Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.11.2015

06:03 Uhr

Anti-AfD-Collage „Fear“

Morddrohungen wegen AfD-kritischem Theaterstück

VonDietmar Neuerer

Wegen eines AfD-kritischen Theaterstücks ist die Berliner Schaubühne ins Visier von Kriminellen geraten. Politiker sind alarmiert. Sie fordern von der AfD, sich von Morddrohungen gegen den Regisseur zu distanzieren.

Der Theatermacher Falk Richter hat nach seiner aktuellen Inszenierung „Fear“ an der Berliner Schaubühne in den vergangenen Tagen Morddrohungen erhalten. dpa

Falk Richter.

Der Theatermacher Falk Richter hat nach seiner aktuellen Inszenierung „Fear“ an der Berliner Schaubühne in den vergangenen Tagen Morddrohungen erhalten.

BerlinPolitiker von SPD und Grünen haben die Alternative für Deutschland (AfD) aufgefordert, sich von Morddrohungen gegen den Theaterregisseur Falk Richter von der Berliner Schaubühne zu distanzieren. Richter war wegen der von ihm inszenierten Anti-AfD- und Anti-Rechtspopulismus-Collage „Fear“  ins Visier von Kriminellen geraten. Laut Theaterleitung gingen in den letzten Tagen vermehrt Zuschriften und Anrufe ein, zum Teil in Form von Gewalt- und Morddrohungen.

„Dass die AfD und ihre Anhänger ein schwieriges Verhältnis zum Grundgesetz haben, ist nichts Neues, und die Partei sollte sich sofort von den Drohungen distanzieren, wenn sie nicht noch mehr Gewalt anheizen möchte“, sagte die Obfrau der Grünen im Kulturausschuss des Bundestages, Tabea Rößner, dem Handelsblatt. „Die Drohungen“, betonte Rößner, „überschreiten eine Grenze und zeigen, wie aufgeheizt die Stimmung in Deutschland ist.“

Das Grundgesetz schütze in Artikel 5 in besonderem Maße Kunst- und Meinungsäußerungsfreiheit, unterstrich die Grünen-Politikerin. „Hier muss und darf man anecken, auch wenn es nicht jedem passt. Das gehört zur Reflexion einer Gesellschaft“, sagte Rößner und fügte hinzu: „Ich stehe für diese Freiheiten ohne Wenn und Aber, ohne die unsere Demokratie nicht lebensfähig wäre.“

Netzwerk der AfD-Hardlinerin von Beatrix von Storch

„Freie Welt“ und „Abgordneten-Check.de“

Beatrix von Storch und ihr Mann Sven von Storch steuern die vielfach als rechts eingestufte Internet- und Blogzeitung FreieWelt.net und das Internetportal www.Abgordneten-Check.de, über die laut Lobbypedia für marktradikal-rechtspopulistische Positionen und eine christlich-konservative Familienpolitik geworben wird. Daher wird die Strömung auch als deutsche Tea-Party bezeichnet.

Quellen: Konrad-Adenauer-Stiftung; FH Düsseldorf; Lobbypedia; Handelsblatt-Recherchen

„Allianz für den Rechtsstaat“

Gründung 1966. Verantwortlich laut der Webseite: Beatrix von Storch. Initiierte die Kampagne der Studenten, die die Rückgabe der in der DDR beschlagnahmten Adelsgüter fordern sowie Aufklärung über den Verfassungsbruch der Regierung Kohl-Schäuble.

„Zivile Koalition“

2004 gegründet. Im Vorstand sitzen Beatrix von Storch und ihr Mann Sven von Storch. Kritiker verweisen auf die „marktfundamentalistischen und erzkonservativen“ Positionen der „Zivilen Koalition“ und sprechen von einer „deutschen Tea-Party-Bewegung“.

„Institut für Strategische Studien“

Öffentlich bemerkbar macht sich die „Zivile Koalition“ vor allem als Netzwerk verschiedener Initiativen, die sie von ihrem Sitz in Berlin aus betreibt; Berichten zufolge mit insgesamt 14 Angestellten. Bedeutsam sind hierbei das Institut für Strategische Studien Berlin (ISSB), welches von Beatrix' Ehemann Sven von Storch geleitet wird, sowie „Die Freie Welt“.

„BürgerKonvent“

Gründung 2003. Vorstand: Beatrix von Storch, Vera Lengsfeld, Klaus Peter Krause. Setzt sich als „Apo von rechts“ ein für die Rückführung des Staates auf Kernkompetenzen und den Abbau von Sozialleistungen zugunsten privater Vorsorge. Auf Politiker soll Druck in diese Richtung ausgeübt werden. Eingekaufte und professionelle Kampagnenpolitik, der so „von oben“ zum Protest aufruft. Die Strukturen sind intransparent und nicht demokratisch.

„Bürgerrecht Direkte Demokratie“

Verantwortlich laut der Webseite: Sven von Storch. Sprecherin: Vera Lengsfeld. Die Initiative „Bürgerrecht Direkte Demokratie“ ist eine Gemeinschaftsaktion von Lengsfeld und der der „Zivilen Koalition“ und startete im Januar 2013. Nach eigenen Angaben setzt sich die Initiative für die unmittelbare Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen ein.

„Familienschutz.de“

Die Initiative Familienschutz ist nach eigenen Angaben Teil einer organisierten bürgerlichen Basisbewegung der „Zivilen Koalition“. Eine zentrale Forderung an die Familienpolitik ist, dass die Ehe zwischen Mann und Frau Vorrang vor anderen Lebensgemeinschaften haben soll. Die Sprecherin der Initiative, Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Initiatorin der Aktion „Staatliche Sexualisierung der Kindheit – Schützt uns davor!“, bemängelte einst in der „Freien Welt“, dass im Sexualkundeunterricht für sexuelle Selbstbestimmung geworben wird und nicht für sexuelle Enthaltsamkeit.

Scharfe Kritik äußerte der Vorsitzende der Berliner SPD, Jan Stöß. „Das kritische Künstler, Regisseure und Publizisten mit Gewalt- und Morddrohungen überzogen werden, kannten wir bisher nur aus Diktaturen“, sagte Stöß dem Handelsblatt. Die Einschüchterung von Künstlern dürfe jedoch in einer freien Gesellschaft keinen Platz haben. „Die AfD trägt offenbar zu diesem Klima des Hasses und der Gewalt bei, wenn eine AfD-kritische Inszenierung solche Reaktionen hervorruft“, fügte Stöß, der auch dem SPD-Bundesvorstand angehört, hinzu. „Die AfD muss sich davon klar und ausdrücklich distanzieren.“

Seit seiner Premiere am 25. Oktober hat das satirische Stück „Fear“ schon für einigen Wirbel gesorgt. Am Dienstag vergangener Woche war es zu einem Eklat gekommen, nachdem der Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD), Christian Lüth, ohne Erlaubnis in einer Aufführung filmte und ein Schauspieler ihm mit Rausschmiss drohte. Lüth sagte danach, das Stück sei „beleidigend und geschmacklos“.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×