Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.10.2012

16:05 Uhr

Antrittsbesuch in Berlin

Gaucks Verhältnis zur Wirtschaft bleibt eine Baustelle

VonLin Freitag

Zum ersten offiziellen Rendezvous mit Berlin schleppt Wowereit den Bundespräsidenten zu jungen Gründern. Doch das Treffen fiel frostig aus. Beim Thema „Freiheit“ fällt Gauck viel ein, aber nicht unbedingt die Wirtschaft.

Bundespräsident Joachim Gauck und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit im Günderzentrum "Factory" in Berlin. dpa

Bundespräsident Joachim Gauck und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit im Günderzentrum "Factory" in Berlin.

BerlinJoachim Gauck lebt zwar schon seit fast 20 Jahren in Berlin, seit sieben Monaten residiert er als Bundespräsident im Schloss Bellevue - doch seinen "Antrittsbesuch" in der Hauptstadt absolvierte er an diesem  Montag. Auf dem Programm: ein Eintrag in das Goldene Buch der Stadt, eine Moscheebesichtigung  und eine Stippvisite im neuen Gründerzentrum „Factory“.

Das Treffen des Präsidenten mit den Gründern sollte eigentlich der Höhepunkt des Tages werden. Und es fing vielversprechend an, mit einem Helm für den Präsidenten. Denn die "Factory" in der Nähe der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, auf dem Gelände einer früherer Brauerei, ist noch ein Rohbau. Der Empfang fand in einer spartanischen Halle statt: Graffitis, ein Boden aus nacktem Beton, fünf mobile Heizpilze sorgten für etwas Wärme. Und zum Schutz der Gäste wurden Bauhelme verteilt.

Eine unkonventionelle Räumlichkeit für den Staatsbesuch – der Präsident, seine Lebensgefährtin Daniela Schadt und Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fühlten sich in dieser Atmosphäre auch nicht so richtig wohl. Nach einer kurzen Vorstellung des Gründerzentrum, stellte Gauck eine einzige knappe Frage: „Und wie finanziert sich das?“

Dann wollte der 72-Jährige lieber etwas sehen. So zog das Trio samt Entourage weiter, es erwartete sie eine exklusive Führung durch das Gründerzentrum.

Gaucks beste Sprüche

Gauck über die Euro-Krise

Gauck rief dazu auf, auch in der Euro-Krise am europäischen Gedanken nicht zu zweifeln. „Das Ja zu Europa gilt es zu bewahren“. Gerade in Krisenzeiten sei die Neigung besonders ausgeprägt, sich in den Nationalstaat zu flüchten. „Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.“
„Europa war für meine Generation Verheißung. Für meine Enkel ist Europa längst aktuelle Lebenswirklichkeit mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Nicht nur für meine Enkel ist diese Lebenswirklichkeit ein Gewinn.“

Gaucks Appell an die Regierenden

„Erst redet offen und klar, dann kann verloren gegangenes Vertrauen wiedergewonnen werden.“

Gauck über Demokratie

Der Bundespräsident mahnte, die repräsentative Demokratie nicht generell infrage zu stellen. Die repräsentative Demokratie sei das einzige System, das Gemeinwohl- und Einzelinteressen ausgleichen könne. „Das Besondere des Systems ist nicht seine Vollkommenheit, sondern dass es sich um ein lernfähiges System handelt“, fügte Gauck hinzu.
Und die aktive Bürgergesellschaft bis hin zur digitalen Netzgemeinschaft ergänze das System und gleiche Mängel aus.

Gaucks Appell an die Regierten

„Seid nicht nur Konsumenten.“

Gauck über Freiheit

„Freiheit ist eine notwendige Bedingung für Gerechtigkeit.“ Umgekehrt sei Gerechtigkeit aber auch „Grundlage für die Freiheit“.

Gauck über Integration und Gesellschaft

„Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen, andere Traditionen und Kulturen.
Der Staat definiere sich immer mehr durch die Zugehörigkeit seiner Bürger zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft. Der Bundespräsident warnte davor, in Fragen des Zusammenlebens sich „von Ängsten, Ressentiments und negativen Projektionen“ leiten zu lassen.

Gauck über (Selbst-)Vertrauen und Mut

„Ich bitte Sie alle, mutig und immer wieder damit zu beginnen, Vertrauen in sich selbst zu setzen“.
Gauck erinnerte an ein Zitat des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi (1869-1948), wonach nur ein Mensch mit Selbstvertrauen Fortschritt machen und Erfolge haben könne. Dann fügte er hinzu: „Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt.“

Gauck über aktive Bürger

Gauck sprach sich für die Stärkung der aktiven Bürgergesellschaft aus. Engagierte Bürger unterstützten die parlamentarische Demokratie und „gleichen Mängel aus“. Es seien gerade diese Bürger, die sich Demokratiefeinden und Extremisten entgegenstellen, sagte er. Zudem betonte Gauck die Notwendigkeit des Ehrenamtes.

Gauck zu Rechtsextremisten

„Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich“.
„Wir schenken euch auch nicht unsere Angst“.
„Ihr werdet Vergangenheit sein, und unsere Demokratie wird leben.“ Mit Blick auf die deutsche Geschichte nannte Gauck Deutschland ein „Land des Demokratiewunders“.

Gaucks Appell an die Deutschen

„Nur ein Mensch mit Selbstvertrauen kann Fortschritte machen und Erfolge haben - dies gilt für einen Menschen wie für ein Land.“
„Ob wir den Kindern und Enkeln dieses Landes Geld oder Gut vererben werden, das wissen wir nicht. Aber dass es möglich ist, nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen, davon haben wir nicht nur geträumt. Das haben wir gelebt und gezeigt.“

Gauck über die 68-Generation

Im Westdeutschland der Nachkriegszeit sei der Umgang mit dem Nationalsozialismus zunächst defizitär geblieben, sagte Gauck. „Erst die 68er-Generation hat das nachhaltig geändert.“ Trotz aller Irrwege habe sie die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt.

Gauck über Sport

„Wir brauchen den Sport in einer demokratischen Gesellschaft. Er ist ein wesentlicher Baustein.“ So hat Gauck vor einem Jahr im „Deutschlandfunk“ seine grundsätzliche Haltung zum Sport beschrieben.
Als Sportler könne man viel für das Leben lernen, und wenn da auch noch politisches Interesse dazu komme, „dann ist das ein großes Geschenk für die Gesellschaft“. Das hat Gauck in Berlin vor einer Woche bei seinem letzten öffentlichen Auftritt als Bürger Gauck vor jungen Eishockeyspielern gesagt, die sich eingesetzt haben für die von ihm angeführte Aktion „Für Zivilcourage - Gegen Diskriminierung im Sport.“
„Männer“, hat er hinzugesetzt, „ich verstehe nichts vom Eishockey, aber das was sie machen ist toll.“

In der Factory sollen künftig etablierte Firmen und Start-Up-Unternehmen, nebeneinander, vor allem aber auch miteinander arbeiten. Unter den  Investoren des Projektes befinden sich echte Spezialisten der Internetbranche. Neben Simon Schäfer, der zuvor bei dem Internet-Bezahlspezialisten Wirecard arbeitete, sind auch Marc Brucherseifer, Gründer des Mobilfunkanbieters Drillisch und Mario Suter, Mitbegründer des Sozialen Netzwerk Studi VZ  mit dabei.

Auch die ersten Mieter stehen schon fest: Die Online-Audio-Plattform Soundcloud und die Software-Entwickler von 6Wunderkinder sind bereits in den ersten, fertigen Teil eingezogen. Vertreter der Factory und den ansässigen Firmen begleiteten Gauck auf der Führung durch den 10.000 Quadratmeter großen Komplex.

Trotzdem, für die Wirtschaft blieb bei diesem Amtsantritt  nur wenig Zeit – nach fünf Minuten ist zumindest der öffentliche Teil schon wieder vorbei. Der ehemalige Bürgerrechtler Gauck blieb damit seiner bisherigen Linie treu. Gaucks Kernthema  ist schließlich die Freiheit, und die berührt die Finanzwelt nur in wenigen Punkten. 

Bürgermeister Wowereit gibt für Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt eine Führung am Brandenburger Tor. dpa

Bürgermeister Wowereit gibt für Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt eine Führung am Brandenburger Tor.

Doch bekannt ist, dass er sich auch für das Wirtschaftssystem mehr Freiheit wünscht. In seinem Buch „Freiheit. Ein Plädoyer“ schreibt er, dass Demokratie und Marktwirtschaft zwar einige Mängel aufweisen, das System aber lernfähig sei. In keiner anderen Ordnung seien Freiheit und Eigenverantwortung  besser gestaltet worden als in der Marktwirtschaft.

So verlief Gaucks Besuch ohne Überraschungen. Sogar bei der Auswahl des Bauhelmes, blieb der 72-Jährige seiner Linie treu - der parteilose Bundespräsident und seine Lebensgefährtin griffen zu einem Helm in neutralem Weiß. Klaus Wowereit entschied sich dagegen - wie sollte es auch anders sein - für ein sattes Rot.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

leser

22.10.2012, 18:06 Uhr

Bedauerlicherweise hat es Gauck bislang lediglich zum freiheitsverliebten Dampfplauderer gebracht.
Substantiell hat er bislang 0 (in Worten Null) zustandegebracht.
Gut: weniger wäre auch nicht mehr.
Aber außer freundlichen Umarmungsgesten, in der Wirtschaft wartet man förmlich drauf wie es scheint, vermag der pastorale Haustheologe der Bundesrepublik mit mehr bislang nicht aufzuwarten wie es scheint.

Account gelöscht!

23.10.2012, 13:54 Uhr

Gauck ist ein theatralischer, selbtverliebter Rumschwafler
Und liebes HB, von Ihrem Blatt erwarte ich korrekte Berichterstattung.
Gauck war nie ein Bürgerrechtler, also sollten Sie ihn auch nciht so benennen

Account gelöscht!

09.12.2012, 22:02 Uhr

Gauck ist ein weiteres Beispiel, wie das Verschachern von Pfründen durch die politischen Seilschaften das politische System entlarvt und damit den Widerwillen (von Verdrossenheit kann kaum noch die Rede sein, eher schon von Hass)der arbeitenden Bevölkerkung anfacht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×