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30.06.2011

10:10 Uhr

Arbeitgeber-Image

"Die Bundeswehr wird Probleme bekommen"

VonGero Brandenburg

Mit dem Ende der Wehrpflicht muss die Bundeswehr ihr Image als Arbeitgeber überdenken - und auch offen über tödliche Gefahren in Afghanistan sprechen, sagt Armin Trost, Experte für Employer Branding. VON G. BRANDENBURG

Zigarettenpause: Deutscher Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Quelle: Reuters

Zigarettenpause: Deutscher Bundeswehrsoldat in Afghanistan.

Herr Trost, die Wehrpflicht endet, das Zeitalter der Freiwilligen Armee beginnt. Ist die Bundeswehr dafür gut aufgestellt?
Ich bin gespannt, wie diese große Organisation diese drastische Kehrtwende hinbekommt. Bisher hat sich die Bundeswehr im Wesentlichen über die Wehrpflicht bedient. Dieses Instrument der Personalgewinnung fällt jetzt weg. Künftig muss sie sich als Arbeitgeber positionieren und attraktiv darstellen, überzeugend im Arbeitsmarkt bewegen. Das ist eine große Herausforderung.

Sie haben Zweifel?
Teilweise. Das Thema Employer Branding, also die Pflege der Marke als Arbeitgeber, ist bei der Bundeswehr zwar nichts Neues. Es gab auch in der Vergangenheit Bereiche, die schwer zu besetzen waren: etwa bei den Kampfjetpiloten. Es gab Kampagnen, um geeignete Leute zu werben, insofern haben die Bundeswehr-Personaler durchaus Erfahrung. Aber wir reden jetzt von einem ganz anderen Volumen, immerhin benötigt die Bundeswehr 5.000 bis 15.000 Freiwillige. Zum Vergleich: Angesichts des Fachkräftemangels tun sich viele Unternehmen schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Die Bundeswehr wird sicher ähnliche Probleme bekommen. Sie braucht eine neue Einstellung, muss auf die Zielgruppe zugehen. Das ist nicht mehr Verwaltung, das ist jetzt eher Vertrieb. Wichtig ist zu wissen, was junge Leute wollen.

In punkto Gehalt kann die Bundeswehr mit der freien Wirtschaft nicht mithalten.
Ja, aber das Gehalt ist sicher nicht der primäre Antrieb für junge Leute. Viel entscheidender ist die Frage: Macht das, was ich tue, überhaupt Sinn? Jungen Arbeitnehmern ist das sehr wichtig. Die Bundeswehr muss Antworten liefern und erklären, wofür sie steht. Eine Kampagne wie "Tu was für Dein Land" oder der neue Slogan „Wir. Dienen. Deutschland“ appellieren an das Pflichtgefühl des Bürgers. Kein schlechter Ansatz. Allerdings weiß ich nicht, ob die junge Generation mit dem Begriff "Land" viel anfangen kann und wie potenzielle Bewerber zum Thema Patriotismus stehen.

Abschied von der Wehrpflicht

Wie lange gab es die Wehrpflicht in Deutschland?

Die Wehrpflicht hat in Deutschland eine rund 200-jährige Geschichte, wenn auch mit Unterbrechungen. Ihr Ursprung liegt in den Freiheitskriegen gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie dem unterlegenen Deutschen Reich im Versailler Vertrag von den Siegermächten verboten. 1935 führten die Nationalsozialisten sie wieder ein. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es zwölf Jahre, bis die Bundeswehr zur Wehrpflichtarmee wurde: Im Juli 1956 wurde nach heftiger Debatte das Wehrpflichtgesetz beschlossen, am 1. April 1957 rückten die ersten 10 000 Wehrpflichtigen in die Kasernen ein. Die DDR mit ihrer Nationalen Volksarmee (NVA) zog 1962 nach dem Mauerbau nach. Insgesamt leisteten 8,4 Millionen Männer den Pflichtdienst in der Bundeswehr.

Warum wird die Wehrpflicht ausgesetzt?

Weil sie sicherheitspolitisch und militärisch nicht mehr begründbar ist. Nach dem Ende des Kalten Krieges verlor sie immer mehr an Legitimation. Im vergangenen Jahr wurden nur noch 17 Prozent der jungen Männer eingezogen. Faktisch musste niemand mehr gegen seinen Willen zur Bundeswehr. Hinzu kam, dass die Dienstzeit so verkürzt wurde, dass eine sinnvolle Ausbildung kaum mehr möglich war. Zuletzt dauerte der Wehrdienst sechs Monate - auf dem Höhepunkt waren es 18 Monate. Der Pflichtdienst belastete so die Bundeswehr mehr, als er ihr nutzte.

Kann die Wehrpflicht wieder eingeführt werden?

Ja. Sie bleibt im Grundgesetz verankert und kann per einfachem Gesetz wieder eingeführt werden, wenn die Sicherheitslage das erfordert. Der Aufwand wäre allerdings immens und politisch wäre ein solcher Schritt nur schwer vermittelbar. Kein Land, das die Wehrpflicht in den vergangenen Jahrzehnten ausgesetzt hat, hat sie wieder eingeführt.

Gibt es einen Ersatz für den bisherigen Wehrdienst?

Es gibt einen freiwilligen Wehrdienst, der bis zu 23 Monate dauert und bis zu 15 000 Männern und Frauen offen steht. Nach den Vorstellungen von Verteidigungsminister Thomas de Maizière sollen mindestens 5000 freiwillig Wehrdienstleistende der Bundeswehr angehören. Für dieses Jahr hat er das Ziel bereits erreicht. Während Wehrdienstleistende bisher nur 378 Euro im Monat verdienen, werden es ab 1. Juli 777 bis 1146 Euro sein. Hinzu kommen weitere Leistungen wie Unterkunft, Verpflegung, ärztliche Versorgung oder Sozialversicherungsbeiträge.

Was wird aus dem Zivildienst?

Der Zivildienst ist an die Wehrpflicht gekoppelt und fällt damit ebenfalls weg. Die Bundesregierung will die Lücken etwa bei der Pflege alter und kranker Menschen durch einen Bundesfreiwilligendienst schließen. 35 000 Stellen pro Jahr sollen Männern uns Frauen jeden Alters offen stehen. Der Einsatz soll in der Regel zwölf, mindestens aber sechs und höchstens 24 Monate dauern. Das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr sollen durch den neuen Dienst ergänzt werden.

Sind Meldungen von toten Soldaten in Afghanistan der GAU für den Arbeitgeber Bundeswehr?
Nicht unbedingt. Die Bundeswehr muss eben verdeutlichen, warum sie diesen Einsatz mit mehr als 5000 Soldaten aktuell unterstützt. Als Arbeitgeber muss sie sogar kommunizieren, dass Afghanistan kein Spaß ist, die Soldaten gefährdet sind und sterben können. Wenn man die Dinge offen erklärt, ist das völlig okay für die Zielgruppe. Ein Fehler hingegen wäre es, in Klischees abzudriften und auf Werbeplakaten zum Beispiel den einsamen Soldaten vor Sonnenuntergang am Hindukusch zu zeigen. Ein echter GAU etwa war die Werbung für das österreichische Heer, indem Panzerfahrer von jungen Mädchen angehimmelt werden.

Die Armee ist sehr hierarchisch gegliedert. Das dürfte viele Bewerber abschrecken.
Junge Arbeitnehmer wollen in der Tat nicht mehr exakt das machen müssen, was der Chef sagt. Sie wollen ihren Job ein Stück weit selbst definieren und auch darüber entscheiden, mit wem sie arbeiten. Das könnte also mit der Hierarchie der Bundeswehr kollidieren. Aber auch in diesem Punkt ist Kommunikation gefordert, denn es ist wichtig, wie man diese Hierarchie vermittelt. Reine Macht aufgrund der formellen Position wird immer mehr hinterfragt. Es muss für die Leute nachvollziehbar sein, warum der Laden so läuft. Die Notwendigkeit der einzelnen Befehlsebenen in einer militärischen Organisation muss klar formuliert werden. Gleichzeitig gibt es aber durchaus viele Bereiche bei der Bundeswehr, wo die Mitarbeiter viele Freiheiten genießen und eigenverantwortlich entscheiden können. Die Bundeswehr ist technologisch und organisatorisch sehr professionell, auch im Personalmanagement sehr gut aufgestellt. Das sind eindeutig Pluspunkte im Employer Branding.

Dr. Armin Trost ist Professor für Human Ressource Management an der Hochschule Furtwangen.

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