Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2011

16:44 Uhr

Arbeitsmarkt

Die Schattenseite des deutschen Jobwunders

Der deutsche Aufschwung geht weiter - auch nach zwei Jahren scheint der Zenit noch nicht überschritten. Doch vielen Arbeitslose schadet der Aufschwung: Denn viele Förderprogramme werden gestrichen.

Hinter der strahlenden Statistik treten Einzelschicksale vieler Arbeitsloser zurück. Quelle: dpa

Hinter der strahlenden Statistik treten Einzelschicksale vieler Arbeitsloser zurück.

NürnbergFür manche ist die gute Nachricht aus Nürnberg längst Routine: "Nichts Neues vom deutschen Arbeitsmarkt", betitelte am Dienstag etwa die Unicredit-Bank etwas gelangweilt ihre Analyse zur aktuellen Lage. Tatsächlich präsentierte sich der deutsche Stellenmarkt im Mai nicht anders als in den vergangenen zwölf Monaten: Nach Abzug von Saisoneffekten befindet sich die Zahl der Jobsucher kontinuierlich im Sinkflug. Die Zahl der Erwerbslosen sank mit 2,96 Millionen sogar unter die Drei-Millionen-Marke. Damit dauert der Job-Boom unerwartet lang an.

Und kaum ein Arbeitsmarktexperte zweifelt derzeit daran, dass das im Ausland viel bestaunte "deutsche Jobwunder" angesichts einer boomenden Wirtschaft mit dicken Auftragspolstern vorerst weitergeht. Denn viele Unternehmen suchen reihenweise gute Ingenieure, Techniker und Facharbeiter und werben sich nach Beobachtungen der Bundesagentur für Arbeit sogar gegenseitig Kräfte ab. Zu groß ist bei manchem Firmenchef die Sorge, mit Lieferproblemen dauerhaft alte Kunden zu verlieren.

Dass die Zahl der Jobsucher im Mai nur unterdurchschnittlich gesunken ist, ist nach Experteneinschätzung noch kein Indiz für einen Anfang vom Ende des Job-Booms. Schließlich wurden zugleich die Arbeitsmarktprogramme drastisch zurückgefahren. Allein die Zahl der Ein-Euro-Jobber ist nach Kürzungen der schwarz-gelben Bundesregierung seit vergangenem Jahr um 36 Prozent auf 197.000 gesunken. Außerdem nehmen immer weniger Arbeitslose an Fortbildungs- und Trainingskursen teil, landen dadurch in der BA-Statistik und sorgen so für steigende Arbeitslosenzahlen.

Was die einen als "mehr Ehrlichkeit in der Arbeitsmarktstatistik" rühmen, geißelt etwa der Paritätische Wohlfahrtsverband als "Arbeitsmarktpolitik mit der Abrissbirne" auf Kosten von Langzeitarbeitslosen. Ihre Zahl lag in den vergangenen Jahren je nach Jahreszeit beständig zwischen 800.000 und 900.000. Von dem Job-Boom der vergangenen zwei Jahre haben sie ungleich weniger profitiert als Menschen, die kürzer als ein Jahr erwerbslos waren. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) spricht von "Sparplänen zulasten von Risikogruppen", die schleunigst korrigiert werden müssten.

Die Bundesagentur sieht die Lage naturgemäß weniger dramatisch. Bei der guten Konjunktur und den deutlich verbesserten Jobchancen sei es vollkommen angemessen, die Programme der sogenannten aktiven Arbeitsmarktpolitik zurückzufahren, betonte der Vorstand an Dienstag. Dass die Arbeitsmarktprogramme aber stärker gekappt werden als die Zahl der Hartz-IV-Empfänger sinkt, hatte erst unlängst BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt eingeräumt. So kämen nach den Plänen der Bundesregierung 130.000 Langzeitarbeitslose weniger in den Genuss von Förderprogrammen, obwohl die Zahl der Hartz-IV-Betroffenen nur um 75.000 zurückgehe.

Kritiker fordern zudem schon lange eine ehrlichere Arbeitslosenzahl. Denn rechnet man sämtliche Jobsucher in Förderprogrammen und alle Kurzarbeiter zur amtlichen Zahl hinzu, gab es im Mai eigentlich 4,178 Millionen Männer und Frauen, die gerne arbeiten würden. Diese Zahl der sogenannten Unterbeschäftigten taucht zwar im monatlichen Statistik-Band der Bundesagentur auf, spielt aber bei der Bekanntgabe der offiziellen Arbeitsmarktzahlen kaum eine Rolle. Immerhin macht aber auch diese Kennziffer deutlich: In Deutschland ist die Zahl der Erwerbslosen in den vergangenen Monaten rasant zurückgegangen.

Von

dpa

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Nachwuchs

31.05.2011, 20:37 Uhr

Arbeitslose wollen keine Förderprogramme, meist noch sinnlos, sondern sie wollen auf dem 1. Arbeitsmarkt zu menschenwürdigen Bedingungen eingestellt werden. Sie wollen keinen 1 Eurojob bzw. als unvermittelbare Langzeitarbeitslose in der Kartei geführt werden, nur weil die Arbeitsvermittler sich weigern bzw. nicht gewillt sind, die Leute in Arbeit zu vermitteln!

wiwi

30.06.2011, 12:03 Uhr

Die Arbeitslosenstatistik ist m. E. reine Augenwischerei. Wie bereits im Artikel erwähnt fallen alle Personen, die sich in Weiterbildungsmaßnahmen befinden bzw. in Kurzarbeit sind, aus der Statistik heraus. Ebenso ist es mit Studenten, die bereits einen Abschluss in der Tasche haben, aber aufgrund mangelnder Berufserfahrungen keinen Job finden und stattdessen weiter studieren. Habe seit einem Jahr einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und suche seitdem verzweifelt eine Arbeitsstelle. Die Begründungen bei den Absagen sind immer dieselben: fehlende Berufserfahrung, aber fachlich sehr gut. Der propagierte Fachkräftemangel scheint in meinem Bereich noch nicht angekommen zu sein. Der Nachfrageüberhang seitens der Bewerber ist noch enorm hoch. Die Politk lügt sich mit der Arbeitslosenstatistik selbst in die Tasche...

Account gelöscht!

30.06.2011, 19:25 Uhr

Das Arbeitsamt kann man getrost vergessen. Die haben ja nicht mal von den ganz normalen Berufen Ahnung.
Arbeitslose Vorstandsekretärin wird vom Arbeitsamt in eine Firma geschickt, die angeblich eine Chefsekretärin suchen.
Freudig fährt diese junge Frau dahin und dann sind sie und der Personalchef der Firma aufs Arbeitsamt nur noch stinkesauer.
Die Firma suchte eine Lohnbuchhalterin, davon hatte die seit vielen Jahren als Chef- und Vorstands-Sekretärin arbeitende Fru keinerlei Ahnung.
Antwort des Arbeitsvermittlers als sie ihm Vorwürfe machte "wer das Kaufmännische mal gelenrt hat, kann das" Noch blöder geht es nicht mehr.
Weiß der nicht, dass man, wenn man sich im Beruf spezialisiert, gerade von Buchhaltung jeder Art keinerlei Ahnung mehr hat? Nach vielen Jahren genügt da das einmal Gelernte nun wirklich nicht mehr.
Auch der Personalchef der Firma wird nicht mehr übers Arbeitsamt suchen.
Die Arbeitsämter sind untauglich

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×