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28.12.2016

20:16 Uhr

Anschlag in Berlin

Amris mutmaßlicher Kontaktmann festgenommen

Die Suche nach den Hintermännern des Berliner Anschlags läuft auf Hochtouren. Nun wurde offenbar ein Komplize des mutmaßlichen Täters Anis Amri festgenommen. Auch zur Flucht des Tunesiers gibt es neue Hinweise.

Nach dem Anschlag in Berlin wurden auf Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Die Fahndung nach Hintermännern läuft auf Hochtouren. dpa

Weihnachtsmarkt in Hamburg

Nach dem Anschlag in Berlin wurden auf Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Die Fahndung nach Hintermännern läuft auf Hochtouren.

Berlin/RomGut eine Woche nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt haben Ermittler einen möglichen Kontaktmann des mutmaßlichen Attentäters Anis Amri festgesetzt. Die Telefonnummer des 40-jährigen Tunesiers hatte Amri in seinem Handy gespeichert, wie die Bundesanwaltschaft am Mittwoch mitteilte. „Die weiteren Ermittlungen deuten darauf hin, dass er in den Anschlag eingebunden gewesen sein könnte.“ Bis Donnerstag werde geprüft, ob Haftbefehl beantragt werde. Einem Sprecher der Bundesanwaltschaft zufolge nahmen die Ermittler den 40-Jährigen in Berlin vorläufig fest. Seine Wohn- und Geschäftsräume wurden durchsucht. „Spiegel Online“ zufolge liegen diese im südlichen Stadtteil Berlin-Tempelhof.

Der 24-jährige Amri war den Ermittlungen zufolge am Montag vor Weihnachten mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin gefahren. Zwölf Menschen starben, 55 wurden verletzt. Nach offiziellen Angaben werden 20 Verletzte noch in Krankenhäusern behandelt, elf von ihnen auf der Intensivstation.

Wer ist Anis A.?

Seit wann ist er in Deutschland?

Anis A. kam im Juli 2015 nach Deutschland. Er sei „hochmobil“ gewesen, berichtet Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er tauchte zunächst in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin – dort habe er seit Februar 2016 überwiegend gelebt.

Wie ist sein Status?

Sein Asylantrag war im Juni dieses Jahres vom zuständigen Bundesamt abgelehnt worden, die Behörden in Kleve (NRW) betrieben seine Ausweisung. „Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte“, sagt Jäger. Tunesien habe zunächst bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Schließlich stellte das nordafrikanische Land aber doch Ersatzpapiere aus – sie seien an diesem Mittwoch eingetroffen – zwei Tage nach dem Anschlag. „Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren“, sagt der NRW-Innenminister. Er hatte zuvor bereits mehrfach beklagt, wie schwierig es ist, nordafrikanische Straftäter in ihre Heimatländer abzuschieben.

Was weiß man über ihn?

Dem Geburtsdatum zufolge, dass für ihn angegeben ist, wird er an diesem Donnerstag 24 Jahre alt. Zuletzt tauschten sich die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern im November im Terrorismusabwehrzentrum in Berlin über ihn aus. Er verwendete mehrere Alias-Namen und wurde von mehreren Behörden als islamistischer Gefährder beobachtet. Er habe Kontakt zur radikal-islamistischen Szene gehabt, berichtet Innenminister Jäger. Die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichteten von Kontakten zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Salafisten-Predigers Abu Walaa, laut Jäger der „Chefideologe“ der Salafisten-Szene. In Berlin war vom dortigen Generalstaatsanwalt gegen Anis A. ermittelt worden – wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Initiiert worden sei dies vom Landeskriminalamt NRW, sagt Jäger. Das Verfahren sei möglicherweise zwischenzeitlich eingestellt worden, berichten Ermittler.

Gibt es Parallelen?

Ermittler sehen auffällige Parallelen zum Fall von Tarik B. Der Tunesier war im Alter von 24 Jahren im vergangenen Januar in Paris von der Polizei erschossen worden, als er Polizisten mit einem Schlachterbeil und dem Ruf „Allah ist groß“ angriff. Der Asylbewerber kam damals aus einer Unterkunft in Recklinghausen. Er hatte in sieben europäischen Ländern Asylanträge gestellt und 20 verschiedene Identitäten vorgetäuscht.

Ermittler rekonstruieren zugleich die Fluchtroute Amris durch mehrere Länder. Vier Tage nach dem Anschlag hatten ihn italienische Polizisten nahe Mailand erschossen, nachdem er bei einer Personenkontrolle das Feuer auf die Beamten eröffnet hatte. Am Vorabend filmte ihn eine Überwachungskamera in Turin, wie am Mittwoch bekannt wurde.

Vieles spricht dafür, dass Amri neben Frankreich auch durch die Niederlande kam. Zwei Tage nach dem Anschlag habe ihn „sehr wahrscheinlich“ eine Überwachungskamera auf dem Bahnhof in Nimwegen nahe der deutschen Grenze aufgenommen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur. Zur selben Zeit wurden dort gratis Sim-Karten verteilt. Eine solche hatten italienische Ermittler bei dem Tunesier entdeckt.

Die französischen TV-Sender TF1/LCI und BFMTV berichteten, Amri sei per Fernbus von Nimwegen nach Lyon gelangt. Er sei vom 21. auf den 22. Dezember gereist, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Zu Tathergang und Fluchtroute sind aber auch mehr als eine Woche nach dem Attentat noch viele Fragen offen. So soll Amri einem „Focus“-Bericht zufolge zehn Minuten vor dem Anschlag noch Sprachnachrichten und Fotos verschickt haben - möglicherweise an andere Islamisten. Unter den Empfängern soll der 40-jährige Tunesier gewesen sein, der am Mittwoch in Berlin festgenommen wurde.

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