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06.01.2015

03:22 Uhr

Anti-Islam-Proteste

Köln verdunkelt sich gegen „Pegida“

Licht aus: Als Zeichen gegen islamkritische „Pegida“-Demonstrationen bleiben der Kölner Dom und das Brandenburger Tor in Berlin dunkel. Es gibt bundesweit tausende Gegendemonstranten. Die Debatte versachlicht sich indes.

Deutschlandweite Proteste

Pegida-Bewegung erreicht Rekord-Teilnahme

Deutschlandweite Proteste: Pegida-Bewegung erreicht Rekord-Teilnahme

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Berlin/KölnWenige hundert gegen mehrere Tausend: Das Kräfteverhältnis in der Innenstadt der Rheinmetropole Köln könnte derzeit kaum deutlicher sein. Angesichts tausender Gegendemonstranten hat die anti-islamische Pegida-Gruppierung in Köln am Montag eine Kundgebung nach kurzer Zeit abgebrochen.

Der geplante Gang der zwischen 250 und 500 Menschen großen Gruppe über eine Rheinbrücke zum Dom sei abgesagt worden, berichtete ein Sprecher der Polizei am Rande der Kundgebung. Unter Tausenden Gegendemonstranten brach Jubel aus. Es war ihr ausdrückliches Ziel gewesen, eine Demonstration von Kögida - so nennt sich die Bewegung in Köln - zu verhindern.

Bilder beim Kurznachrichtendienst Twitter zeigen die große Menschenansammlung, die das Gebiet um die Domplatte herum praktisch unpassierbar macht. Dazwischen sorgen Einsatzkräfte der Polizei für etwas Sicherheitsabstand:

Die Kölner Innenstadt bleibt am Montagabend während der geplanten Demonstration der islamkritischen Pegida dunkel: Für mehrere Stunden soll die Außenbeleuchtung des Kölner Doms abgeschaltet werden, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Auch das Rathaus, mehrere Kirchen und weitere historische Gebäude knipsen das Licht aus.

Der Stromversorger Rhein-Energie kündigte an, die Kölner Brücken und die Altstadt für die Dauer der Demo in Absprache mit der Stadt nicht anzustrahlen. Die Industrie- und Handelskammer verdunkelt ihr Treppenhaus in ihrem Hauptsitz in der Innenstadt ebenfalls. Erst wenn der Kölner Pegida-Ableger Kögida seinen Zug durch die Stadt beendet hat, sollen die Lichter wieder angehen.

Die Aktion ist Teil einer Gegenbewegung, die unter dem Motto „Licht aus für Rassisten“ dazu aufruft, während Pegida-Aufmärschen die Beleuchtung von Gebäuden abzuschalten. In Dresden blieb beispielsweise die Semperoper während Pegida-Veranstaltungen dunkel, in Berlin das Brandenburger Tor. Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters sprach von einem „deutlichen Denkanstoß an potenzielle Teilnehmer der Demonstration, ihre Haltung und Teilnahme noch einmal zu überdenken“.

Das Phänomen „Pegida“ und was dahinter steckt

„Pegida“

Als Ende Oktober die ersten paar Hundert Leute demonstrierten, stießen auf wenig Beachtung. „Pegida“-Anhänger protestieren gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands und angeblichen Asylmissbrauch. Das neue Ausmaß der Demos schreckt Politiker und Experten auf, auch im Bund. Sie warnen vor „Hetze“ und „Pogromstimmung“. (Quelle: dpa)

Was wollen die „Pegida“-Leute?

Die Anhänger der Bewegung fordern eine strengere Asylpolitik und sind gegen die Aufnahme von „Wirtschaftsflüchtlingen“ – also Asylbewerbern, die ihrer Ansicht nach keinen Anspruch auf Schutz haben und angeblich nur auf Sozialleistungen aus sind. Sie wettern gegen muslimische Extremisten und vermeintliche Glaubenskriege auf deutschem Boden.

Wer steht hinter „Pegida“?

Der Initiator ist Lutz Bachmann. Der gelernte Koch ist mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen Drogendelikten. An seiner Seite demonstrieren viele Bürger, die sich ausdrücklich nicht in die Nähe von Rechtsextremen gerückt sehen wollen. Auch Bachmann betont immer wieder, er lehne jede Art von Radikalismus ab. Es haben sich aber längst Hooligans, Neonazis und bekennende Islamfeinde unter die Protestler gemischt. Auch zahlreiche Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) sind dabei.

Ist das Phänomen auf Dresden beschränkt?

Nein. Inzwischen gibt es auch in anderen Regionen Ableger von „Pegida“ – etwa in Düsseldorf („Dügida“), Kassel („Kagida“), Bayern („Bagida“) oder Ostfriesland („Ogida“), aber auch in einigen anderen Städten. Die Bewegung wächst schnell – nicht zuletzt durch das Internet. Die Macher sind sehr aktiv bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken und mobilisieren so stetig neue Anhänger.

Warum halten Politiker und Experten die Bewegung für gefährlich?

„Pegida“ verallgemeinere extrem und vermische wild Themen, meinen Fachleute. Die Gruppe werfe „Kampfvokabeln“ in die Menge, nutze Ängste in der Bevölkerung und lade sie zu Ressentiments auf, sagt der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. Das sei klassischer Rechtspopulismus. Funke sieht bereits Ansätze einer rechtsextrem inspirierten Massenbewegung. Sicherheitskreise befürchten, dass Rechtsextreme die Bewegung systematisch unterwandern könnten. Auch viele Politiker sprechen von besorgniserregender ausländerfeindlicher Stimmungsmache. Die AfD zeigt dagegen Verständnis für die Proteste.

Wie konnte „Pegida“ entstehen?

Auslöser der Proteste ist die Asylpolitik. Die Zahl der Asylbewerber in Deutschland steigt seit langem. Experten meinen, Bund und Länder hätten viel zu spät darauf reagiert. Das Ergebnis: Viele Kommunen sind mit der Lage überfordert, müssen Flüchtlinge in Wohncontainern oder Zelten unterbringen. Mancher Bürger hat daher das Gefühl, Deutschland könne damit kaum fertig werden – auch wenn das für die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sicher nicht zutrifft. Funke klagt, die politischen Verantwortlichen hätten es versäumt, auf solche Ängste in der Bevölkerung einzugehen. Die Linke wirft den Innenministern der Union vor, sie hätten für all das überhaupt erst den Boden bereitet – durch ihre Warnungen vor „Armutszuwanderung“ oder „Asylmissbrauch“.

Wie geht es weiter?

Bisher wurden die Dresdner Demos jede Woche größer. Inzwischen formiert sich aber einiger Widerstand gegen die neue Bewegung. Die Gegendemonstration in Dresden war am Montag fast so groß wie der „Pegida“-Aufmarsch. Experten mahnen, wichtig sei nicht nur breite Gegenwehr dieser Art. Entscheidend sei, vernünftig mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen umzugehen und so den Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen. Das Thema „Pegida“ kommt Ende der Woche auch bei der Innenministerkonferenz in Köln auf den Tisch.

Mehrere Tausend Menschen haben am Montagabend auch in Stuttgart gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung demonstriert. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sprach von einer klaren politischen Botschaft für Integration und gegen Ausgrenzung. „Flüchtlinge sind in Stuttgart willkommen“, versicherte Kuhn. Er sei „froh und stolz“ über die große Zahl der Demonstranten, weil sie zeige, dass in Stuttgart kein Platz sei für Menschen, die andere diskriminierten.

Den Teilnehmern von Pegida-Kundgebungen in anderen Städten rief der Grünen-Politiker zu: „Machen Sie sich nicht zu Mitläufern und zum Handwerkszeug von rechtsradikalen Neonazis.“ Auch in Berlin, Rostock, München und Hamburg fanden sich insgesamt mehrere tausend Gegendemonstranten ein.

Kommentare (16)

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Herr Delete User Delete User

05.01.2015, 19:07 Uhr

Zitat aus dem Artikel:

"Die GdP fordere daher ein klares Bekenntnis der Politik zu Deutschland als Zuwanderungsland und das Schaffen der dafür erforderlichen Infrastruktur. Dazu zählten eine verlässliche Versorgung der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft sowie schnelle und gerechte Asylverfahren. "


Dies dürfte insbesondere dem CSU-regierten Bayern sehr schwer fallen. Bekanntlich laufen in der CSU auch die ersten Rechtspopulisten zur Höchstform auf. Seehofer hält sich fein zurück, anstatt auf den Putz zu hauen und seine Dampfplauderer Friedrich und Herrmann und Co in die Schranken zu verweisen. Seit langem bereiten sich wohl bestimmte Kreise der CSU auf einen Rechtsschwenk vor. Mal sehen wie lange es noch dauern wird, bis sich die CSU ähnlich der afd pägida anbiedern wird.

Account gelöscht!

05.01.2015, 19:09 Uhr

Endlich scheint ein probates Mittel zum Sparen von Steuer- und Kirchensteuergeld wirksam zu werden:
Man nennt es nun PERGIDA.

Muß eine ganz großartige Sache sein, daß sich die übelsten Verschwender von fremdem Geld - nun sogar die Kirchen - dazu überwinden können, etwas sparsamer zu sein.

Es wäre hervorragend, wenn sich diese Sparsamkeit künftig überall durchsetzte.
Die Verschwendung in monströser Beleuchtung muß nun wirklich nicht sein.

In diesem Sinne: lang lebe PERGIDA. Wenigstens dafür.

Herr erhard bost

05.01.2015, 19:23 Uhr

Ich finde es ebenfalls toll, dass man nun endlich sparsamer mit Energie umgeht und völlig unnötige Beleuchtungen nachts ausschaltet. Dank Pegida! Weiter so!

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