolviert haben. Sie halten ihre Mikro-Bildung für das Maß aller Dinge und belehren laut, besserwisserisch und in miserabler Rechtschreibung die Fachleute in den Internet-Foren. Wer seine Kinder nicht impfen läßt, ist in meinen Augen kriminell. Viele von diesen Eltern würden ohne Impfungen gar nicht erst existieren. Aber nur zu: Alle Generationen sind ohnehin dazu verdammt, die gleichen Erfahrungen immer erst neu machen zu müssen, bevor sie es kapieren, dass die Alten auch nicht blöd waren.

Herr Alfred W. Bayer

26.05.2015, 20:21 Uhr

Übrigens - Ich gehöre zu den Fachleuten.

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