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06.02.2013

09:00 Uhr

Annette Schavan

Die Meisterin der Verschleierung

VonStefan Kaufmann, Maike Freund

Die Uni Düsseldorf hat entschieden: Bildungsministerin Schavan hat bei ihrer Dissertation getäuscht. Im Netz wird ihre Doktorarbeit auf SchavanPlag zerpflückt. Handelsblatt Online hat sich einige Stellen angeschaut.

Stellungnahme

Fakultätsrat: "Systematisch und vorsätzlich getäuscht"

Stellungnahme: Fakultätsrat: "Systematisch und vorsätzlich getäuscht"

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DüsseldorfAusgerechnet die Bildungsministerin. Und dann auch noch die Frau, deren Dissertation den Titel „Person und Gewissen“ trägt. Annette Schavan hat also betrogen. Sie hat Stellen in ihrer Doktorarbeit nicht so kenntlich gemacht, wie sie es hätte tun müssen – und wie es in wissenschaftlichen Arbeiten üblich ist. Das hat ein Gutachten der Universität Düsseldorf festgestellt, dem die Mitglieder des Fakultätsrats am Dienstag in großer Mehrheit gefolgt sind. Folge: Annette Schavan ist ihren Dr. los.

Wo aber hat Schavan nun eindeutig plagiiert? Nachzulesen sind die Stellen beispielsweise auf der Plagiatsjägerseite SchavanPlag. Seite für Seite wurde geprüft und klassifiziert.

So findet, wer auf Seite 37 klickt, folgende Anmerkungen: Typus Verschleierung, Quelle Arendt 1960. In Schavans Dissertation lautet die Textpassage auf dieser Seite in den Zeilen 9 bis 12: „Durch die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen schließlich schafft menschliches Handeln die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen und damit für Geschichte.“

Im Werk der Theoretikerin Hannah Arendt heißt es: „[...] das Handeln schließlich, soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte.“

Anmerkung der SchavanPlag-Prüfer: Die Urheberin des Gedankens, die politische Theoretikerin Hannah Arendt, wird in der vorliegenden Arbeit nicht nur nicht hier, sondern an gar keiner Stelle erwähnt.

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Erst Guttenberg, dann Koch-Mehrin, nun fürchtet Annette Schavan um ihr Lebenswerk – haben sie es nicht besser gewusst? Es herrscht Verunsicherung, wenn es ums korrekte Zitieren geht. Worauf Studenten achten müssen.

Das Vergehen auf Seite 69 umschreibt SchavanPlag mit dem Typus Bauernopfer. In den Zeilen 25 bis 29 schreibt die Autorin Schavan: „Ein aktuelles Beispiel ist die Wehrpflicht und das Recht auf deren Verweigerung bei Gewissensanspruch. Der Einzelne soll nicht in die Situation gebracht werden, etwas tun zu müssen, was gegen sein Gewissen gerichtet ist und seine Persönlichkeit zerstört.“

Beim Soziologen Niklas Luhmann findet sich folgende Passage: „Das bedeutsamste und akuteste Beispiel für direkten Zwang liefert die Wehrpflicht. [...] Der Einzelne soll nicht in Situationen gepreßt werden, in denen sein Gewissen sich gegen ihn selbst wendet und seine Persönlichkeit zerstört.“

Anmerkung der Prüfer: Da die Verfasserin unmittelbar vor und nach dieser Passage für wörtliche Zitate auf Luhmann (1965) verweist, hat der Leser den Eindruck, das erläuternde Beispiel mit der Wehrpflicht stamme im Gegensatz dazu von ihr. Es stellt sich die Frage, warum sie hier nicht zum Beispiel den Konjunktiv verwendet, um deutlich zu machen, dass sie es lediglich von Luhmann übernimmt.

Auf Seite 322 kommt Schavan zu folgendem Schluss: „Zusammenfassend kann man feststellen, daß in dem Maß, in dem im Jugendalter neben die heteronomen Normen selbstüberprüfte Normen treten, bzw. erstere nach kritischer persönlicher Überprüfung ersetzt oder aber gutgeheißen und als autonome Normen zur Grundlage des Entscheidens und Handelns werden, man von einem autonomen, bzw. personalen Gewissen sprechen kann und damit von einer geglückten Personalisation.“

Allerdings ist dies nicht ihr Ergebnis. Erneut – und wie bei zahlreichen weiteren Textstellen – machen die Plagiatsjäger Schavan den Vorwurf, eine Meistern der Verschleierung zu sein. Denn vor ihr zog schon Lutz Hupperschwiller in seinem Werk Gewissen und Gewissensbildung in jugendkriminologischer Sicht auf Seite 64 diese Schlussfolgerung: „In dem Maß, in dem neben die heteronomen Normen selbstüberprüfte Normen treten, erstere ersetzt bzw. [...] nach kritischer persönlicher Überprüfung gutgeheißen und damit nun als autonome Normen beibehalten werden, sprechen wir von einem autonomen Gewissen, einer geglückten Personalisation.“

Anmerkung der Plagiatsjäger: Keine Quellenangabe weit und breit. Die Verfasserin gibt einen von Hupperschwiller (1970) übernommenen, nur unwesentlich ergänzten Gedanken als eigene Schlussfolgerung aus.

Kommentare (15)

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leser

06.02.2013, 09:32 Uhr

Umso mehr muß sich die Frage stellen, weshalb diese Diskurs-Standards, weder Hannah Arend noch Niklas Luhmann waren damals wissenschaftliche Nobodies, nicht schon damals moniert wurden.
Hier ist der Wissenschaftsbetrieb dabei sich neben Frau Dr. Schavan gleich mit selbst zu demontieren.

Zumindest der Hohe Ton in der Debatte scheint zusehends fragwürdig zu geraten.

ehgehg

06.02.2013, 09:33 Uhr

Nach 33 Jahren einen Titel abzuerkenn ist trotzdem eine harsche Reaktion, bei der sich die Frage nach der Verhältnismäsigkeit stellt. Fast alle Straftaten außer Mord verjähren irgendwann. Wie ist das in diesem Fall?

leser

06.02.2013, 09:35 Uhr

Korrektur:

Hannah Arendt und nicht Hannah Arend

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