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20.07.2015

20:13 Uhr

Anschläge auf Asylbewerberheime

Die Suche nach dem Sündenbock

VonKathrin Witsch

Volksverhetzung, Brandstiftung, Körperverletzung. „Es reicht!“, twitterte Justizminister Maas am Wochenende, denn schon wieder brannten Flüchtlingsheime. Die Situation verschärft sich – und offenbart massive Probleme.

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DüsseldorfEs war ein Comic, durch den Nico Brachtel erkannte: Ich muss etwas tun. Die schwarz-weiße Zeichnung zeigt Vater und Sohn. In Sprechblasen steht über ihren Köpfen: „Sag' mal Papa, warum gibt es in Star Wars eigentlich keine Muslime?“, fragt der Sohn. „Weil es in der Zukunft spielt“, antwortet der Vater. Gepostet war der Comic bei Facebook – von einem Bekannten von Nico.

In dieser Zeit, im Oktober vergangenen Jahres, beherrschte Pegida die Medien, und in ganz Deutschland meldeten die Behörden Brandanschläge auf Asylbewerberheime. Auch in Freital, wo Nico wohnt, war der Widerstand gegen die Unterkünfte groß. Viele fuhren nach Dresden, um mit Pegida gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren.

Auch Nico fährt seitdem regelmäßig nach Dresden – allerdings zu den Gegendemonstrationen. Immer wieder sieht er bekannte Gesichter aus Freital in der Masse der „besorgten Bürger“. Seit Monaten kämpft er gegen Pegida, gegen Ressentiments, gegen ein Klima, das sich in Deutschland weiter auszubreiten scheint.

Von welchen Flughäfen die Menschen abgeschoben werden

2747

2747 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Frankfurt abgeschoben.

Quelle: Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Linken (16. Februar 2015)

1711

1711 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Düsseldorf abgeschoben.

1130

1130 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Berlin-Tegel abgeschoben.

817

817 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen München abgeschoben.

638

638 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Hamburg abgeschoben.

509

509 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Berlin-Schönefeld abgeschoben.

348

348 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Baden-Baden abgeschoben.

260

260 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Hannover abgeschoben.

227

227 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Stuttgart abgeschoben.

135

135 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Leipzig abgeschoben.

26

26 Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Köln/Bonn abgeschoben.

8

Acht Menschen wurden im Jahr 2014 über den Flughafen Bremen abgeschoben.

1

Eine Person wurde im Jahr 2014 über den Flughafen Dresden abgeschoben.

Im ersten Halbjahr verzeichneten die Behörden gut 179.000 Asylanträge und damit 132,2 Prozent mehr als in den ersten sechs Monaten 2014. Für das gesamte Jahr werden bis zu 450.000 Asylanträge erwartet. Dies sind mehr als doppelt so viele wie 2014. Und auch wenn im vergangenen Jahr nur knapp ein Drittel aller Anträge auch tatsächlich angenommen wurde, sieht sich Deutschland in Fragen der Flüchtlingsproblematik überfordert.

Auf EU-Ebene streiten sich die Mitgliedstaaten über eine geplante Quote, die darüber entscheiden soll, wieviel Flüchtlinge jedes Land aufnehmen muss, eine Einigung war auch am Montag nicht in Sicht. Und die deutschen Politiker geraten in der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen immer mehr unter Druck aus den Kommunen.

Denn die Kapazitäten für die Unterbringung vor Ort scheinen nahezu erschöpft.Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht sich als besorgte Mutter der Nation und scheitert in ihrem Versuch die passenden Worte für eine junge Palästinenserin zu finden, die kurz vor der Abschiebung steht. Horst Seehofer will zwei spezielle Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber mit geringer Aussicht auf ein Bleiberecht schaffen, möglichst in Grenznähe, damit Flüchtlinge aus sogenannten sicheren Herkunftsländern, wenn nötig, innerhalb von zwei Wochen wieder abgeschoben werden können.

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Es ist längst nicht mehr nur Dresden: Freital, Tröglitz, Remchingen, Reichertshofen heißen die kleinen Gemeinden und Städte, in denen sich das Sammelsurium aus Problemen zeigt. Hunderte Menschen demonstrieren auch in Freital am Freitag wieder vor einem Asylbewerberheim gegen die dort lebenden Flüchtlinge.

Das sind aktuell knapp 400. Der 16-Jährige Nico Brachtel ist Mitglied in der „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und Umgebung“. In einem ehemaligen Hotel sind die Flüchtlinge untergebracht. Genau vor diesem Hotel demonstrieren Asylgegner lautstark, aggressiv und mit ausländerfeindlichen Parolen.

Die Straftaten gegen Asylbewerberheime häufen sich. Sie reichen von Volksverhetzung und Beleidigung über Brandstiftung hin zu gefährlicher Körperverletzung. Bislang verzeichnet das Bundesinnenministerium allein für dieses Jahr bereits 151 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 175. Auch die Zahlen politisch motivierter Gewalttaten von rechts verzeichnen innerhalb eines Jahres einen solch extremen Anstieg, wie in den letzten drei Jahren nicht. Von knapp 800 rechten Gewalttaten 2014, auf über 1000 im laufenden Kalenderjahr. Zusätzlich zu den Anschlägen auf Asylbewerberheime.

Kommentare (22)

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Herr Horst Meiller

20.07.2015, 20:22 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Aleksandar Ritter

20.07.2015, 20:33 Uhr

Ich würde gerne einmal wissen, wieviele Anschläge und Gewalttaten es in anderen europäischen Staaten ,etwa in Polen oder Tschechien gäbe, wenn die dortige Regierungen ihrer Bevölkerung einen Asylbewerberzustrom in auch nur einem ansatzweise so hohen Ausmaß zumuten würde.

Herr C. Falk

20.07.2015, 20:37 Uhr

Die Flüchtlingsproblematik wird in den Ländern der EU sehr unterschiedlich gehandhabt. Polen und Tschechien aber auch UK und Dänemark lassen so gut wie keine Flüchtlinge und Asylbewerber über ihre Grenzen.

In Polen beschränkt sich die Zahl der Asylbewerber wohl nur auf ein paar hundert.

Diese Ungleichbehandlung wird nur sehr vorsichtig thematisiert.

Ist Polen fremdenfeindlich und wenn ja, warum?

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