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19.03.2016

09:35 Uhr

Arbeitsmarkt

Forscher sehen Flüchtlinge anfangs vor allem als Hilfskraft

Viele Flüchtlinge wollen in Deutschland möglichst schnell arbeiten. Rasch unterkommen werden sie aus Expertensicht jedoch vor allem in Helferjobs. Bei vielen ist noch einiges an Weiterbildung nötig.

Informationsmaterial über „Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung“. Viele Flüchtlinge wollen in Deutschland möglichst schnell arbeiten. dpa

Jobprojekt für Flüchtlinge

Informationsmaterial über „Flüchtlinge in Arbeit und Ausbildung“. Viele Flüchtlinge wollen in Deutschland möglichst schnell arbeiten.

NürnbergViele Flüchtlinge werden nach Ansicht von Forschern zunächst nur als Hilfskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt unterkommen. Für höher qualifizierte Jobs sei meist noch Weiterbildung nötig, sagte Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Deutschen Presse-Agentur. Gut 70 Prozent der Flüchtlinge hätten keine abgeschlossene Berufsausbildung. Schon jetzt strebten Zuwanderer vor allem in die Gastronomie und wirtschaftsnahe Dienstleistungen wie Sicherheitsberufe, Reinigung, Handel- und Lagerarbeiten.

Die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit (BA) geht davon aus, dass von den etwa 1,1 Millionen Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr in Deutschland erfasst wurden, noch etwa 800 000 hier sind.

Kritische Themen in der Koalition

Flüchtlingspolitik

Zwischen den Schwesterparteien herrscht Eiszeit. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die SPD setzen weiter voll auf eine europäische Lösung in Kooperation mit der Türkei. Die CSU lehnt das nicht ab, trommelt aber seit Wochen für eine nationale Obergrenze bei der Zahl der Flüchtlinge und eine härtere Gangart an der deutschen Grenze – vergeblich. Unmittelbar vor dem EU-Gipfel stellt CSU-Chef Horst Seehofer Bedingungen für einen Pakt mit der Türkei auf.

Leiharbeit und Werkverträge

Damit Firmen Leiharbeit und Werkverträge nicht missbrauchen, hat Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) einen Reformvorschlag präsentiert. Alle waren sich einig, bis die CSU Nahles ein Stoppschild zeigte. Die CSU kritisiert, Nahles schieße über das vereinbarte Ziel hinaus – zu Lasten der Wirtschaft. Die SPD fordert nun ein Machtwort der Kanzlerin. Gelöst werden könnte der Streit in größerer Runde im Koalitionsausschuss.

Erbschaftssteuer

Beim Vererben von Firmenvermögen sitzen die Verfassungsrichter der Koalition im Nacken. Zum 1. Juli muss die Reform der Erbschaftsteuer in Kraft sein. Karlsruhe hatte gerügt, dass Erben großer Familienunternehmen mit Steuerbefreiungen zu gut wegkommen. In Berlin waren sich Union und SPD einig – bis CSU-Chef Horst Seehofer ein Veto einlegte, um noch mehr für die Wirtschaft herauszuholen. Dass Karlsruhe die Regierung per Vollzugsanordnung zum Handeln zwingen muss, gilt aber als unwahrscheinlich.

Integration

Damit Hunderttausende Flüchtlinge Deutsch lernen, eine Sozialwohnung und Arbeit finden, werden nach Koalitionsberechnungen fünf bis sechs Milliarden Euro extra für die Integration gebraucht. Auch wenn sich Union und SPD nach dem provokanten Ruf von SPD-Chef Sigmar Gabriel nach einem neuen Solidarpaket für Einheimische zoffen, in der Sache liegen sie gar nicht weit auseinander. Grünes Licht muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) geben – die SPD droht mit einem Nein zum Bundeshaushalt, falls Schäuble sich quer stellt.

Die Helferjobs seien zum Teil körperlich und mental anstrengend. Außerdem seien die Verdienste niedrig und die Arbeitslosigkeitsrisiken überdurchschnittlich hoch. Deutsche Arbeitnehmer wollten diese Jobs immer seltener machen. „Daher müssen wir sehen, dass wir berufsbegleitend etwas für diese Menschen tun und sie einen Aufstieg haben können“, sagte Brücker über die Flüchtlinge. Auch BA-Vorstand Detlef Scheele sagte: „Es darf nicht heißen: Einmal Helfer, immer Helfer.“ Dies sei auch wichtig, damit es künftig keine Konkurrenz zwischen einheimischen Langzeitarbeitslosen und gering Qualifizierten sowie Flüchtlingen gibt.

Die Zahl der potenziellen neuen Arbeitskräfte unter den Flüchtlingen bleibe zunächst überschaubar, sagte Brücker. 2015 hätten 141 000 Flüchtlinge einen Schutzstatus und damit unbeschränkten Arbeitsmarktzugang erhalten. Von ihnen waren 110 000 im erwerbsfähigen Alter. Zusammen mit den Asylbewerbern, die in diesem Jahr kommen, könnten es am Ende des Jahres zwischen 500 000 und 620 000 zusätzliche neue Arbeitskräfte sein.

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Arbeitsmarktintegration Zeit brauche. Im ersten Jahr habe nur knapp ein Zehntel der Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter einen Job. Nach fünf Jahren stieg dieser Anteil auf rund die Hälfte. Und nach 15 Jahren waren es 70 Prozent.

Die wichtigste Voraussetzung für die Integration in den Arbeitsmarkt sei eine schnelle Entscheidung über das Bleiberecht. „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist daher der wichtigste Akteur, denn ohne Rechtssicherheit geht gar nichts“, sagte Brücker. Theoretisch dürften Flüchtlinge inzwischen nach drei Monaten arbeiten. „Aber das funktioniert nicht.“

Viele Asylbewerber müssten acht Monate auf eine Entscheidung warten. Davor vergingen oft weitere drei Monate, bis sie ihren Antrag stellen können. „Je länger jemand aus dem Arbeitsprozess draußen ist, desto schwieriger wird es, ihn wieder rein zu bekommen.“

Bislang wurde die Allgemeinbildung der Asylbewerber nicht gezielt erfasst. Etwa die Hälfte der Zuwanderer über 18 Jahren gab freiwillig Auskunft. Demnach besuchten etwa 46 Prozent eine höhere Schule vergleichbar mit einem Gymnasium. Etwa ein Viertel ging auf keine oder eine Art Grundschule. Ein weiteres Viertel besuchte eine Mittel- oder Fachschule. Fachkräfte, die ohne weitere Qualifizierung in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten, gebe es daher unter den Flüchtlingen nur wenige. Viele Migranten brächten auch nicht die Voraussetzungen für eine Ausbildung oder ein Studium mit. Dafür sei gut ein Drittel von ihnen zwischen 18 und 25 Jahre alt und damit im richtigen Alter für eine Lehre.

Von

dpa

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