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21.12.2011

10:28 Uhr

Anwalt Gernot Lehr

Wulffs menschlicher Schutzschild

VonDaniel Delhaes, Heike Anger

Der Präsident schweigt - und überlässt es seinem Anwalt, neue Enthüllungen Stück für Stück zu bestätigen. Damit hat der Medienrechtler Lehr Erfahrung:Wulff ist nicht sein erster Klient im Rang eines Staatsoberhauptes.

Wulff-Anwalt: Doch Verhandlungen mit Unternehmer Geerkens

Video: Wulff-Anwalt: Doch Verhandlungen mit Unternehmer Geerkens

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BerlinGernot Lehr steht im Foyer seiner Kanzlei und erduldet freundlich die Journalisten. Fragen an den Bundespräsidenten gingen über seinen Tisch, stellt der 54-jährige Medienrechtler den weiteren Verfahrensablauf klar. Er werde die Antworten vorbereiten, an Christian Wulff übersenden und schließlich freigeben.

Der Bundespräsident äußert sich nicht zu den aktuellen Informationen, daher war es Lehr, der den jüngsten Bericht bestätigte: Der Unternehmer Egon Geerkens war doch an den Verhandlungen rund um den 500 000 Euro-Kredit an Wulff beteiligt. In einer Stellungnahme für die Tageszeitung "Die Welt" betonte er zugleich, dass Kreditgeber die Ehefrau Geerkens gewesen sei: „Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt.“

Lehr hat Übung in diesem Prozedere, er ist der Präsidenten-Anwalt der Republik. Immer, wenn es in der Politik schmuddelig zu werden droht, soll Lehr den Ruf der Betroffenen retten. Er beriet schon den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, als dem Flüge auf Kosten der WestLB zu schaffen machten. Jetzt also den Nach-Nachfolger. Auch wenn Lehr feststellt: „Ich vertrete Christian Wulff – nicht den Bundespräsidenten“.

In der eigenen Zunft gilt Lehr als schlauer Kopf, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, sich jedoch nie aufspielt. Eine Besonderheit in der von Eitelkeiten geprägten Szene der Medienanwälte. Gernot Lehr, Sohn der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula Lehr (CDU), studierte Jura und Volkswirtschaft in Bonn und München. 1987 trat er in die Kanzlei Redeker Sellner Dahs ein, die seit den Zeiten der Bonner Republik bestens in die Politik verdrahtet ist.

So boxte die Sozietät etwa Helmut Kohl aus der Flick-Affäre. Lehr selbst half Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) in der Flugaffäre aus der Patsche, ebenso beriet er Wolfgang Thierse (SPD) wegen der angeblichen Kokainfunde im Bundestag.

Im Fall Wulff muss er erklären, wie dessen 500.000-Euro-Kredit, Ferien bei vermögenden Freunden und eine umstrittene Werbekampagne mit dem Amt vereinbar sind. Bei dem prominenten Namen blitzen Lehrs Augen schelmisch hinter der randlosen Brille. Schmunzelnd erzählt er, wie er schon Johannes Rau vertreten habe. Der musste im Amt des Bundespräsidenten entkräften, als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident die Flugzeuge der WestLB umsonst genutzt zu haben.

Wulffs Urlaubs-Freunde

Edith und Egon Geerkens

Egon Geerkens hat erst mit Schrott und dann mit Schmuck sein Vermögen gemacht. 2009 verbrachten Christian und Bettina Wulff ihren Weihnachtsurlaub in der Villa des Unternehmerehepaares in Florida. Geerkens sei zum Zeitpunkt der USA-Reise zum Jahreswechsel 2009/2010 nicht mehr unternehmerisch tätig gewesen. Aber auch schon 2003 und 2004 machte Wulff nach der Liste seiner Anwälte mit seiner damaligen Frau Christiane beim Ehepaar Geerkens in Spanien Urlaub. Der Bundespräsident ist mit dem medienscheuen Unternehmer seit vielen Jahren befreundet. Das Paar lebt inzwischen in Luzern in der Schweiz. In Osnabrück hatte Egon Geerkens zuletzt ein Schmuckgeschäft und mehrere Immobilien.

Wolf-Dieter Baumgartl

Der 68-Jährige Manager gilt als einer der wichtigsten Köpfe in der deutschen Versicherungsbranche. 1993 wurde er Vorstandschef des Versicherers HDI in Hannover, den er erfolgreich umbaute und auch durch Übernahmen vergrößerte. Baumgartl schuf den heute drittgrößten deutschen Versicherungskonzern Talanx. 2006 übernahm er den Talanx-Aufsichtsratsvorsitz. In einem Anwesen Baumgartls in Italien hatte sich Wulff mit seiner Frau im Jahr 2008 aufgehalten.

Angela Solaro und Volker Meyer

Über die beiden ist in der Öffentlichkeit nur sehr wenig bekannt. Das ältere Paar lebt auf der Nordsee-Insel Norderney, einem der liebsten Urlaubsziele von Wulff. Er soll dass Paar schon besucht haben, als er noch Landesvorsitzender der Jungen Union in Niedersachsen war. Womit die langjährigen Freunde ihr Geld verdienen, ist unklar. Laut Medien besitzen sie ein Süßwaren-Spezialitätengeschäft und vertreiben Feinkost. 2008 und 2009 hatte die Familie Wulff das Ehepaar auf Norderney besucht.

Carsten Maschmeyer

Der Unternehmer gilt als schillernde Persönlichkeit und begnadeter Verkäufer. Nach dem Abbruch eines Medizinstudiums gründete der 52-Jährige den Finanzdienstleister AWD und machte Millionen. 2007 übernahm der Versicherer Swiss Life den AWD. Maschmeyer, der mit der Schauspielerin Veronica Ferres liiert ist, gilt als wichtige Figur eines einflussreichen Kreises in Hannover aus Unternehmern, Politikern und anderen Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Sport. Er gilt als Freund sowohl von Altkanzler Gerhard Schröder als auch von Bundespräsident Christian Wulff. Wulff machte 2010 Urlaub in einem Appartement einer Ferienanlage Maschmeyers auf Mallorca.

Von Dezember 1999 bis März 2000 arbeiteten Lehr und sein Team alle Flüge aus Raus’ Amtszeit auf – und wiesen so nach, dass es keine Unregelmäßigkeiten gab. „Das waren die härtesten Berufsmonate meines Lebens“, sagt Lehr. Bislang – mag er innerlich anfügen. Schließlich kommt Wulff derzeit nicht aus der Schusslinie.

„Jeder Quatsch wird gefragt“, seufzt Lehr, während er Käsebrötchen in sein Büro bestellt. Wer die Hochzeitsfeierlichkeiten der Wulffs im Schlosshotel Münchhausen gezahlt hat? Wer noch in den Häusern anwesend war, während Wulff dort Urlaub machte? „Wir werden alles Punkt für Punkt aufklären“, versichert der Jurist. Im Fall Rau beteuerte seine Kanzlei einst, der erste Mann der Republik habe Anspruch darauf, sich an wichtige Details nicht ganz so genau zu erinnern. Unvollständigkeit und Unaufklärbarkeit seien deshalb als „Irrtum“ zu tolerieren. „Dieser Satz gilt heute generell auch“, meint Lehr.

Kommentare (13)

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MenschenZeitung

21.12.2011, 11:12 Uhr

wir werden aufklären... ja wann denn endlich?

anonym

21.12.2011, 11:19 Uhr

Unsere Demokratie lebt auch ein Stück weit davon, dass Regeln für alle gelten. Sollte also Herr Wulff mit seinem Verhalten "durchkommen"? Ja? Gut!

In diesem Fall werden wir als Unternehmen zukünftig auf unseren Präsidenten verweisen, wenn die Finanzbehörden mit ihrem Argument "geldwerter Vorteil" für Mitarbeiter o.ä. kommen.

Danke, Herr Wulff!

alex

21.12.2011, 11:24 Uhr

der sammelt bestimmt payback punkte

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