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21.09.2014

08:34 Uhr

Anti-Stress-Verordnung

Merkel will Arbeitnehmer nicht vor Mailflut schützen

Mailflut im Urlaub, SMS vom Chef am Frühstückstisch: Manche Arbeitnehmer haben richtig Stress. Doch Merkel hält nichts davon, dagegen per Gesetz vorzugehen. Das wird ihr nun in den eigenen Reihen krumm genommen.

Angela Merkel (CDU): Auch die Bundeskanzlerin steht manchmal unter SMS-Stress. dpa

Angela Merkel (CDU): Auch die Bundeskanzlerin steht manchmal unter SMS-Stress.

BerlinBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) angestrebten Anti-Stress-Verordnung eine klare Absage erteilt. In ihrem Video-Podcast sagte Merkel am Samstag auf die Frage, ob die Arbeitgeber nach dem Mindestlohn und dem Rentenpaket mit weiteren Regulierungen rechnen müssten, etwa einer Anti-Stress-Verordnung: „Ich glaube, sie müssen nicht mit weiteren Regulierungen rechnen. Ich stehe einer Anti-Stress-Verordnung sehr kritisch gegenüber.“ Jetzt heiße es, in die Zukunft zu blicken – mit den Schwerpunkten Forschung und Investitionen, solide Haushaltspolitik „und, wo immer es möglich ist, auch Bürokratieabbau“.

Der Bundesvize der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, will das Nein Merkels nicht hinnehmen. Er hält rechtlich verbindliche Regelungen zur Vermeidung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz für überfällig. „Die steigenden Fehlzeiten und Frühverrentungen wegen psychischen Erkrankungen zeigen, dass politischer Handlungsbedarf besteht“, sagte Bäumler dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Hier werden Kosten aus der Arbeitswelt in die Krankenversicherung und Rentenversicherung verlagert.“

Der CDU-Politiker wies darauf hin, dass der Koalitionsvertrag eine Anti-Stress-Verordnung ausdrücklich nicht ausgeschlossen habe. „Das Arbeitsschutzgesetz sieht Durchführungsverordnungen zum Schutz vor Lärm und Vibrationen vor“, erläuterte Bäumler. Ohne Rechtsverordnungen sei die Verhängung von Bußgeldern wegen Verstößen gegen den Arbeitsschutz aber nicht möglich.

Zuletzt hatte Nahles erklärt, an dem Ziel einer Anti-Stress-Verordnung festhalten zu wollen. Es sei aber eine Herausforderung, diese „gesetzlich rechtssicher“ umzusetzen. Sie habe die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin deshalb beauftragt, herauszuarbeiten, ob und wie es möglich sei, „Belastungsschwellen“ festzulegen.

Fakten zur Smartphone-Sucht

1

1 mal pro Stunde checken Erwachsene ihr Handy. Erst checken, dann strecken: Jeder dritte Handy-Besitzer blickt nach dem Aufwachen als Erstes aufs Display, jeder zweite sagt als letzte Amtshandlung vor dem Einschlafen seinem Handy „Gute Nacht.“

(Quelle: Anitra Eggler, „Facebook macht blöd, blind und erfolglos.“)

3417

3417 Textnachrichten erhält ein amerikanischer Teenager zwischen 13 und 17 Jahren im Monat. Das sind bei einem 16-Stunden-Tag sieben bis acht Nachrichten pro Stunde.

68 Prozent

68 Prozent aller Handy-Besitzer leiden unter eingebildetem Vibrationsalarm. Sie erleben dieses Phänomen einmal pro Woche.

4,8 Milliarden

4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, hingegen nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Tendenz steigend: Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren.

20 Prozent

20 Prozent greifen nach dem Sex sofort zum Handy, hingegen nur noch 10 Prozent zur Zigarette danach.

60 Prozent

60 Prozent der britischen Jugendlichen können sich ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen und bezeichnen sich selbst als „hochgradig abhängig“. Bei den Erwachsenen sind es nur 37 Prozent – lügen die?

1 von 10

1 von 10 Handynutzern weiß nicht, wo der Ausknopf ist.

1 von 10 greift beim Gottesdienst zum Handy.

1 von 10 nutzt sein Handy während des Sex.

2 von 10

2 von 10 schalten ihr Handy nie aus.

2 von 10 tippen beim Autofahren - das wirkt wie bei 0,8 Promille.

3 von 10

3 von 10 Teens machen per SMS Schluss.

4 von 10

4 von 10 gehen nicht ohne Handy aufs Klo.

5 von 10

5 von 10 nutzen ihr Handy im Bett.

6 von 10

6 von 10 schlafen mit dem Handy - auf dem Nachttisch.

7 von 10

7 von 10 verzichten lieber auf Alkohol als auf ihr Smartphone.

„Es gibt unbestritten einen Zusammenhang zwischen Dauererreichbarkeit und der Zunahme von psychischen Erkrankungen, das haben mittlerweile auch die Arbeitgeber erkannt“, sagte Nahles. Es seien aber „allgemeingültige Kriterien“ nötig, „bevor wir den Betrieben etwas vorschreiben“. Erste Ergebnisse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin soll es ihren Angaben zufolge 2015 geben.

Kommentare (1)

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Herr Achim B.

24.09.2014, 16:41 Uhr

Ich kann nur hoffen, dass Frau Merkel in der Sache hart bleibt. Um nicht alles neu formulieren zu müssen, erlaube ich mir mal, aus dem eigenen Blog (wirkt.de) zu zitieren:
„Stressreduzierung heißt nicht nur Stressvermeidung, sondern auch Stressbewältigung. Letzteres erreicht man nicht, indem man permanent eine heile Welt und Wohlfühlatmosphäre um die Betreffenden herum konstruiert. Das produziert auf Dauer – hart gesagt – Weicheier und Warmduscher. Es heißt vielmehr, die Betreffenden zu befähigen, mit den Stressoren umzugehen!“

Wir haben in Deutschland KEIN rechtliches Problem mit Stress - eher im Gegenteil, im staatlichen Beglückungseifer (oder sollte ich sagen: Begluckungseifer) wird ohnehin schon viel zu viel zu Tode reguliert.
Stress ist in den meisten Fällen ein Führungsproblem. Und die Überanspruchung ist oftmals weniger eine physische als vielmehr eine psychische: nämlich emotionales Verhungern. Und das bewältigt man nicht auf dem Verordnungsweg. Wenn überhaupt eine (politische) Beglückung, dann sollte lieber dafür gesorgt werden, dass Führungskräfte nicht nur fachlich top ausgebildet sind, sondern auch in Sachen soft skills.

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