Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.10.2015

10:37 Uhr

Anschlag

Kölner OB-Kandidatin bei Messerangriff schwer verletzt

Drama vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln: Die parteilose Kandidatin Henriette Reker wird Opfer einer Messerattacke und schwer verletzt. Viele Menschen äußern ihre Betroffenheit.

Menschen haben ein Plakat der Kölner Obermeisterkandidatin Henriette Reker am Tatort aufgestellt. Reker ist einen Tag vor der Wahl bei einer Messerattacke in Köln verletzt worden. dpa

Köln: Attentat auf OB-Kandidatin

Menschen haben ein Plakat der Kölner Obermeisterkandidatin Henriette Reker am Tatort aufgestellt. Reker ist einen Tag vor der Wahl bei einer Messerattacke in Köln verletzt worden.

KölnDie Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist einen Tag vor der Wahl bei einem Messerangriff auf einem Wochenmarkt schwer verletzt worden. Ein 44-jähriger Mann attackierte die parteilose Politikerin am Samstagmorgen mit einem langem Messer an einem Wahlkampfstand der CDU. Reker, die Kölner Sozialdezernentin ist, wurde nach Angaben der Stadt durch einen Stich in den Hals schwer, aber nicht lebensbedrohlich verletzt und kurz darauf operiert.

Ein Beamter der Bundespolizei hatte nach Angaben des Bundesinnenministeriums als erster eingegriffen und den Attentäter überwältigt. Der Bundespolizist sei privat vor Ort in Köln gewesen, sagte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage. „Ich danke dem Beamten vor Ort für sein beherztes Eingreifen und die Überwältigung des Täters“, erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Der Minister zeigte sich „zutiefst schockiert über diese abscheuliche und feige Tat“.

Auch vier weitere Personen erlitten Verletzungen. Der Angreifer wurde noch am Tatort festgenommen, Kriminalpolizei und eine Mordkommission ermitteln. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) sprach von „ersten Anzeichen für eine politisch motivierte Tat“. In die Ermittlungen sei auch der NRW-Verfassungsschutz mit eingebunden. Die Wahl findet trotz des Attentats wie geplant am Sonntag statt. Wahlleiterin Gabriele Klug appellierte an die Kölner, nach dem Angriff auf Reker auf jeden Fall wählen zu gehen.

Am Nachmittag twitterte ein Mitarbeiter der Kandidatin über ihren Account, sie sei außer Lebensgefahr und ein verletztes Teammitglied wohlauf.

Die Messerattacke löste über die Parteigrenzen hinweg Entsetzen aus. Die Parteien stellten den Wahlkampf ein. Ein parteiübergreifendes Bündnis rief für den Samstagnachmittag zu einer Solidaritätskundgebung für die Opfer in der Innenstadt Kölns auf. Reker wurde in die Uniklinik Köln gebracht und dort nach Angaben des amtierenden Kölner Oberbürgermeisters Jürgen Roters (SPD) operiert. „Wir hoffen, dass die Operation gut verläuft und es ihr möglichst bald wieder gut geht“, sagte er.

Attentate auf Politiker

Schon mehrere Attentate

Nicht nur in Krisenländern leben Politiker gefährlich, auch in Deutschland gab es schon mehrere Attentate. Mal lagen politische Motive zugrunde, mal waren die Täter seelisch gestört.

Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaine (SPD): Eine geistig verwirrte Frau greift im April 1990 den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten auf einer Wahlkampfveranstaltung in Köln mit einem Messer an. Sie verletzt ihn lebensgefährlich.

Wolfgang Schäuble

Wolfgang Schäuble (CDU): Ein geistig verwirrter Mann schießt bei einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau im Oktober 1990 auf den Bundesinnenminister. Schäuble bleibt querschnittsgelähmt.

Walter Momper

Walter Momper (SPD): In Berlin schlagen Vermummte den Regierenden Bürgermeister im August 1991 mit einem Holzknüppel und sprühen ihm Reizgas ins Gesicht.

Joschka Fischer

Joschka Fischer (GRÜNE): Während einer Debatte auf einem grünen Sonderparteitag in Bielefeld wird der Außenminister im Mai 1999 mit einem Farbbeutel beworfen. Er erleidet einen Trommelfellriss.

Angelika Beer

Angelika Beer (Grüne): Ein Unbekannter greift die Parlamentarierin in Berlin im Juni 2000 mit einem Messer an und verletzt sie am Arm. Sie hatte zuvor mehrere Morddrohungen erhalten.

Hans-Christian Ströbele

Hans-Christian Ströbele (Grüne): Zwei Tage vor der Bundestagswahl im September 2002 schlägt ein Rechtsextremist dem Bundestagsabgeordneten an einem Berliner Wahlstand mit einem Schlagstock auf den Kopf.

Roger Kusch

Roger Kusch (CDU): Eine geistig verwirrte Frau verletzt den Hamburger Justizsenator bei einem Wahlkampfauftritt im Februar 2004 mit einem Messer.

Nach übereinstimmenden Medienberichten soll der Angreifer als Motiv die deutsche Flüchtlingspolitik genannt haben. Am Tatort und später im Streifenwagen auf dem Weg zur Polizeiwache habe er gesagt, mit der Flüchtlingspolitik von Reker und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht einverstanden zu sein, berichteten mehrere Medien unter Berufung auf Polizeikreise.

Nach der Messerattacke kam es am Tatort zu dramatischen Szenen. Helfer versuchten, den Täter mithilfe von Partei-Sonnenschirmen zu überwältigen, die an dem Stand aufgestellt waren, berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“ unter Berufung auf Augenzeugen. „Der Mann stach mit einem etwa 20 Zentimeter langem Messer um sich“, sagte das Kölner CDU-Ratsmitglied Jürgen Strahl dem Kölner „Express“. Er sprach von einem „gezielten Angriff“ auf Reker. Sie sei von einer 20 Zentimeter langen Klinge am Hals getroffen und an der Luftröhre verletzt worden, hieß es.

Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker: „Sie ist keine Politikerin“

Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker

„Sie ist keine Politikerin“

Sie ist parteilos, sieht sich nicht als Politikerin – trotzdem hat Henriette Reker gute Chancen, zur ersten Oberbürgermeisterin Kölns gewählt zu werden. Wer ist die Frau, die CDU, FDP und Grüne hinter sich vereint?

Der Kölner CDU-Vorsitzende Bernd Petelkau, der ebenfalls Augenzeuge des Angriffs im Stadtteil Braunsfeld war, sagte der „Rheinischen Post“ hingegen, der Angreifer habe Reker mit einem Messer in den Bauch gestochen. Vor dem Angriff habe der Mann gerufen: „Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie Euch von solchen Leuten.“ Nach der Attacke sei er dann ganz ruhig stehengeblieben und habe gesagt: „Ich musste es tun. Ich schütze Euch alle.“

Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage im Rennen um die Macht im Rathaus vorn. Rekers SPD-Konkurrent Jochen Ott schrieb bei Facebook: „Ab sofort werde ich meinen Wahlkampf unterbrechen, bis ich weitere Informationen über ihren Gesundheitszustand habe.“

Eigentlich sollte schon Mitte September in der viertgrößten deutschen Stadt gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×