Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.12.2015

10:00 Uhr

Arbeitsmarkt

Arbeitslosenzahl sinkt auf Rekordtief

43,4 Millionen Deutsche hatten im Spätherbst einen Job – so viele wie nie zuvor. Das sorgt für eine steigende Kauflaune, die die Konjunktur befeuern wird. Auch die Flüchtlingskrise spielt eine unerwartete Rolle.

43,4 Millionen Erwerbstätige wurden im Jahr 2015 in Deutschland gezählt, so viele wie nie zuvor. dpa

Jahresszahlen

43,4 Millionen Erwerbstätige wurden im Jahr 2015 in Deutschland gezählt, so viele wie nie zuvor.

Berlin, NürnbergDie Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im November um 16.000 auf 2,633 Millionen gesunken. Das sind 84.000 Erwerbslose weniger als vor einem Jahr, wie die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag in Nürnberg mitteilte. Die Arbeitslosenquote blieb unverändert bei 6,0 Prozent.

Damit erreicht die Zahl der Beschäftigten erneut einen Rekord. Im Oktober hatten rund 43,4 Millionen Menschen einen Job - entweder als Selbstständige oder als Arbeitnehmer, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Dies waren 387.000 Personen mit Wohnort in Deutschland mehr als vor einem Jahr und 125.000 mehr als im Vormonat. „Damit wurde der im September 2015 gemeldete Höchststand bei der Erwerbstätigkeit seit der Wiedervereinigung Deutschlands noch einmal übertroffen.“ Die Lage am Arbeitsmarkt sorgt dabei für eine gute Kauflaune der Verbraucher, die wiederum die Konjunktur spürbar anschiebt.

Die Historie der Hartz-Reformen

Startschuss 2012

Am 22. Februar 2002 wurde durch die Bundesregierung unter Gerhard Schröder eine Kommission mit dem Namen „Kommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ – kurz „Hartz-Kommission“ – eingesetzt. Sie gilt als Startschuss für die späteren Hartz-Reformen.

Peter Hartz

Peter Hartz ist ein ehemaliger deutscher Manager, der die „Hartz-Kommission“ leitete. Er war bis Juli 2005 der Personalvorstand und Vorstandsmitglied der Volkswagen AG. Nach ihm wurden die Arbeitsmarktreformen benannt.

Das Hartz-Konzept

Die Vorschläge der Kommission wurden in vier Phasen (Hartz I bis IV) umgesetzt und traten zwischen dem 1. Januar 2003 und dem 1. Februar 2006 in Kraft.

Ziel der Kommission

Das Ziel der Kommission war es, die Arbeitslosenzahl von damals offiziell vier Millionen innerhalb von vier Jahren zu halbieren. Die Kommission legte im August 2002 einen Bericht vor.

Hartz I

Hartz I beinhaltet einen Gleichstellungsgrundsatz: Leiharbeitnehmer müssen demnach zu denselben Bedingungen wie Stammarbeitnehmer des entleihenden Unternehmens beschäftigt werden. Im Klartext: Gleiche Arbeitszeit, gleiches Arbeitsentgelt und gleiche Urlaubsansprüche.

Hartz II

Hartz II regelt geringfügige Beschäftigungsverhältnisse: Als geringfügig Beschäftigter gilt, wer monatlich bis zu 400 Euro verdient. Der Beitragssatz zur Krankenkasse wird von zehn auf elf Prozent des Bruttolohnes erhöht und der Arbeitgeber zahlt eine pauschale Steuer in Höhe von zwei Prozent des Bruttolohnes.

Hartz III

Das „Dritte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 23. Dezember 2003“ organisierte die Restrukturierung und der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (Arbeitsamt) in die Bundesagentur für Arbeit (Agentur für Arbeit). Die Kommission erhoffte sich davon eine Effizienzsteigerung.

Hartz IV

Ab dem 1. Januar 2005 wurde die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe für Erwerbsfähige vollzogen. Das Einkommen wurde auf ein Niveau unterhalb der bis dahin geltenden Sozialhilfe festgelegt.

Kritik am Hartz-Konzept I

Das ehrgeizige Ziel des Hartz-Konzepts, die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf zwei Millionen Arbeitslose zu senken, wurde nicht erreicht. Gewerkschaften kritisieren die hohen Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger.

Kritik am Hartz-Konzept II

Der Gegenseite gehen die Kürzungen für Hartz-IV-Empfänger nicht weit genug: Sie sehen in der Bundesrepublik eine übermäßige Erwartungshaltung der Menschen an den Staat als Versorger.

Zudem hätten Arbeitssuchende selten im Spätherbst eine so große Auswahl an Job-Angeboten wie in diesem Jahr. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) kletterte die Zahl der offenen Stellen im November auf ein neues Rekordniveau. Die BA beruft sich dabei auf den monatlich ermittelten Stellenindex BA-X; dieser war im November auf den neuen Rekordwert von 206 Punkten geklettert – und damit vier Punkte höher als im Oktober.

Als Beschäftigungstreiber erweist sich auch die Zuwanderung von Flüchtlingen. So sei die stark gestiegene Nachfrage nach Wach- und Sicherheitspersonal, bei Sozialdiensten und der öffentlichen Verwaltung auffällig. „Dieser Zuwachs dürfte vor allem mit dem hohen Bedarf an Arbeitskräften im Umfeld des Flüchtlingsmanagement zusammenhängen“, betont die Bundesagentur.

Freie Stellen gebe es außerdem im Handel, im Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch in der Industrie sowie bei Anwälten, Unternehmensberatern, Werbeagenturen und Marketingexperten. Ein Drittel der angebotenen freien Stellen haben wie schon in den Vormonaten Leiharbeitsunternehmen gemeldet.

Handelsblatt Jobturbo: Gesundmacher sind gefragt

Handelsblatt Jobturbo

Gesundmacher sind gefragt

Die eigene Gesundheit nimmt bei vielen einen immer höheren Stellenwert ein. Das schafft neue Bedürfnisse – und Arbeitsplätze. Die Gesundheitswirtschaft bleibt ein Treiber der Beschäftigung. Wer die größten Chancen hat.

Auch Volkswirte deutscher Banken schätzen den deutschen Arbeitsmarkt derzeit stabil ein. Die Ökonomen gehen für November im Vergleich zum Vormonat von einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit um rund 10.000 auf 2,64 Millionen aus. Dies wären knapp 80.000 weniger als vor einem Jahr. Nach Einschätzung von Allianz-Ökonom Rolf Schneider hat der Arbeitsmarkt im November von dem wohl wieder etwas stärkeren Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2015 profitiert.

Unklar ist noch, wie schnell sich die Flüchtlingszuwanderung negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Möglicherweise werde sie erst im Jahr 2017 zu stärker steigenden Arbeitslosenzahlen führen, prognostizieren einige Fachleute. Zwar werde im kommenden Jahr die Erwerbslosenzahl auf jeden Fall steigen, womöglich werde der Anstieg aber geringer ausfallen als zunächst erwartet wurde.

Zur Begründung verweisen die Bankökonomen auf die schleppenden Asylverfahren. „Viele Verfahren werden noch eine Weile laufen. Daher ist es derzeit schwer zu sagen, wann die erste Welle von arbeitssuchenden Flüchtlingen bei den Jobcentern zu erwarten ist“, meint etwa Commerzbank-Ökonom Eckart Tuchtfeld. So geht Allianz-Volkswirt Schneider für 2016 im Jahresschnitt lediglich von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um 50 000 aus, Tuchtfeld sogar nur von 40.000.

Die günstige Arbeitsmarktentwicklung „habe auch die steigende Arbeitslosigkeit von Ausländern kompensiert. Die Flüchtlingskrise hat den NRW-Arbeitsmarkt noch nicht in dem Maße erreicht, wie wir es erwarten mussten. Wir sehen den Zuwachs in den kommenden Monaten und sind landesweit gut darauf vorbereitet“, so Christiane Schönefeld, Chefin der NRW Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×