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25.12.2016

10:53 Uhr

Anschlag in Berlin

Amri flüchtete über Frankreich nach Italien

Nach dem Tod des mutmaßlichen Attentäters Anis Amri gibt es weiter offene Fragen über seine Fluchtroute und mögliche Helfer. In Tunesien wurden drei Verdächte festgenommen. Politiker fordern schärfere Gesetzen.

Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat es in Tunesien drei weitere Festnahmen gegeben. Die Behörden sprechen von einer Terrorzelle. dpa

Anschlag am Breitscheidplatz

Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat es in Tunesien drei weitere Festnahmen gegeben. Die Behörden sprechen von einer Terrorzelle.

Berlin, Tunis, RomDie Ermittlungen nach dem Anschlag in Berlin laufen auch an den Weihnachtsfeiertagen mit Hochdruck. Unter anderem soll geklärt werden, ob der mutmaßliche Attentäter Anis Amri ein Unterstützernetzwerk, Mitwisser oder Gehilfen hatte. Der 2015 nach Deutschland gekommene Tunesier war nach Überzeugung der Ermittler der Mann, der am Montagabend in mit einem gestohlenen Sattelzug in den Weihnachtsmarkt gerast war. Dabei starben 12 Menschen, 53 wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Der 24-jährige Amri ist französischen Medieninformationen zufolge über Lyon und Chambéry nach Italien gelangt, wo er am Freitag bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet wurde. Der Terrorverdächtige habe am vergangenen Donnerstag in Lyon das Bahnticket für Italien gekauft, berichtete die Wochenzeitung „Journal de Dimanche“ mit Verweis auf eine hochrangige Quelle im Pariser Innenministerium.

Was wir über Amris Flucht wissen

War Amri der Attentäter von Berlin?

Die Ermittler sind sich sicher, dass Anis Amri (24) bei dem Terroranschlag am Montagabend den Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gesteuert und mindestens zwölf Menschen getötet hat. Seine Fingerabdrücke wurden am Fahrerhaus des Lastwagens sichergestellt.

Quelle: dpa

Wie kam Amri zum Bahnhof Sesto San Giovanni?

Zumindest sein Weg von Frankreich nach Italien ist grob bekannt: Der Terrorverdächtige kaufte am Donnerstag in Lyon das Bahnticket für Italien, wie die französische Wochenzeitung „Journal de Dimanche“ mit Verweis auf eine hochrangige Quelle im Pariser Innenministerium berichtete. Über das französische Chambéry fuhr er italienischen Polizeiangaben zufolge nach Turin und von dort mit der Bahn nach Mailand, wo er am frühen Freitagmorgen am Bahnhof Sesto San Giovanni erschossen wurde.

Kannte er Italien?

Ja. Der Tunesier war 2011 nach seiner Flucht über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Wegen verschiedener Gewalttaten saß er dort vier Jahre im Gefängnis. 2015 setzte er sich nach Deutschland ab. Er war in Kalabrien, bevor er Italien verließ.

Amri habe einen zweiten Fahrschein nach dem Umsteigen in Chambéry in einem nach Mailand führenden Hochgeschwindigkeitszug in bar gelöst, ergänzte der Radiosender Europe 1. Staatspräsident François Hollande sei am Donnerstag ebenfalls in Chambéry in der Region Savoyen gewesen, um ein Krankenhaus einzuweihen. Wegen dieses Besuches seien Kontrollen am Bahnhof nicht vorrangig gewesen, so der Sender. Ermittler werteten Aufnahmen von Überwachungskameras der Bahnhöfe Lyon Part-Dieu und Chambéry aus. Wie der Terrorverdächtige nach Lyon kam, sei nicht bekannt.

In Tunesien haben Sicherheitskräfte am Samstag drei Männer festgenommen, die mit dem mutmaßlichen Attentäter in Verbindung stehen sollen. Einer der Verdächtigen sei der Neffe Amris, teilte das Innenministerium in Tunis mit. Die Festgenommenen seien zwischen 18 und 27 Jahre alt. Der Neffe soll nach Angaben tunesischer Sicherheitskräfte gestanden haben, dass er mit dem mutmaßlichen Attentäter auf einem verschlüsselten Weg über eine Nachrichtenapp in Kontakt gestanden habe. Sein Onkel habe gewollt, dass er der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Treue schwöre.

Was wir pbr Amris Flucht nicht wissne

Wo war Amri unmittelbar nach dem Anschlag, und wann genau hat er Deutschland verlassen?

Das ist nicht bekannt. Noch am Donnerstagabend hatten die Ermittler Amri in Berlin vermutet, wie etwa der „Tagesspiegel“ berichtete. Das RBB-Fernsehen hatte Bilder einer Überwachungskamera gezeigt und berichtet, darauf sei Amri vor einem Moschee-Verein zu sehen, der als Salafisten-Treffpunkt gilt. Am Freitag teilte jedoch der Chef des Landeskriminalamts, Christian Steiof, mit, bei der Person handele es sich nicht um Amri.

Quelle: dpa

Wie kam er von Berlin nach Lyon?

Dazu gibt es noch keine Informationen. Französischen Medienberichten zufolge kaufte Amri in Lyon das Bahnticket nach Italien.

Hatte er Helfer auf der Flucht?

Es ist noch nicht klar, ob der 24-jährige Tunesier ein Komplizennetzwerk hatte. Generalbundesanwalt Peter Frank betonte, dies müsse dringend untersucht werden.

Was wollte er in Italien?

Es ist möglich, dass er noch Kontakte von seinem früheren Aufenthalt in Italien hatte. Ob sich dies nach seinem Tod noch klären lasst, ist fraglich.

Wollte er von San Giovanni weiterreisen?

Das ist nicht bekannt. Eine Hypothese ist, dass er sich falsche Papiere besorgen wollte. Angeblich gibt es in der Nähe ein Zentrum, gegen das wegen Herstellung falscher Dokumente schon einmal ermittelt wurde.Eine Vermutung ist, dass Amri aus Europa weg wollte. Marokko könnte ein Ziel gewesen sein. In der Nähe des Bahnhofs Sesto San Giovanni fahren viele Fernbusse ab. Angeblich wollte er am Freitag von Mailand nach Süditalien weiterreisen, berichteten italienische Medien.

Der Neffe sagte dem Innenministerium zufolge ferner, dass Amri ihm Geld geschickt hatte, damit er nach Deutschland kommen könnte, um sich dort einer Gruppe anzuschließen, die Abu Al-Walaa Battalion heißt. Amri erzählte demnach seinem Neffen, dass er ein Anführer dieser Gruppe sei. Der im November festgenommene Abu Walaa gilt als salafistischer Chefideologe und mutmaßlicher Unterstützer der Terrormiliz IS.

Das Ministerium in Tunis bezeichnete die drei Männer als eine Terrorzelle, die Sicherheitskräfte bereits am Freitag nahe der Stadt Kairouan ausgehoben hätten. In dieser Region lebt auch die Familie von Amri. Kairouan gilt als Salafisten-Hochburg.

Angesichts des Terroranschlags haben hunderte Menschen in Tunesien gegen die Rückführung von mutmaßlichen Extremisten in das nordafrikanische Land protestiert. Die Demonstranten versammelten sich außerhalb des Parlaments in der Hauptstadt Tunis, wie lokale Medien berichteten. Bilder zeigten Menschen mit Plakaten, auf denen unter anderem „Nein zu Terrorismus“ stand. Der Protest am Samstag wurde demnach von verschiedenen zivilen Gruppen organisiert.

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